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Sigmar Gabriel in Nöten

Wolfgang Pomrehn 21.10.2008

Die Energie- und Klimawochenschau: Eine "unbequeme Wahrheit" für den Bundesumweltminister und unangenehme Nachrichten aus der Arktis

Jedes Jahr lässt sich das Bundesumweltministerium vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt eine so genannte Leitstudie über die Entwicklung der erneuerbaren Energieträgern erstellen. Jeweils auf aktuellem Stand wird darin zusammengefasst, wie der Ausbau vorankommt, welchen Beitrag zur Energieversorgung bereits geleistet wird und künftig zu erwarten ist. So auch in diesem Jahr.

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Letzte Woche wurde die Studie veröffentlicht, oder was man so veröffentlicht nennt. Für gewöhnlich wird die Studie nämlich mit Pressekonferenz von Minister Sigmar Gabriel (SPD) persönlich den Medien vorgestellt, um ihr breitest mögliche Aufmerksamkeit zu bescheren.

Doch in diesem Jahr war alles anders. Still und heimlich wurde die Studie auf die Seite des Umweltministeriums [extern] gestellt, und Gabriel lud statt dessen im kleinen Kreise zum Pressefrühstück ein. Journalisten, von denen kritische Nachfragen zu erwarten waren, wurden mehr oder wenig höflich abgewimmelt.

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Bei Lachshäppchen ging es dann nicht etwa die am gleichen Tag "veröffentlichte" Studie, sondern um eine Geschichte mit Bart: ALG-II-Empfänger sollen Zuschüsse beim Erwerb energiesparender Kühlschränke [extern] bekommen. Der Wirtschaftsminister von der CSU hatte das schon seit längerem gefordert, neu war nur, dass Gabriel seine Meinung [extern] geändert hatte.

Doch wofür dieses skurile Ablenkungsmanöver von der eigenen Studie? War ihr Ergebnis etwa desaströs? Waren die Windmühlen zu Hunderten umgeknickt? War vielleicht herausgekommen, dass Fotovoltaikanlagen radioaktiv strahlen? Nichts von alldem. Die Branche entwickelt sich prächtig und übertrifft regelmäßig die Erwartungen. Im Jahr 2020 werden die Erneuerbaren 30 Prozent zur Stromversorgung beitragen und 180 Milliarden Kilowattstunden im Jahr liefern, deutlich mehr, als heute von AKWs bereitgestellt wird.

Der Grund, dass Gabriel so verschämt mit dem 191-Seiten-dicken Bericht hinterm Berg hielt, war ein anderer: Klipp und klar rechnet ihm der Autor Joachim Nitsch vor, dass er mit den geplanten Kohlegroßkraftwerken sein Klimaschutzziel nicht erreichen wird. 88.000 Megawatt (MW) neuer Kraftwerksleistung müssen bis 2020 zur Verfügung gestellt werden, weil AKWs und auch viele Kohlekraftwerke in die Jahre kommen. (Für letztere hat der Autor eine Laufzeit von 40 Jahren angenommen, um den Ersatzbedarf zu ermitteln.) 59.000 MW können die erneuerbaren liefern. Der Rest müsse hauptsächlich mit Gaskraftwerken, die ohnehin viel flexibler sind und Wind und Sonne daher besser ergänzen, und mit Kraftwärmekoppelung geschafft werden. Wenn man davon ausgehe, dass die CO2-Emissionen bis 2020 gegenüber 1990 um 36 Prozent gesenkt werden sollen – das offizielle Ziel der Bundesregierung lautet 40 Prozent – dann seien bestenfalls 9.800 MW an neuen Kohlekraftwerken "zulässig".

CO2-Emissionen in Tonnen pro Jahr und Kopf der Bevölkerung in ausgewählten Ländern im Jahre 2006. EU-15 meint die 15 Mitgliedsstaaten, die die EU vor 2004 hatte. In Deutschland liegen die Emissionen derzeit bei etwas über zehn Tonnen pro Kopf und Jahr. Geht man davon aus, dass die Kyoto-Ziele hierzulande erreicht werden, und berücksichtigt man auch die anderen Treibhausgase (umgerechnet in so genannte CO2-Äquivalente), dann sind es 11,9 Tonnen pro Kopf und Jahr.
*Required: Auf zwei Tonnen pro Kopf und Jahr müssen die Emissionen reduziert werden, um das globale Klima zu stabilisieren.
Quelle: Steve Howard und Wu Changhua, 2008: Chinas Green Revolution

Im Bau befänden sich aber bereits 2.900 MW, worin vermutlich Hamburg Moorburg, das erste "grüne" Kraftwerk der Republik (siehe: [local] Neue Industrielle Revolution gefordert) mit seinen 1600 MW, noch nicht enthalten ist. Schlimmer noch: Weitere 20.000 MW befinden sich in Planung und zum Teil bereits im Genehmigungsverfahren. Werden diese Vorhaben tatsächlich umgesetzt, dann können Gabriel und seine Bundeskanzlerin ihren Klimaschutz vergessen. Aber das hat in Deutschland ja Tradition: Wen interessiert heute noch, dass der westdeutsche Bundeskanzler Helmut Kohl im Sommer 1990 versprach, die Treibhausgas-Emissionen seines Landes würden bis 2005 um 25 Prozent reduziert.


Unter der Voraussetzung, dass 28 GW an fossilen Altkraftwerken zwischen 2005 und 2020 stillgelegt werden, können im Leitszenario neue fossil gefeuerte Kraftwerke mit einer Leistung von 29 GW errichtet werden. Dabei sollten 9 GW in Kohlekraftwerken nicht überschritten werden, die übrigen 20 GW sind mit Erdgas zu betreiben, wenn die im Leitszenario 2008 ermittelte CO2-Reduktion von 36% nicht gefährdet werden soll.
Leitstudie 2008

Dabei hat die Leitstudie 2008 einmal mehr demonstriert, dass hierzulande inzwischen tatsächlich die industriellen Kapazitäten bestehen, um in den nächsten Jahrzehnten den notwendigen radikalen Wandel in der Energieversorgung zu bewerkstelligen. Bis 2030, so die Studie mit ihren im Vergleich zu anderen Prognosen (siehe: [local] Überflüssige Kohle) eher konservativen Annahmen, können die Erneuerbaren bereits 50 Prozent des Bruttostromverbrauchs liefern. Gegenüber der derzeitigen Entwicklung würde das übrigens eine Verlangsamung des Wachstums bedeuten.

Interessantes findet sich in der Studie auch zu den Mehrkosten der Erneuerbaren gegenüber den endlichen, konventionellen Energieträgern, den so genannten Differenzkosten. 2015, so schätzt der Autor, wird Windstrom mit Kohle konkurrieren können, die Fotovoltaik ab 2020. Für alle Sektoren zusammen, also auch den Wärme- und Verkehrssektor stellt er fest:

Die jährlichen Differenzkosten des gesamte EE-Ausbaus auf Basis der Erzeugungskosten beliefen sich im Jahr 2007 auf 6,7 Mrd. €. Davon stammen 57% von der Stromversorgung. Sie steigen (bei Bezug auf Preispfad A) noch auf 8,5 Mrd. € im Jahr 2010 und gehen danach deutlich zurück. Um das Jahr 2022 entstehen keine Differenzkosten mehr. EE decken dann 20% des gesamten Endenergieverbrauchs und vermeiden bereits 200 Mio. t CO2/a. Leitstudie, Hervorhebungen im Original


Auf dünnem Eis

Wie nötig rasches Handeln ist, machen einmal mehr die jüngsten Nachrichten aus dem hohen Norden deutlich: Dass sich in der Arktis der globale Klimawandel besonders bemerkbar macht, hat sich vermutlich bereits herumgesprochen. Für alle, die es genauer wissen und wollen, zum Beispiel weil ihre Lebensbedingungen sich dadurch dramatisch verändern, erstellt die US-Klima- und Meeresbehörde [extern] NOAA (National Oceanic and Atmospheric Organisation) jährlich einen Zustandsbericht, die so genannte [extern] Arctic Report Card.

Letzte Woche war es mal wieder so weit, und was die NOAA-Wissenschaftler mitzuteilen hatten, war nicht gerade beruhigend. Nur knapp hatte das Meereis-Minimum, das jeweils im September eintritt, unter dem Rekordwert des Vorjahres gelegen. Lediglich 4,7 Millionen Quadratkilometer waren Mitte September auf dem arktischen Ozean von Eis bedeckt. Zu Beginn der regelmäßigen Satellitenmessungen Ende der 1970er Jahre war es noch annähernd doppelt so viel gewesen.

Meereis auf der Nordhalbkugel im Jahresgang. Man erkennt deutlich, dass besonders das sommerliche Minimum immer kleiner wird, und dass sich die Entwicklung offensichtlich zu Beginn des Jahrtausends beschleunigt hat. Grafik: NOAA

Nun wirkt das Eis im Sommer kühlend auf das arktische und letztendlich das ganze nordhemisphärische Klima. Etwa 60 Prozent beträgt seine Reflektivität, das heißt, ist wirft rund 60 Prozent der einfallenden Sonnenstrahlen zurück. (Meteorologen und Klimaforscher nennen dieses Phänomen Albedo, wobei das arktische Meereis im Sommer, wenn sich auf ihm Wasserlachen bilden, ein durchschnittliches Albedo von 0,6 hat.)

Man kann sich leicht vorstellen, welchen Unterschied es da macht, wenn größere Wasserflächen in der Zeit der fast ununterbrochenen sommerlichen Sonneneinstrahlung eisfrei sind. Wesentlich mehr Energie wird vom arktischen Klimasystem aufgenommen, und entsprechend haben die NOAA-Wissenschaftler [extern] registriert, dass in den letzten Jahren im Herbst die Lufttemperatur über großen Teilen der Arktis rund fünf Grad über dem langjährigen Mittel lag.

Das behindert natürlich im Herbst und bis in den Winter hinein die Eisneubildung, und daher wird das Eis immer dünner. Die Fläche die mit dem dickeren, mehrjährigen Eis bedeckt ist, hat besonders seit Ende der 1990er Jahre rasch abgenommen, wie unten stehende Grafik zeigt. Innerhalb eines Jahrzehnts um ein knappes Drittel.

Die Bedeckung des arktischen Ozeans mit mehrjährigem Eis, Fläche in Millionen Quadratkilometern aufgetragen über der Zeit. Die Rauten markieren Daten, die mithilfe von Drift-Boyen auf dem Eis in Zusammenhang mit Modellrechnungen gewonnen werden, die schwarzen Quadrate markieren Satellitenmessungen. Die durchgezogene Linie ist eine mathematisch angepasste Kurve, die den Verlauf verdeutlichen soll. Deutlich zu sehen ist, wie der Rückgang des mehrjährigen Eises in den 1970ern einsetzt – parallel zum Beginn der in der Arktis beobachteten Erwärmung – und wie er sich Ende der 1990er erheblich beschleunigt. Grafik: NOAA

Die Tatsache, dass der größte Teil des Nordpolarmeeres inzwischen nur noch von dünnem, einjährigen Eis bedeckt ist, macht es natürlich wahrscheinlicher, dass im drauf folgenden Jahr das Eis noch weiter zurückgeht. Die Wissenschaftler sprechen von einer positiven Rückkoppelung. Irgendwo gibt es einen Punkt, wo der Prozess kaum noch aufzuhalten ist, bis die Arktis und mit ihr das Klima auf der Nordhemisphäre, in einen neuen Modus springt.

Dann wäre der dortige Ozean nur noch während der kalten Jahreszeit eisbedeckt und im Sommer, während die Sonnen nördlich des Polarkreises nie unterm Horizont verschwindet, mehrere Monate eisfrei. Die Folge wäre eine weitere Erwärmung der ganzen Region, die einen Rücksprung in den vorherigen Zustand immer unwahrscheinlicher macht. Die Frage ist eigentlich nur, wie weit wir noch von diesem Punkt ohne Wiederkehr entfernt sind.

Dramatik hätte diese Entwicklung nicht nur für die weiten Permafrostgebiete Nordamerikas und Eurasiens, die sich in methanemittierende Sümpfe verwandeln könnten und damit das globale Klima weiter anheizen würden. Auch das benachbarte Grönland würde sich enorm verändern.

Links: Zeitlich ausgedehntes Tauen auf Grönland im Sommer 2007. Eisfreie Gebiet sind schwarz. Je roter eine Region eingefärbt ist, desto länger hat es – im Vergleich zum langjährigen Mittelwert – dort getaut.
Rechts: Veränderungen des Albedos, das heißt, der Reflektivität, im August 2007 im Vergleich zum Mittel der Jahre 2000 bis 2007. Blau Abnahme, rot Zunahme. Durch Schmelzwasser wird das Albedo verringert. Die blauen Gebiete geben also in etwa jene Gegenden wieder, in denen es getaut hat. Grafik: NOAA (Bild vergrößern)

Dort hat offensichtlich schon jetzt der Eisverlust deutlich zugenommen. Während die Schneefälle in den letzten Jahren annähernd gleich geblieben sind, nehmen Tauen und Kalben zu. 2007, so [extern] berichten die NOAA-Leute, war die Fläche, auf der das Eis schmolz um 60 Prozent größer als im Jahr 1998, dem bisherigen Rekordhalter für ausgedehntes Tauen auf Grönland. Zugleich dauerte im Durchschnitt das Tauen 20 Tage länger als normal. In vielen Regionen in 2000 bis 2400 Meter Höhe gar über 50 Tage länger.

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Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28972/1.html

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Kommentare lesen (142 Beiträge)
die gegenwärtigen Emissionen reichen aus (Brummkreissel 28.10.2008 19:53)
oh, täusch Dich da nicht (Brummkreissel 28.10.2008 19:52)
Eine Trennung lässt sich sicher machen. (Lochkarte 28.10.2008 11:49)
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