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Bachelor-Studium eine Sackgasse?

Thorsten Stegemann 23.09.2008

Der Deutsche Hochschulverband plädiert für einschneidende Veränderungen des umstrittenen Bologna-Programms

"Der Bologna-Prozess steckt in einer tiefen Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise. Das ist ein Alarmzeichen, das niemanden kalt lassen kann", kritisierte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, als Mitte August die Ergebnisse des [extern] 10. Studierendensurveys vom Bundesministerium für Bildung und Forschung vorgestellt wurden.

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Kempens Widerspruch kam nicht von ungefähr, denn obwohl sich die Beurteilung der deutschen Hochschullandschaft im Vergleich zu den katastrophalen Werten vergangener Jahre insgesamt leicht verbessert hatte, monierten viele Nachwuchsakademiker die konkrete Umsetzung des sogenannten [extern] Bologna-Prozesses, mit dessen Hilfe die EU-Staaten bis zum Jahr 2010 einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum schaffen wollen.

Abgesehen davon, dass nur noch eine Minderheit an eine Attraktivitätssteigerung der hiesigen Bildungstempel für ausländische Studierende glaubte, fühlten sich viele Nachwuchsakademiker durch die "verschulte" Studienplanung eingeengt und bezweifelten zentrale Versprechen der Bologna-Reform. Das galt sowohl für die Optimierung der wissenschaftlichen Qualität als auch für die Verbesserung ihrer Berufsperspektiven.


Die Ergebnisse sind alarmierend und besorgniserregend. Die Wunschvorstellungen der Bologna-Befürworter decken sich nicht mit der Lebenswirklichkeit der Studierenden. (...) Der Bologna-Prozess in Deutschland ist nur noch zu retten, wenn massiv gegengesteuert wird.
Bernhard Kempen


Schwierigkeiten bei Ortswechseln und Leistungsnachweisen - weiterhin hohe Abbrecherquoten

Der Deutsche Hochschulverband, der als bundesweite Berufsvertretung der Universitätsprofessoren und des wissenschaftlichen Nachwuchses derzeit mehr als 23.000 Mitgliedern vereint, hat seine Kritik Anfang des Monats präzisiert und durch Alternativvorschläge ergänzt.

Neun Jahre nach dem Start und gut ein Jahr vor der geplanten Vollendung des Bologna-Prozesses sieht der Verband die ehrgeizige Strukturreform als "weitgehend misslungen" an. Die wichtigsten Ziele seinen "bestenfalls partiell und in Ansätzen" erreicht worden, weil es bislang nicht gelungen sei, einige der wichtigsten Aufgaben zufriedenstellend zu lösen.

So könne von einem europäischen Hochschulraum schon deshalb keine Rede sein, weil die einzelnen Studiengänge mittlerweile so spezialisiert sind, "dass bereits ein innerdeutscher Studienortwechsel während des Bachelor-Studiums nahezu unmöglich ist."

Außerdem habe die straffe Organisation des Bachelor-Studiums nicht dazu beigetragen, die Zahl der Studienabbrecher deutlich zu verringern. Stattdessen liege die Zahl der Gesamtabbrecher an den Universitäten momentan bei 20 Prozent und an den Fachhochschulen bei 22 Prozent. Im Bereich der Bachelor-Studierenden weise die Statistik sogar Werte von 25 und 39 Prozent aus, die vor allem durch Abbrecher in den naturwissenschaftlichen und ingenieurwissenschaftlichen Fächern verursacht würden.

Auch die Anerkennung von Leistungsnachweisen an neuen Studienorten, die durch Bologna entscheidend vereinfacht und praktisch kein Problem mehr darstellen sollte, ist in den Reformjahren offenbar weiter erschwert worden.


Das ECTS-Kreditpunktesystem wird von Land zu Land unterschiedlich angewandt. Studienleistungen werden dadurch kaum noch vergleichbar. Von einem suggerierten Automatismus der Anerkennung von Studienleistungen sind wir weiter entfernt als vor der Reform.
Deutscher Hochschulverband


Master Ing. = Dipl.-Ing.

Der Hochschulverband unterbreitet sechs Vorschläge, mit welchen die drängendsten Defizite behoben und die Bologna-Reform vielleicht doch noch zum Erfolg geführt werden könnte. Er plädiert zunächst dafür, den Master zum Regelabschluss eines universitären Hochschulstudiums zu machen, das damit deutlich verlängert und insgesamt aufgewertet werden soll. Der Bachelor, der eine Eilausbildung in sechs Semestern ermöglicht, wegen der rigiden Studienplanung und der mangelnden wissenschaftlichen Vertiefung aber besonders umstritten ist, bliebe zwar erhalten, würde jedoch nur noch "einen ersten zum Beruf befähigenden Abschluss" darstellen.

Der Hochschulverband möchte dauerhaft dafür sorgen, dass nicht mehr 20 bis 30, sondern 70 bis 80 Prozent der Nachwuchsakademiker ihr Studium mit dem Master abschließen. Um das Verhältnis von Bachelor und Master umzukehren, müssen allerdings flächendeckend zusätzliche Lehrkapazitäten geschaffen werden.

Überdies werben die Hochschulvertreter für eine Beibehaltung der "traditionellen deutschen Studienabschlüsse", die "weltweit anerkannt" und ein Aushängeschild nachweisbarer wissenschaftlicher Exzellenz geworden seien. Der Master-Abschluss soll deshalb in Zukunft auch als "Diplom" klassifiziert und benannt werden können, zumal die ergänzende Definition den Bundesgesetzgeber "lediglich einen Federstrich" koste.


Förderprogramm für Mobilitätspakte, Employment-Prämie und Bologna-Moratorium

Da sich das Verfahren der Akkreditierung nach Einschätzung des Hochschulverbandes bis dato als untauglich erwiesen hat, um "konkrete Mobilitätsmöglichkeiten zu definieren" oder die Zulassung von Studiengängen "von einer Mobilitätsoption abhängig zu machen", schlägt die Vertretung die Einrichtung eines neuen Mobilitätsprogramms vor. In diesem Rahmen sollen einzelne Hochschulen mit ihren Partnern im In- und Ausland ein gemeinsames Curriculum oder gemeinsame Übergangs- und Schnittstellen vereinbaren, die das Ziel haben, die erbrachten Studienleistungen gegenseitig anzuerkennen. Der Hochschulverband geht davon aus, dass nur bi- oder multilaterale Absprachen, die gegebenenfalls durch ein Bundesprogramm prämiert werden, die geplante Mobilität innerhalb der Bachelor-Studiengänge garantieren können.


Der Bund lobt gemeinsam mit den Ländern eine Prämierung für diejenigen Hochschulen aus, die anhand von Programmen und konkreten Einzelmaßnahmen nachweisen, dass sie um eine studiengangsspezifische oder studiengangsnahe Erstanstellung der Hochschulabsolventen auf dem außeruniversitären Arbeitsmarkt Sorge tragen.
Deutscher Hochschulverband

Mit Hilfe dieser "Employment Prämierung" sollen die deutschen Hochschulen motiviert werden, sich weit intensiver als bislang mit der beruflichen Zukunft ihrer Studierenden und potenziellen Absolventen auseinander zu setzen. Der Verband verspricht sich davon positive Effekte auf die Qualität der Hochschulausbildung, die konkrete Praxisorientierung und den Ausbau der "Career Center", die bislang vielerorts ein Schattendasein führen oder noch gar nicht auf den Weg gebracht wurden. Abschließend fordert der Deutsche Hochschulverband ein nicht exakt beziffertes Moratorium für alle Studiengänge, die bislang noch nicht auf Bachelor und Master umgestellt wurden (etwa 30 Prozent).


Angesichts der bisherigen Erfahrungen mit der Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland ist solange von einer weiteren Einführung gestufter Studienmodelle in noch nicht umgestellten Fächergruppen abzusehen, bis der Nachweis erbracht ist, dass die neuen Studiengänge den herkömmlichen Studiengängen überlegen sind.
Deutscher Hochschulverband

Gut möglich, dass der Bologna-Prozess überhaupt noch nicht in Gang gekommen wäre, wenn ein solcher Nachweis vor der Umstellung für alle Studiengänge verpflichtend hätte erbracht werden müssen.


Warnung vor der Mottenkiste

Vertreter der deutschen Wirtschaft, die sich von der vermeintlichen Effizienz und Internationalität der neuen Studiengänge zahllose High Potentials erhofft hatten, die sich an streng organisierte Arbeitstage gewöhnen konnten, [extern] reagierten ebenso schnell wie unmissverständlich auf die Vorschläge des Hochschulverbandes. Der viel beschäftigte Thomas Sattelberger, der als Personalvorstand der Deutschen Telekom AG und Vorsitzender des gemeinsamen Arbeitskreises Hochschule/Wirtschaft von Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und Hochschulrektorenkonferenz (HRK) fungiert, wertete die Initiative als Rückfall in die "Mottenkiste der Geschichte" und "fahrlässiges Gerede".

Schließlich habe die Wirtschaft immer wieder deutlich gemacht, "dass die Bachelor-Absolventen in den Unternehmen willkommen sind". In eben diesen meinte Sattelberger auch bereits eine steigende Zahl von Bachelor-Absolventen gesichtet zu haben. Viele von ihnen meisterten erfolgreich den Berufseinstieg und nähmen überall "hervorragende berufliche Entwicklungsmöglichkeiten" wahr.

Der Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, Arend Oetker, wollte ebenfalls festgestellt wissen, dass die Zufriedenheit der Studenten mit dem Studium momentan so groß ist, "wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik". Allerdings müssten "Qualität und Inhalte" konsequent weiter verbessert werden. Das eigentliche Ziel des Bologna-Prozesses definierte Oetker dann noch einmal mit wünschenswerter Klarheit. Am Ende seien die Unternehmen vornehmlich daran interessiert, die "Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen" zu optimieren.


Falscher Blues und echte Probleme

Der Deutsche Hochschulverband steht mit seiner Kritik an der zweifelhaften Ziel- und bedenklichen Umsetzung des Bologna-Prozesses nicht allein. Der Konstanzer Literaturwissenschaftler [extern] Albrecht Koschorke, der als Sprecher des Netzwerkes "Transatlantische Kooperation" auch und gerade die internationalen Auswirkungen der deutschen Studienreformen verfolgt, wirft der europäischen Bildungspolitik ebenfalls eine Vielzahl unerledigter Hausaufgaben und ein besonders [extern] schwerwiegendes Versäumnis vor.


Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Bologna-Prozess, der alle Mitgliedsländer auf ein vergleichbares Studiensystem verpflichtet, ganz gegen alle Absichtserklärungen die studentische Mobilität in Europa tatsächlich nicht fördert, sondern behindert. Zwar haben alle Länder das gleiche System von zu erwerbenden credit points, aber in der Anerkennung von Leistungsnachweisen gehen sie weit auseinander. Das B.A.-System ist also ein Beispiel dafür, dass bürokratische Angleichungsmaßnahmen die Dinge komplizierter statt einfacher machen können - ein Effekt, den Sozialwissenschaftler als "nichtintendierte Folgen institutionellen Handelns" beschreiben.
Albrecht Koschorke

Insofern scheint es kaum angebracht, die Einwände allein dem [extern] Bachelor-Blues frustrierter Hochschullehrer zuzuschreiben.

Allerdings gilt es zu bedenken, dass das deutsche Bildungssystem seine Leistungsstärke und Konkurrenzfähigkeit nicht erst im Zuge der Bologna-Reformen verloren, sondern lange vorher leichtfertig aufs Spiel gesetzt hat. Die Hochschullehrer, die jetzt eine Reform der Reform verlangen, sind zum Teil identisch mit denjenigen, die einen jahrzehntelangen Reformstau zu verantworten oder ihn stillschweigend begleitet haben.

Dass der Bologna-Prozess immer wieder aus dem Tritt kommt und oft in Gefahr gerät, auch seine positiven Zielsetzungen - strukturierteres Studium, größerer Praxisbezug, mehr Internationalität - weit zu verfehlen, hat sicher auch damit zu tun, dass die Lehrenden an Universitäten und Fachhochschulen die Veränderungen nicht als Strukturreform begreifen wollen und derzeit noch entschiedener auf frontale und autoritäre Unterrichtsmethoden setzen.


Nebenjobs und Höchstleistungen im Studium

Detaillierte Erkenntnisse erwarten viele Experten von einer Studie der [extern] Hochschul Informations System GmbH, die das Thema Studienabbruch unter besonderer Berücksichtigung der Bachelor-Studiengänge genauer analysieren wird. Die Untersuchung soll allerdings erst im Frühjahr 2009 vorliegen.

Bis dahin lässt sich freilich schon erkennen, dass der Bologna-Prozess, wenn er denn noch mit Erfolg realisiert werden soll, in vielen Punkten nachgebessert werden muss. Das gilt nicht nur für die institutionelle Ebene, die vom Hochschulverband vornehmlich beanstandet wurde. Die aktuelle Regelung verschlechtert darüber hinaus die soziale Situation vieler Studierender, die darauf angewiesen sind, neben ihrer akademischen Tätigkeit zu arbeiten, um die finanziellen Mittel für gestiegene Lebenshaltungskosten, Lehrmittel und gegebenenfalls auch noch für hohe Verwaltungsgebühren und Studienbeiträge aufbringen zu können.

Die LandesAstenKonferenz (LKA) Bayern, ein Zusammenschluss der Studierendenvertretungen im Freistaat, hat Anfang des Monats eine [extern] Plakatkampagne gestartet, die genau diesen Zusammenhang zum Thema macht. Auf der einen Seite, so Philipp Schrögel vom Sekretariat der LAK-Bayern, seien viele Nachwuchsakademiker gezwungen, einen oder auch mehrere Jobs anzunehmen, um sich nicht schon vor Beginn der Berufslaufbahn zu verschulden.


Gleichzeitig aber fordert die Umstellung des Studiums auf das modularisierte Bachelor/Master System mit starren Stundenplänen und einem kontinuierlichem Prüfungsdruck einen hohen Zeitaufwand für das Studium selbst. Angesichts dieses Widerspruchs sind gute Studienleistungen oft kaum zu erreichen und der Blick über den Tellerrand des eigenen Fachs oder gar ehrenamtliches Engagement wird fast unmöglich.
Philipp Schrögel, Mitglied des Sekretariats der LAK-Bayern

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Kommentare lesen (60 Beiträge)
nein nein... (Landarzar 9.10.2008 18:33)
Ich jammer nicht (rakan 28.9.2008 11:40)
Turrrrrboooooo (von Braun 25.9.2008 16:36)
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