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Der Bombast-Romantiker und das große australische Epos

Rüdiger Suchsland 25.12.2008

Gefühle, die nicht dumm machen: Baz Luhrmanns "Australia" und die Wiederkehr der Romantik

"Broad comedy, big tragedy, big landscape, big costume, big stars, a cinematic meal, that invited everybody to the table." Dieser Ausschnitt aus einem Interview mit Regisseur [extern] Baz Luhrmann illustriert am Besten, worum es in "Australia" geht: Breit und groß ist nicht nur die Leinwand, sondern alles in diesem Film. Man darf sich keine Illusionen machen: Dies ist kein Film für Jedermann, so wie Luhrmann noch nie Filme für Jedermann gemacht hat. Aber "Australia" ist ein Film für alle, von den Großeltern bis zu den Enkeln, so wie das zuletzt vielleicht "Titanic" glückte und am besten immer noch "Vom Winde verweht" oder "Ben Hur" - ein Kinoschinken, eine Romanze, ein Abenteuer, und damit sogar repräsentativ für einen gegenwärtigen Trend zur Neoromantik im Kino, der heimlichen Sehnsucht nach Epik, die natürlich auch eine Sehnsucht nach Flucht aus der Gegenwart ist. Geht so etwas? Heute? Da gilt der Satz des Films: "Just because it is, doesn't mean, it should be."

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Alle Bilder: Fox

"Bigger than life" – so hieß das Versprechen, mit dem Hollywood einst antrat, und seit Anfang der 30er Jahre die Welt eroberte. Wie stark das zu Ende gegangene amerikanische Jahrhundert ein Kinojahrhundert und der american dream ein Leinwandtraum gewesen ist, darüber dürften sich noch lange Zeit die Historiker streiten. Nicht umsonst sprach man jedenfalls von der "Traumfabrik": Kino sollte – ganz besonders in den schweren Jahren der Großen Depression der Wirtschaftskrise, von Weltkrieg und Nachkriegsnöten - Sehnsüchte erfüllen und auch ein bisschen Fluchtmaschine sein, Mittel, um dem tristen Alltag für ein paar Stunden zu entkommen. Die Traumfabrik blieb aber, auch das sagt die Formel, noch in ihren verwegensten und abseitigsten Träumen immer aufs Leben bezogen. Man kann gewiss geteilter Meinung sein, über manche Produkte dieser Traumfabrik; vieles in diesen Filmen war arg naiv, die Gefühle künstlich in ihrer Klebrigkeit und Übersüße; einiges war schon zu seiner Entstehungszeit geschmacklos, vieles kulturell wie politisch hochideologisch; und man kann auch darauf verweisen, dass eben alles seine Zeit habe, und es darum gute Gründe gibt, warum man solche Filme heute kaum noch macht – von Ausnahmen abgesehen, die dann oft, wie "Titanic", grandiose Publikumserfolge feiern.

Aber zuletzt ist der Jahrmarkts- und Traumcharakter des Kinos schon ziemlich stark in Vergessenheit geraten. "Bigger" heißt heute nur noch teurer, bombastischer, lauter und greller. Superhelden aus Plastik haben die romantischen Abenteurer abgelöst, und die Kulissen bestehen aus Computerpixeln – als ob das keiner sehen und vor allem spüren würde: eine Welt ohne Tiefe, Gefühle ohne doppelten Boden.

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Tiefere, subtilere Empfindungen aber sind längst aus Hollywood ausgewandert – nach Asien vor allem, auch nach Europa, wo vor allem Franzosen und Spanier längst die besseren Melodramen machen. Und, wie man jetzt sehen kann sogar nach Australien. Nur einzelne Regisseure, in Deutschland Tom Tykwer, und in Australien Baz Luhrmann, versuchen so etwas, wie die alte Aura des Kinos wiederzubeleben – vielleicht kein Zufall, dass Tykwer lange als Vorführer gearbeitet hat, und Luhrmann der Sohn eines Kinobesitzers ist.


Verteidigung des Künstlichen

Baz Luhrmann müsste eigentlich noch viel berühmter sein, als er ist. Nur eine Handvoll Filme hat der Australier bisher gedreht, aber die haben es in sich. Schon "Strictly Ballroom" begeisterte, mit seinen beiden folgenden Filmen aber gewann Luhrmann Publikum und Kritiker in der ganzen Welt. Mit seinem unverwechselbaren Stil wurde er zum König des Kino-Pop, ein genialer Effekthascher, der in die Vollen greift: Nur ein paar klug-originelle Einfälle, nur ein wenig Nachdenken und vor allem die unvoreingenommene, frische Herangehensweise des Regisseurs hatten bewirkt, dass Shakespeares klassischste aller klassischen Liebesgeschichten, die Tragödie "Romeo und Julia" als Popmusical "Romeo & Juliet" ironisch gebrochene Wiederauferstehung feierte und plötzlich mitten ins Herz eines jungen Publikums traf. Und das ohne auch nur ein Gramm Substanz zu opfern.

Auch der Stil überzeugte: Rasante Schnitte, fixe, virtuos-überraschende Kamerafahrten, ein neobarock überladenes, sich selbst immerfort weiterschraubendes Durcheinander, voller Verfremdungseffekte, Kino als Karussell, Jahrmarkt, Rausch. Und natürlich Kitsch. Von Anfang an, ganz selbst-bewußt. Luhrmann überbot und betonte die Klischees so lange, bis sie plötzlich wieder funktionierten – weil allen im Publikum klar war, dass es hier keiner ganz ernst meinte. Da wurde die vielberedete Postmoderne plötzlich zur unmittelbaren Erfahrung, die Wirklichkeit als Clash der Zitate und Möglichkeiten. Irrwitzige Bilder von der Wucht und Rasanz eines Torpedos, die Einsicht, dass die Realität nichts ist gegen das Kino, dass hier die Künstlichkeit zur Wahrheit wird, und die Wahrheit nur als künstliche möglich ist.

Das alles lässt sich nun auch über "Australia" sagen, und obwohl dies ein in Ton und Ansatz völlig anderer Film ist, ist auch er konsequent over the top, konsequent in seiner Absage an jede Form des im Kino so beliebten Naturalismus, der sich selbst als Realismus missversteht, wie im Ignorieren von allzu einfachen Wahrheiten und oberflächlicher Wirklichkeit. Luhrmann ist ein eminenter Romantiker und dabei modern und es ist bemerkenswert und verräterisch für diese Haltung, dass er mit [extern] Mandy Walker eine Kamerafrau verpflichtet hat, die einerseits wenig bekannt ist, andererseits für die besten australischen Filme der letzten 10 Jahre verantwortlich war: "Lantana", "Shattered Glass", "The Well" und "Parklands". Damit steht sie auch für ein völlig anderes Emotionsverständnis als Luhrmann. Erstaunlich ist Walkers Leistung, weil sie mit derartigen Großproduktionen und den entsprechenden Bildern quasi keine Erfahrung hat. Aber auch da gilt das Motto des Films: "Just because it is, doesn't mean, it should be".

Luhrmanns und Walkers Zusammenarbeit begann mit einem ausgezeichneten, ungewöhnlichen Spot für "Chanel No.5". Der kaum [extern] dreiminütige Werbeclip, in dem Nicole Kidman die Hauptrolle spielt, strotzt vor filmhistorischen Anspielungen und zeigt Luhrmanns doch als den Bombast-Romantiker, der er als Regisseur immer ist. Jederzeit ist "Australia" eine einzige große Guilty Pleasure aus Genre-Hoppping und dem, was Luhrmann vor allem beherrscht: "Tellem story!" In diesem Fall heißt die Story: "The lady and the tramp".


Sehnsuchtskino in Seelenlandschaft

Von Anfang an ist auch dieser Film "bigger than life". Die Breitwandleinwand wirkt breiter denn je, wenn die ersten Bilder zu sehen sind: Im Wechsel klassisch, [extern] bombastisch oder romantischer, [extern] moderner Lady Sarah, eine junge Britin und sichtbar vornehm, entdeckt einen neuen, ihr unbekannten Kontinent. "Welcome to Australia!" heißt es, nachdem eine Wirtshausschlägerei ihren Kofferinhalt - Spitzenunterwäsche - auf der Straße verteilt hat. Fast wie Alice das Wunderland betrat und lauter Fabelwesen begegnete, sieht sie zum ersten Mal Kängurus, eine unbekannte Natur, und Männer, die wilder, vulgärer und überhaupt ganz anders sind als die in ihrer Heimat. Luhrmann, unter den Pathetikern und Ironikern auf den Regiestühlen immer schon ein Grenzgänger, erzählt keineswegs vom "wahren" realen Australien, sondern zeigt den Kontinent als Seelenlandschaft. Dabei feiert er Grobheit und Derbheit Australiens, spielt virtuos auf der Klischee- wie auf der Kitschklaviatur.

Seinen absoluten Höhepunkt erlebte das erwähnte klassische Hollywood-Kino ausgerechnet im Jahr 1939, in dem auch der Zweite Weltkrieg begann: Der Farbfilm war gerade erfunden worden, und zwei frühe Farbfilme wurden zu Meilensteinen der Traumfabrik: "The Wizard of Oz" (dt. "Das zauberhafte Land") und "Gone with the Wind" ("Vom Winde verweht"). Und genau im Jahr 1939 spielt auch "Australia" und beide Filme spielen hierin eine wichtige Rolle. Man kann die Handlung wie das Märchen vom Zauberer von Oz [extern] weitererzählen: Ein Mädchen, ein zauberhaftes Land und ein Sturm, oder eben: Sarah, Australien und der Zweite Weltkrieg. Sarah, außerordentlich facettenreich und faszinierend gespielt von Nicole Kidman, entdeckt bald, dass ihr Mann gestorben ist und die geerbte Farm namens "Faraway Downs" im Outback kurz vor der Pleite steht. Gemeinsam mit dem schweigsam-coolen Cowboy "Drover" (Viehtreiber – als dessen Darsteller sich Hugh Jackman endgültig in die erste Kinoliga spielt) treibt sie das restliche Vieh zur Küste.

Bis dahin ist "Australia" eine Kreuzung aus Western und eben "Wizard of Oz", weil Sarah auch das Habblutkind Nullah (Brandon Walters) zuläuft, das mit magischen Kräften begabt ist. Dann schlägt die Realität zu in Form des Angriffs der Japaner auf die Stadt Darwin am 19 Februar 1942, nur zwei Monate nach Pearl Harbor, durch die gleiche Einheit, die die Amerikaner angriff. "Japan attacks by air and sea" steht in den Zeitungen. Wie "Vom Winde verweht" kreuzt "Australia" also reale Historie mit großer Romanze. Das Ergebnis ist ein überbordender, immer kurzweiliger Abenteuerfilm im Look alter Hollywood-Movies.

Zugleich ist dies ein großes Epos über das Land Australien, dass auch dunkle Seiten seiner Geschichte nicht unterschlägt und insofern unserer Zeit gemäß bleibt, Unangenehmem nicht in wohlfeile bloße Nostalgie ausweicht - es geht um den bis heute grassierenden Rassismus, vor allem aber die skandalöse Politik der Verschleppung und Familienentziehung für halbweiße, halb-Aborigines-Kinder, die bis in die 70er Jahre betrieben wurde, und die bereits Philip Noyce in "Rabbit Proof Fence" beschrieb. Wäre Barak Obama in Australien geboren worden, hat Luhrmann bei Gelegenheit treffend formuliert, "hätte man ihn reprogrammiert". Hier sind Luhrmann und sein Film ganz ernst.


Auch das Herz ist ein Muskel

Ob er auch den Rest ernst meint, darüber kann man länger diskutieren. Zumindest spielt Luhrmann auf alle Fälle damit, im Kino eine Heimat-Mythologie zu entfalten, mit der Vorstellung des visuellen Nationbuilding. In seinen drei Hauptfiguren ist das unübersehbar: Sarah, die aristokratische Britin, Städterin und späte europäische Einwanderin. Drover, der Prolet aus dem Outback, vermutlich Sträftlingsnachfahre, mit mehr Muskeln - und auch das Herz ist ein Muskel - als Verstand. Und Nullah, der Sproß der Ureinwohner mit magischen Kräften. Sie bilden hier eine idealtypische Patchworkfamilie, so wie Australien ein idealtypisches Patchworkland ist: Ein Land wie ein weißes Blatt Papier, eine plane, historisch weitgehend (!) unbeschriebene Fläche - nur bevölkert von ein paar Klischees: Dem Känguruh, dem Koala-Bär, den billabongs, dem "Waltzing Matilda"… Wer hier ankommt, lässt die Vergangenheit und sich selbst hinter sich. Was ein Versprechen ist, und eine Bedrohung.

In diesem Zusammenhang lohnt ein kurzer Blick auf den [extern] Werbespot der "Australian Tourism Campaign", den Luhrmann nach Fertigstellung des Films gedreht hat: Eine berufstätige Frau, im Stress, in der Großstadt, im dezenten Kleid und mit offensichtlichen Beziehungsproblemen. Zur Rettung wird der Urlaub im Fünften Kontinent. Wir sehen großartige, menschenleere Natur, und die eben noch Gestresste unbekleidet in einem See, im Hintergrund ein Wasserfall. Ein Insert informiert uns: She arrived as Ms K.Mathison. She departed as Kate" Will man das überhaupt? Nackt sein, seine bürgerliche Existenz abstreifen, nur noch mit Vornamen angeredet werden? Das ist eine andere Frage. In jedem Fall zeigt sich Luhrmann selbst hier als großer Romantiker, und feiert Australien als Ort, wo die romantische Idee von der Wiedergeburt wahrwerden kann, sogar in der christlichen Metaphorik, der Taufe - Wasser! - der zweiten, eigentlichen Geburt. Der Befreiung im Jungbrunnen.

Ein bisschen ist es das, was im Film auch Sarah geschieht, der hysterischen, angespannten Lady mit der schneeweißen Haut, die im Verlauf des Films dann zunehmend entspannter wird, und deren Haut braungebrannter. So ist "Australia" ein Gründerepos und eine education sentimentale in einem.

Es ist aber auch ein Film der versucht, der Aborigine-Kultur gerecht zu werden, und der dabei zeigt, wie schwer das ist. Denn bei allem guten Willen kommt man offenbar um Klischees nicht herum. Will man die Aborigines nicht als modernisiert, verwestlich und zivilisiert und damit angepasst zeigen, ihrer Ursprungskultur verlustig, muss man diese zeigen. Und das geht offenbar nur in Form von Klischees. So erleben wir Nullah und seinen Großvater, den Magier King George (David Gulpilil), eben so, wie Zauberer im Kino gezeigt werden: Als Träger eines "höheren Wissens", das eben weil "höher", esoterisch ist und darum irrational. Wie Miraculix, Gandalf, Merlin und vor allem weise Indianer in Filmen wie "Koyaanisqatsi" sind auch die Aborigines naturverbunden, brabbeln unverständliche Zaubersprüche vor sich hin, gucken klug/dumm, jedenfalls ausdruckslos in die Landschaft, und erscheinen darob ungemein tiefsinnig.

Ist das Rassismus? Irgendwie schon. Irgendwie auch nicht. Aber jedenfalls sind die Aborigines Träger des Irrationalen und dem Rationalen, so auch moderner Zivilisation, entgegengesetzt und letztlich überlegen. Ein kulturelles Klischee vom edleren, weiseren Wilden. Denn natürlich begegnen wir drei Stunden lang keinem bösen oder auch nur korrumpierten Aborigine. David Gulpilil spielte übrigens die eine Hauptfigur in Nicholas Roegs "Walkabout", der zwar ein großartiger Film war, aber natürlich auch eine, halt andersgeartete - in diesem Fall: hippiehafte, LSD-vernebelte - kulturelle Verklärungsphantasie.


Träume, Sehnsucht, Intensität

Am mit Abstand bestechendsten bleiben im Fall von "Australia" aber der Stil und die Virtuosität der Inszenierung. Luhrmann hat einen neuen Ton gefunden, der von seinen früheren Werken abweicht und trotzdem immer als echter Luhrmann zu erkennen ist. Ein Ton, der Humor und Drama, Pop und Romantik, klassische Bilder und moderne Ironie vereint, und mit dem Kitsch, ohne den so ein Film nicht auskommt, souverän spielt, ohne ihm zu verfallen. "Just because it is, doesn't mean, it should be" - Kino kann auch anders sein, das zeigt Luhrmann.

Zugleich ist sein Film ein Weihnachtsbraten für Cinephile: Denn Cinephile bedeutet ja nicht nur - wie man das in Berlin gern missversteht - in-die-Knie-gehen im protestantischen Gottesdienst karger Schweigefilme. Sondern auch die schöne Betäubung in einer weihrauchduftenden Lateinischen Messe aus Paris - und eben auch dieser überschwappende, brodelnde Karneval, wie ihn Luhrmann ein ums andere Mal entfesselt. Zudem spickt er seinen Film mit allerlei Anspielungen aus der Kinogeschichte, sozusagen Hinweisen am Wegesrand: Sie erinnern uns an "African Queen", "Lawrence of Arabia", "Red River", die Western eines Sergio Leone.

"Australia", und das ist das Wichtigste an diesem Film, enthält das Versprechen auf ein anderes Kino. Ein Kino der Träume; ein Kino der Sehnsucht; ein Kino der Intensität, das gefühlvoll ist, ohne deswegen dumm zu machen. Über weite Strecken erfüllt es sein Versprechen auch. Dass es nicht immer gelingt, macht den Film nicht schlechter – es zeigt nur, wie schwer uns das alles heute fällt.

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