Umbau der Industriegesellschaft?
Wolfgang Pomrehn 18.11.2008
Die Energie- und Klimawochenschau: IEA wird radikal und die Grünen dafür zahm, Merkel will fossilen Industrien helfen, Pensionsfonds positionieren sich zu Vorkämpfern des Klimaschutzes
Die Diskussion über die Endlichkeit der fossilen Energieträger reicht bekanntlich bis zum Anfang der 1970er Jahre zurück, die Debatten über die Veränderung des globalen Klimas durch die Treibhausgase gehen fast eben so lange zurück. Insofern kann man froh sein, dass endlich auf breiter Front eine internationale Debatte über den Umbau der Industriegesellschaft eingesetzt hat.
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| Ölquellen im saudischen Ölfeld Shaybah. Bild: Google Earth |
Neuestes Zeichen dafür ist der letzte Woche veröffentlichte diesjährige
Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA). Wie
berichtet hat die Agentur einen recht düsteren Ausblick auf die Energiezukunft gegeben. Das ist ein durchaus bemerkenswerter Vorgang, denn bisher hat sich die IEA ganz im Sinne ihrer Finanziers von der OECD, dem Club der reichen Industriestaaten, in ihren Analysen meist recht konservativ gegeben. Sie hat die Atomkraft in den Himmel gelobt, die erneuerbaren Energieträger klein geredet und die Diskussion über Peak Oil, den Punkt der Förderhöchstmenge, geflissentlich ignoriert.
Insofern mag sich mancher Beobachter der Diskussion angesichts der aufrüttelnden Worte aus Paris die Augen gerieben haben. Gleich im ersten Absatz der Zusammenfassung geht es richtig zur Sachen:
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Das Weltenergiesystem steht an einem Scheideweg. Die derzeitigen weltweiten Trends von Energieerzeugung und -verbrauch sind eindeutig nicht zukunftsfähig, in ökologischer ebenso wie in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Das kann jedoch – und muss auch – geändert werden. Noch ist Zeit für einen Kurswechsel. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass das zukünftige Wohlergehen der Menschheit davon abhängt, wie gut es uns gelingt, die zwei die zwei Energieherausforderungen zu bewältigen, vor den wir heute stehen: Sicherung einer verlässlichen und erschwinglichen Energieversorgung und rasche Umstellung auf ein CO2-armes, leistungsfähiges und umweltschonendes Energieversorgungssystem. Dazu Bedarf es nichts geringerem als einer Energierevolution.
IEA (Hervorhebungen im Original)
Die IEA hat zum Beispiel auch ihre Projektion des Ölpreises deutlich nach oben revidiert. Nun geht sie davon aus, dass der Ölpreis bis 2030 auf durchschnittlich 120 US-Dollar (zu Preisen von 2007) steigen wird. Die Zeiten billigen Öls seien vorbei, der gegenwärtige Preisverfall sei wahrscheinlich nichts als eine Episode.
Das ist unter anderem auch an den enormen Investitionen abzulesen, die nötig sind, um die steigende Nachfrage weiter zu decken. Das Sechsfache der heutigen saudischen Förderkapazitäten von etwas über zehn Millionen Barrel pro Tag (mb/d) müssen erschlossen werden, um die Produktion auch nur moderat von 84 mb/d im Jahre 2007 auf 106 mb/d 2030 zu steigern.
Der Grund: Viele ältere Felder vor allem die Riesenfelder, die schon relativ früh erschlossen wurden, werden demnächst Zeichen von Erschöpfung zeigen. Bis 2015 allein müssten 30 mb/d Förderkapazitäten neu hinzkommen, um Ersatz zu schaffen, und es bestehe "die reale Gefahr", dass es aufgrund eines Mangels an Investitionen in den nächsten Jahren zu Versorgungsengpässen kommt.
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| Die Fördermenge der existierenden Ölfelder geht stark zurück. Grafik: IEA |
Tatsächlich begründen sich die Sorgen der IEA vor allem auf die großen Summen, die investiert werden müssen, und auf die Konzentration der Ressourcen auf wenige Staaten. Ansonsten geht man nach wie vor davon aus, dass erst ein Drittel der Weltölvorräte verbraucht, ein weiteres Drittel bekannt und noch einmal ein Drittel noch der Entdeckung harrt. Außerdem werden die Potenziale der Teersande in Kanada und in Venezuela als ziemlich hoch eingeschätzt.
Sorge macht den Autoren allerdings auch, dass sich der "Rückgang der Fördermengen je Ölfeld beschleunigt". In einer Stichprobe wurden über 800 Ölfelder untersucht. Dabei habe sich gezeigt, dass der Rückgang nach Überschreitung des Peaks, das heißt, der Förderhöchstmenge, um so rascher ist, desto kleiner das Feld ist. Da in Zukunft eher kleinere Felder ausgebeutet werden – richtig große Funde, wie die Felder der arabischen Halbinsel, werden kaum noch gemacht –, werde sich die Rate, mit der die Produktion pro Feld abnimmt, im globalen Durchschnitt auf 10,5 Prozent pro Jahr erhöhen.
Mit zusätzlichen Investitionen in den jeweiligen Feldern lasse die sich aber bisher die Förderung noch strecken und diese Rate um ein Drittel reduzieren. Unterm Strich bleibt jedoch: In den nächsten Jahrzehnten müsste der technische Aufwand, um an das schwarze Gold zu kommen, immer weiter erhöht und vor allem die Exploration und Erschließung beschleunigt werden.
Neu am Bericht der IEA ist, dass ausdrücklich auf die Gefahren dieses Weiter-So-Szenarios hingewiesen und einem Umbau der Energiewirtschaft das Wort geredet wird. Würde nämlich der Öl- und Kohleverbrauch weiter so steigen wie bisher, dann stiegen die CO2-Emissionen von derzeit 26 Milliarden Tonnen pro Jahr auf 41 Milliarden Tonnen. Maßnahmen zur Energieeinsparung seien daher unerlässlich.
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| Nach der IEA werden die mit dem Verbrauch fossiler Energien verbundenen CO2-Emissionen steigen, vor allem in China, Indien und dem Nahen Osten. Grafik: IEA |
Emissionen steigen
Doch bisher ist davon selbst in den meisten Industriestaaten wenig zu spüren, wie
neue Zahlen des Sekretariats der UN-Klimarahmenkonvention in Bonn zeigen. 41 Staaten wie Russland, die USA, die meisten europäischen Länder, Japan, Australien und die Türkei hatten sich 1992 in der Konvention verpflichtet, ihre Emissionen bis zum Jahr 2000 auf das Niveau von 1990 zurückzuführen. 39 von ihnen haben inzwischen das Kyoto-Protokoll ratifiziert, in dem sie sich zu Reduktionen gegenüber 1990 verpflichten, doch passiert ist zumeist sehr wenig.
Am besten stehen noch die ehemaligen Ostblockstaaten da. Durch den ökonomischen Zusammenbruch nach 1990 haben sie ihre Emissionen drastisch, wenn auch unfreiwillig reduziert. Inzwischen steigen sie zwar wieder, liegen aber immer noch reichlich unter dem Niveau von 1990. In Ungarn hat zum Beispiel die Menge des in die Luft geblasenen CO2s und anderer Treibhausgase gegenüber 1990 um rund 32 Prozent abgenommen. Allerdings sind es immer noch 78,6 Millionen Tonnen per annum, oder knapp acht Tonnen pro Kopf und Jahr. Dennoch hat das Land gerade einen
Deal mit Spanien abgeschlossen, wonach Madrid einen Teil des nicht "benutzten" Emissionskontingents der Magyaren aufkaufen wird.
Spanien ist hat es offenbar nötig, sich per Ablasshandel aus der Verantwortung zu stehlen. Trotz Ausbau der Windenergie und der Fotovoltaik ist es mit einem Emissionsplus von 50,6 Prozent einer der Spitzenreiter unter den Industriestaaten. Andere Klimasünder im großen Stil sind unter anderem Australien (+28,8 Prozent), Island (+24,2 Prozent), Liechtenstein (+19 Prozent) und die USA (+14,4 Prozent). Letztere fallen wegen der Größe ihrer Wirtschaft mit einem Zuwachs um 880 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr besonders ins Gewicht (von CO2-Äquivalenten sprechen die Klima-Diplomaten und Wissenschaftler, weil alle Treibhausgase je nach ihrer Klimawirksamkeit in CO2 umgerechnet werden).
Deutschland hat hingegen seine Emissionen von 1990 bis 2006 um 18,2 Prozent reduziert, wobei allerdings ein erheblicher Teil des bisher erreichten auf die Deindustrialisierung Ostdeutschlands zurückgeht. Die Emissionen betragen immer noch eine gute Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent, also rund 12 Tonnen pro Kopf und Jahr. Zum Vergleich: Langfristig müssen weltweit die Emissionen auf weniger als zwei Tonnen pro Kopf und Jahr reduziert werden, wenn die Konzentration der Treibhausgase in der Luft stabilisiert werden soll.
Den
UNFCCC-Zahlen ist auch zu entnehmen, dass der Treibstoffverbrauch im internationalen Flugverkehr von 1990 bis 2006 um 65,9 Prozent und der der internationalen Schifffahrt um 18,4 Prozent zugenommen hat. Diese so genannten Bunker-Treibstoffe werden bisher nicht von den internationalen Verträgen abgedeckt.
Der Flugverkehr ist darüber hinaus für das Klima doppelt bedenklich, weil er nicht nur sehr energieaufwendig und damit emissionsintensiv ist, sondern weil der Wasserdampf aus den Abgasen oftmals Schleierwolken in Form von Kondensstreifen bildet. Diese haben einen ganz ähnlichen Effekt auf den Strahlungshaushalt der Erdoberfläche wie die Treibhausgase: Sie lassen das Sonnenlicht nahezu ungehindert durch, absorbieren jedoch die Wärmeabstrahlung der Oberfläche und der unter ihnen liegenden Luftschichten.
Nach dem Castor
Am Dienstag letzter Woche erreichten die Castor genannten Spezialbehälter mit hochradioaktiven Müll mit einiger Verzögerung das Zwischenlager im niedersächsischen Wendland. Mit bis zu 16.000 oft sehr jungen Teilnehmern waren die Proteste in diesem Jahr überraschend groß. Selbst jede Menge Grüne Prominenz schaute vorbei, wohl auch um das Image ein wenig aufzupolieren, nachdem die Parteifreunde in Hamburg einem Mega-Kohlekraftwerk zugestimmt hatten (siehe
Neue Industrielle Revolution gefordert) . Die Atomkraftgegner im Wendland lassen sich von derlei Parteipolitik traditionell eher wenig beeindrucken und setzen lieber auf außerparlamentarische Aktivitäten. "Am letzten Wochenende haben wir gezeigt, dass die Anti-Atom-Bewegung wieder da ist", meint Jochen Stay, Sprecher der Initiative X-tausendmal quer. "Jetzt wollen wir den Schwung aus Gorleben mitnehmen und weiter Druck machen, damit es endlich zu einem wirklichen Atomausstieg kommt."
Die Initiative hatte vor dem Tor des Zwischenlagers eine gewaltfreie Sitzblockade organisiert, bei der nach ihren Angaben 1.200 Menschen 48 Stunden ausharrten, bevor sie teils recht rücksichtslos und schmerzhaft von der Polizei aus dem Weg geräumt wurden (siehe
Wiederkehr der Anti-Atom-Bewegung ?).
Den neuen Elan aus Gorleben nutzend, wurde die Kampagne ".ausgestrahlt – Gemeinsam gegen ein Comeback der Atomenergie" ins Leben gerufen. Mit ihr soll im Wahljahr 2009 Druck aufgebaut werden, damit sich die Energiewirtschaft nicht mit ihrer Forderung nach Verlängerung der AKW-Laufzeiten durchsetzen kann. Nächster Anlaufpunkte der Proteste soll die Wintertagung des Deutschen Atomforums in Berlin Anfang Februar sein. "In Berlin versucht die Atomlobby, ihre Propaganda vom angeblich nützlichen Atomstrom in die Öffentlichkeit zu bringen", so Stay. "Wir halten dagegen, weil wir wissen, dass es den Stromkonzernen nur um weitere Gewinne aus maroden Reaktoren geht." Geplant ist eine "argumentative Umzingelung" des Tagungsorts.
Grüne Rückzieher
Etwas Schiss vor der eigenen Courage haben hingegen die Grünen am Wochenende auf ihrem Parteitag in Erfurt gezeigt. Der energiepolitische Sprecher ihrer Bundestagsfraktion Hans-Josef Fell hatte einen Antrag eingebracht, seine Partei solle sich dafür einsetzen, dass ab 2030 der Strom in Deutschland zu 100 Prozent von erneuerbaren Energieträgern bereitgestellt wird. Das kann natürlich schlecht gehen, wenn man um des lieben Koalitionsfriedens Willens hier und dort Kohlekraftwerken zustimmt.
Also hatte der neue Ko-Parteichef Cem Özdemir schon im Vorfeld wissen lassen, dass derlei "nicht realitätstüchtig" sei. Die Grünen müssten Lösungen anbieten, die "auch die Wirtschaft mitnehmen". Doch damit konnte er die Delegierten zunächst nicht recht überzeugen. Es folgte eine hitzige Debatte, eine von der Art, um die andere Parteien die Grünen eigentlich beneiden sollten. Fell hatte darauf verwiesen, dass bei der derzeitigen Entwicklung schon 2015 30 Prozent möglich sei.
Doch das grüne Establishment weiß offensichtlich nur zu gut, dass diesem Trend enorme Widerstände entgegenstehen. Deshalb sprang schließlich Jürgen Trittin in die Bütt, um die Regierungsfähigkeit seiner Partei zu retten. Ihm gelang es schließlich, die Stimmung zu kippen, sodass eine weichgespülte Fassung des Fellschen Antrags verabschiedet wurde.
Wirtschaftsinteressen
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich Ende letzter Woche einmal mehr zur Fürsprecherin der Klimasünder gemacht. Energieintensiven Branchen der deutschen Industrie will sie im EU-internen Emissionshandel auch in der 2013 beginnenden Handelsperiode die CO2-Zertifikate schenken. Ob sie sich damit durchsetzen kann, ist noch offen und entscheidet sich auf dem Dezember-Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs. Aus der CDU wird gar schon die
Forderung laut, die Entscheidung ins nächste Halbjahr zu verschieben. Dann hat die Tschechische Republik die EU-Ratspräsidentschaft inne, und deren Präsident Vaclav Klaus hält den Klimawandel eher für eine Erfindung von "Ökostalinisten"
Offensichtlich geht es aber auch ganz anders, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg
berichtet. 135 Großanleger, die zusammen 6,4 Billionen US-Dollar kontrollieren, haben gemeinsam verbindliche CO2-Reduktionsziele gefordert. In einer
Erklärung, die sich im Vorfeld der Anfang Dezember im polnischen Poznan tagenden
UN-Klimakonferenz an die Staats- und Regierungschefs richtet, treten sie dafür ein, in den Industriestaaten die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu reduzieren.
Auch ein mittelfristiges Ziel wird vorgeschlagen. "Dies würde Investoren größeres Vertrauen geben, dass die Staaten tatsächlich rechtzeitig detaillierte Aktionsprogramme zum Erreichen des Langfrist-Ziels aufsetzen." Die Industriestaaten sollten ihre Emissionen bis 2020 gegenüber 1990 um 25 bis 40 Prozent verringern.
Man könne verstehen, dass sich die Entwicklungsländer derzeit nicht auf völkerrechtlich verbindliche Reduktionsziele festlegen wollen. Aus der Sicht von Investoren sei dies aber vor allem im Falle der Schwellenländer empfehlenswert. Dies würde eine langfristige Festlegung signalisieren. Das wiederum würde es Anlegern erleichtern, ihre Investitionen zu planen.
Erarbeitet wurde die Erklärung vom Investor
Network on Climate Risk, der
Institutional Investors Group on Climate Change und deren
australischen Ableger. Zu den Unterzeichnern gehört eine Reihe von Pensionsfonds sowie auch einige Großbanken wie die britische HSBC.