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Teure Bildungsreisen

Thorsten Stegemann 07.11.2008

Die Studie über die Auswirkung von Studiengebühren, die von der Bundesregierung zunächst unter Verschluss gehalten wurde, ist endlich veröffentlicht worden

Seit Wochen liegt der Bundesregierung ein Bericht der Hochschul-Information-System GmbH mit dem Ungemach versprechenden Titel [extern] Studiengebühren aus der Sicht von Studienberechtigten vor. Veröffentlicht wurde der vollständige Text erst Ende letzter Woche, wofür wohl zwei Gründe ausschlaggebend waren: Die Ergebnisse konnten so nicht den medienwirksam inszenierten und mit vielen Versprechungen dekorierten Bildungsgipfel am 22. Oktober stören. Außerdem blieben den Verantwortlichen im Bundesministerium für Bildung und Forschung noch ein paar Tage Zeit, um den widerspenstigen Zahlen wenigstens beruhigende Interpretationen an die Seite zu stellen.

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Der Erklärungsbedarf begann denn auch gleich beim Veröffentlichungstermin. Neben der zurückgehaltenen Studie habe die HIS GmbH an dem Bericht [extern] Studienanfänger im Wintersemester 2007/08 gearbeitet, der gerade erst fertiggestellt worden sei.


Um ein kohärentes und aktuelles Bild zum Thema Studiengebühren abzugeben, werden beide Studien gemeinsam veröffentlicht.
Bundesministerium für Bildung und Forschung

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Studium ja oder nein?

Die Untersuchungen basieren auf der Befragung von jeweils gut 5.000 Studierenden, die im Schuljahr 2005/06 die Hochschulreife erworben beziehungsweise im Wintersemester 2007/08 ein Studium aufgenommen haben. Tatsächlich können sie ergänzend gelesen werden, bieten dem interessierten Beobachter aber auch unabhängig voneinander wenig Verständnisschwierigkeiten.

So kommt der bereits vor Wochen abgeschlossene Bericht "Studiengebühren aus der Sicht von Studienberechtigten" zu dem Schluss, dass durch die Einführung von Studiengebühren "eine nennenswerte Zahl von Studienberechtigten" von einer akademischen Laufbahn abgehalten wird. 6.000 Schülerinnen und Schüler, die im Jahr 2006 ihre Hochschulreife erworben haben, entschieden sich aufgrund der Campusmaut gegen das eigentlich beabsichtigte Studium – weitere 12.000 verschoben eben deshalb eine endgültige Entscheidung für oder gegen eine akademische Ausbildung.

Vielfach handelte es sich um Frauen und Studienberechtigte aus den berühmten "hochschulfernen" Elternhäusern. Aber auch potenzielle Nachwuchsakademiker, die bislang gar nicht von Gebühren betroffen sind, befürchten, über kurz oder lang zur Kasse gebeten zu werden. Jeder fünfte ostdeutsche Studienberechtigte, der sich persönlich und fachlich noch nicht für oder gegen eine akademische Ausbildung entschieden hat, fühlt sich in seiner Wahl beeinträchtigt und will möglicherweise einen anderen Ausbildungsweg wählen.

Die Sorge vor einer kritischen finanziellen Situation, die in einem Schuldenberg nach Abschluss des Studiums gipfeln könnte, bildet nach Ansicht der HIS GmbH eine "zentrale Motivgruppe" für junge Menschen, die sich schließlich gegen ein Hochschulstudium entscheiden. Noch häufiger würden nur die Erklärungen "möchte möglichst bald selbst Geld verdienen", "praktische Tätigkeit interessiert mehr als ein theoretisches Studium", "habe ein festes Berufsziel, das kein Studium voraussetzt" und "ein Studium dauert zu lange" genannt.


Die Wahl der Hochschule

Die große Mehrheit der Studierenden käme kaum auf den Gedanken, Studiengebühren als attraktiven Standortfaktor in ihre Überlegungen einzubeziehen. Doch zwei Prozent der Jung-Akademiker wählen gezielt eine Hochschule mit Studiengebühren, weil sie sich hier eine bessere Ausbildung erhoffen.

Interessant sind dabei vor allem zwei Aspekte: In der HIS-Studie wurde die bescheidene Zahl noch mit dem Zusatz "lediglich" versehen - in der Pressemeldung, die zeitgleich mit der positiven Gesamteinschätzung des Bildungsministeriums veröffentlich wurde, erschienen die beiden Prozente den Autoren plötzlich "bemerkenswert". Dieses Attribut verdient sicher auch die anhaltende Skepsis der Nachwuchsakademiker, die im Verlauf der letzten Semester nachgelassen hat, aber immer noch deutlich spürbar ist. Nur jeder zweite Studienberechtigte, der bereits Studiengebühren zahlt oder noch zur Kasse gebeten wird, erwartet ernsthaft, dass sich die Studienbedingungen durch die Zahlung der Campusmaut deutlich verbessern werden.


Ihre Position an der Hochschule sehen 30 % der Studienberechtigten, die Studiengebühren zahlen oder demnächst damit rechnen, gestärkt. Der mit 45 % größere Anteil betrachtet sich hingegen aufgrund allgemeiner Studiengebühren nicht als "fordernden" Kunden.
HIS

Immerhin 54 Prozent der Nachwuchsakademiker brauchen bei ihrer Entscheidung für einen Studienort keine Rücksicht darauf zu nehmen, ob in dem jeweiligen Bundesland Gebühren erhoben werden oder nicht. Gleichwohl konnten "deutliche Unterschiede" festgestellt werden, sobald der Berufsabschluss der Eltern in die Untersuchung einbezogen wurde. Demnach spielen Studiengebühren bei der Wahl der Hochschule eine geringere Rolle, wenn mindestens ein Elternteil ein Universitätsstudium abgeschlossen hat.


Mama und Papa als Studienfinanzierer

Der Bildungsstand und die berufliche Qualifikation der Eltern hat in der Regel unmittelbare Folgen für das familiäre Gesamteinkommen. Kein Wunder also, dass die Eltern "mit Abstand am häufigsten" als Quelle zur Finanzierung von Studiengebühren in Betracht kommen.

61 Prozent aller Studienanfängerinnen und Studienanfänger mussten zum Wintersemester 2007/08 Studiengebühren zahlen, drei von fünf konnten sich dabei ausschließlich auf die Hilfe von Eltern, Verwandten oder Partnern verlassen. 14 Prozent verfügten angeblich "über ausreichende eigene Mittel", 21 Prozent mussten die zusätzlichen Ausgaben durch Nebenjobs decken. Die von Wirtschaft und Politik immer wieder versprochenen Stipendien bleiben dagegen für die meisten jungen Akademiker ein Phantom. Gerade einmal zwei von hundert Studierenden eröffnet sich auf diese Weise eine Möglichkeit, die umstrittenen Gebühren zu zahlen.

Die soziale Ungleichheit, die das deutsche Bildungssystem seit vielen Jahren kennzeichnet, zeigt sich auch bei Mischkalkulationen zur Studienfinanzierung. Viele Studierende greifen auf mehrere Quellen zurück, und die bloße Möglichkeit, hier zu wählen und zu variieren, spiegelt ebenfalls eine soziale Ausgangsposition.


Während bei den Studienanfängern mit akademischem Bildungshintergrund 86 % Verwandte, Partner und Eltern als Finanzierungsquelle heranziehen können, sind es bei den Studienanfängern mit nicht akademischem Bildungshintergrund lediglich 67 %. In Bezug auf das Jobben zeigt sich ein komplementäres Bild: 62 % der Studienanfänger ohne stehen 51 % der Studienanfänger mit akademischen Bildungshintergrund des Elternhauses gegenüber. 7 % der Studienanfänger aus akademischem Elternhaus und 13 % der Erstimmatrikulierten, deren Eltern über keinen akademischen Abschluss verfügen, finanzieren die Studiengebühren (zumindest teilweise) über ein eigens dafür aufgenommenes Darlehen.
HIS


Mobilität und sozialer Status

Glaubt man der HIS-Untersuchung zum Wintersemester 2007/08, spielte die Gebührenfrage bei jedem dritten Studienanfänger eine entscheidende Rolle, wenn es um die Wahl der Hochschule ging. Für sieben Prozent war sie "ausschlaggebend", drei Prozent wollen an eine gebührenfreie Hochschule wechseln, zwei Prozent ihr Studium ganz abbrechen, und acht Prozent gaben andere negative Beeinträchtigungen zu Protokoll.

Doch es gibt noch viele weitere Bereiche, in denen die Chancenungleichheit des deutschen Bildungssystems zum Tragen kommt und vor allem für Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Familien gravierende Nachteile hat. Eine dritte aktuelle HIS-Studie analysiert den Zusammenhang von [extern] Räumlicher Mobilität und sozialer Selektivität, der für die Umsetzung des Bologna-Prozesses, sprich: den regen Austausch innerhalb des europäischen Hochschulraums, von zentraler Bedeutung ist.

Autor Markus Loerz weist darauf hin, dass gerade einmal 27 Prozent der Studienberechtigten aus einer nicht-akademischen Familie an einer Hochschule immatrikuliert sind, die mehr als 100 Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt ist. Auch bei Kindern aus Akademikerfamilien ließe sich der Wert noch steigern, doch er liegt immerhin deutlich höher, bei derzeit 35 Prozent.


Dieser Unterschied ist hoch signifikant und lässt sich nur bedingt über unterschiedliche Fachpräferenzen, leistungsspezifische Unterschiede und/oder familiäre Bindungen am Heimatort erklären.
Markus Loerz

Studienberechtigte aus akademischen Elternhäusern beginnen ihre Hochschullaufbahn aber nicht nur öfter an weiter entfernten Bildungseinrichtungen, sie sind auch im Verlauf der Ausbildung deutlich mobiler als ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen. Loerz geht davon aus, dass sie "signifikant häufiger" (17 Prozent zu 6 Prozent) die Hochschule wechseln als Studienberechtigte aus einem nicht-akademischen Elternhaus.


Verunsicherte Studenten, sensible Frauen

Bei der Bewertung der HIS-Analysen stellte sich das Bundesbildungsministerium wie erwartet nicht der zentralen Frage, wie auf Dauer 40 Prozent eines Jahrgangs zu Akademikern ausgebildet sollen, wenn sich Tausende junger Menschen gegen ein Studium entscheiden - aus finanziellen und sozialen Gründen, persönlichen und praktischen Erwägungen oder wegen der anhaltenden Verunsicherung, die eine an vermeintlichen Eliten und sogenannten wissenschaftlichen Spitzenleistungen orientierte Reformpolitik mit sich bringt.

[extern] Studierende erwarten Qualität fürs Geld lautet der seltsame Kommentar, der den akademischen Nachwuchs zum zahlenden Kunden machen und ernüchternde Zahlen in eine Erfolgsstatistik umbiegen will.

Von aufgegebenen Studienplänen ist keine Rede – die Einführung der Campusmaut habe lediglich bei 3,6 Prozent der Studienberechtigten "zu Verunsicherung" geführt. Zudem reagierten Frauen und Studienberechtigte aus hochschulfernen Elternhäusern "sensibler" auf die aktuellen Entwicklungen als andere Gruppen. Es folgen die üblichen Gemeinplätze, mit denen die zuständige Ministerin Annette Schavan (CDU) nun schon seit ihrem Amtantritt durch die Republik pilgert. Dass sich seitdem wenig zum Positiven verändert zu hat, scheint sie nicht zu stören. An diesem Punkt ist Bildungspolitik dann eben wieder Ländersache.


Aus sozialen Gründen darf niemand vom Studium abgehalten werden. (…) Auf dem Bildungsgipfel haben wir uns das klare Ziel gesetzt, mehr jungen talentierten Menschen ein Studium zu ermöglichen. Klar ist: Ein Studium lohnt sich – es ist die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und trägt bei zum Aufstieg durch Bildung.
Annette Schavan


Zahlen und Interpretationsirrlichter

Die Betroffenen sehen oft weniger optimistisch in die Zukunft und betrachten die aktuelle Lage deutlich kritischer. An den nackten Zahlen ändern schließlich auch die phantasievollsten Deutungsversuche nichts.


Zu allererst ist festzuhalten: Studiengebühren schrecken vom Studium ab - die HIS-Studie bestätigt unsere Befürchtungen in voller Gänze. Diese Nachricht ist nun öffentlich und statistisch repräsentativ in aller Ausführlichkeit unterlegt.
Anja Gadow

Anja Gadow, Mitglied im Vorstand des "freien zusammenschlusses von studentInnenschaften" (fsz), möchte zudem festgestellt wissen, dass im Befragungszeitraum nur in Nordrhein-Westfahlen und Niedersachsen Studiengebühren eingeführt waren. Mittlerweile wurde die Abgabe in fünf weiteren Bundesländer beschlossen und in Hessen (vorerst) wieder zurückgenommen. Eine erneute Befragung könnte folglich leicht zu noch ungünstigeren Ergebnissen führen.

Vehement widersprach die Studierendenvertretung auch der von HIS GmbH und Bildungsministerium aufgestellten Behauptung, die Campusmaut sei ein nachrangiger Grund für die Entscheidung zum Studienverzicht. Schließlich könnten junge Menschen, die mehr Wert darauf legten, möglichst schnell eigenes Geld zu verdienen, praktisch zu arbeiten oder einen Beruf auszuüben, für den keine akademische Ausbildung benötigt wird, gar nicht erst zu den potenziellen Studienanfängern gezählt werden.

Die Sicht des christdemokratisch geführten Bildungsministeriums stieß in den vergangenen Tagen nicht nur bei Studierenden auf Kritik. Auch [extern] Bündnis 90/Die Grünen und [extern] Linkspartei widersprachen der offiziellen Lesart, die selbst beim Koalitionspartner für Ärger sorgte. Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Christel Humme und der bildungs- und forschungspolitische Sprecher Jörg Tauss [extern] werteten die Kommentare aus dem Hause Schavan als "statistische Winkelzüge und Interpretationsirrlichter". Die Ziele des Bildungsgipfels seien auf diese Weise ebenso wenig erreichbar wie die Vereinbarungen des Koalitionsvertrages. Das Thema dürfte damit auch in den bevorstehenden Wahlkämpfen auf Bundes- und Länderebene weiter eine wichtige Rolle spielen.


Wofür zahlen?

Die Akzeptanz oder Ablehnung der Studiengebühren hängt wesentlich von den Rahmenbedingungen und Folgewirkungen ab. Solange nicht wenigstens ausreichend Stipendien zur Verfügung stehen, um finanziell schwächer gestellten Nachwuchsakademikern den Hochschulzugang zu erleichtern, wird die Abgabe umstritten bleiben. Aber auch die Verwendung der Gebühren stößt vielerorts auf wenig Gegenliebe. Zwar waren einige Hochschulen klug genug, die zusätzlichen Mittel tatsächlich in die Erweiterung des Lehrangebots und eine bessere Betreuungssituation zu investieren, doch bundesweit gehen etwa zwei Drittel der Studierenden nicht zwingend davon aus, dass "ihre" Gelder zweckdienlich verwendet werden.

An der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg monierten die Studierenden bereits im Sommer 2007, dass 4,5 Millionen Euro der eingenommenen 15 Millionen für Zwecke verwendet würden, "die nichts mit Studium und Lehre zu tun haben". Und auch in diesem Jahr empfanden die Studierendenvertreter ihre Teilnahme an den Etatgesprächen nur als Beitrag "zur Herstellung des gesetzlich vorgeschriebenen Benehmens". De facto besäßen sie " keinerlei Mitbestimmung bei der Verteilung der Studiengebühren", ein "nicht zu vernachlässigender Anteil" werde auch weiterhin ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen verteilt.

Ende vergangener Woche [extern] beschlossen 700 Teilnehmer der Vollversammlung des "allgemeinen unabhängigen studierendenausschusses" zum Sommersemester 2009 einen [extern] erneuten Boykottversuch zu unternehmen. Auch wenn Proteste dieser Art in den vergangenen Jahren regelmäßig zum Scheitern verurteilt waren, offenbaren sie eine tiefe Kluft zwischen den selbsternannten Bildungsdienstleistern und ihren unwilligen Kunden. Das gilt umso mehr als die Freiburger Universität einen hochschuleigenen [extern] Newsletter noch im September mit dieser kuriosen, wirklichkeitsfremden und in mancherlei Hinsicht durchaus taktlosen Feststellung begonnen hatte:


Studiengebühren werden nicht mehr diskutiert sondern bezahlt.
Universität Freiburg

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