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Macht die Nato dieselben Fehler wie Russland in Afghanistan?

Florian Rötzer 19.02.2009

US-Präsident Obama erhöht, vorerst ohne neue Strategie, die Truppen, während sich die Situation verschlechtert

US-Präsident Obama schickt zwar, wie im Wahlkampf angekündigt, mehr Soldaten nach Afghanistan, aber anstatt der angekündigten 30.000 werden nur 17.500 kommen, "um die sich verschlechternde Situation zu stabilisieren". Eingesetzt werden sollen sie vor allem im Süden. Die US-Regierung wird darauf drängen, dass auch die europäischen Partner ihre Truppen aufstocken, denn in den USA spricht sich nur ein Drittel der Bürger für eine Erhöhung der US-Truppen aus, ebenso viele sind dagegen. Die Afghanen sind von einer Erhöhung der ausländischen Truppen nicht begeistert. Nach einer kürzlich durchgeführten Umfrage sind nur 18 Prozent dafür, 44 Prozent sprechen sich dagegen aus ([local] Weder Taliban noch westliche Truppen). Ob mit der Truppenerhöhung des Pentagon auch eine neue Strategie eingeführt wird und wie sie aussehen soll, bleibt bislang noch dunkel.

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Die Operation Sond Cahara fand Ende Dezember 2008 statt. Bemerkenswert ist die BU: "Royal Marine Commandos take part in Operation Sond Chara, launched by ANSF and ISAF troops in Nad-e Ali district of Helmand Province to bring stabilization to the district and to increase security to Lashkar Gah and set safe conditions for voter registration later this year." Bild: ISAF (Bild vergrößern)

Eine Veränderung der Strategie in Afghanistan – oder überhaupt eine gemeinsame Strategie, die diesen Namen wert ist - wäre dringend notwendig, sollte endgültig ein Scheitern des bislang vorwiegend militärisch ausgeübten Versuchs verhindert werden, den failed state in einen Staat mit einer demokratisch legitimierten Regierung zu verwandeln. Möglicherweise wäre schon besser, die Milliarden, die der Einsatz von 17.500 weiteren US-Soldaten kostet, lieber in den Wiederaufbau zustecken. Ein "Konjunkturpaket", das die Lebensumstände verbessern und für Arbeit sorgt, würde nicht nur die afghanische Wirtschaft ankurbeln, sondern sicherlich auch den Einfluss von Taliban und Warlords schwächen, wenn gleichzeitig vor allem die Korruption bekämpft würde, was mit Waffengewalt sowieso nicht geht.

Manche afghanische Experten sind der Meinung, dass die Europäer und Amerikaner dieselben Fehler gemacht haben wie zuvor die Russen, die sich trotz großer militärischer Übermacht – zeitweise waren mehr als 100.000 Soldaten im Einsatz - nach einer zehnjährigen Besatzungszeit schließlich zurückziehen mussten. Wie McClatchy [extern] berichtet , werden die Fehler darin gesehen, sich zu sehr auf militärische Macht zu verlassen, zu viele Zivilisten als Kollateralschaden zu töten, sich auf die Hauptstadt zu konzentrieren und die Korruption zu dulden.

Einsatzgebiete und Truppenstärke der Nato-Kontingente. Bild: ISAF (Bild vergrößern)

Bislang seien weder Demokratie noch Menschenrechte und der Liberalismus als Grundlagen der Politik gerechtfertigt, kritisiert etwa Azziz Royesh und schildert das Dilemma: "Die Afghanen mögen die Taliban nicht. Aber wir haben ihnen keine bessere Option gezeigt. Ich kann eine Zeit sehen, in der sich Tausende von unorganisierten Aufständen im ganzen Land ereignen. Ihr Ziel werden die Ausländer sein. Wenn wir nichts verändern, dann werden solche Ereignisse den Taliban-Aufstand verstärken." Selbst wenn die Obama-Regierung nun Karsai fallen ließe und einen anderen Kandidaten als Präsidenten unterstützt, muss das nichts mehr ändern. Das hatten auch die Russen versucht.

Die Aussichten sind jedenfalls nicht gut. Die gleichzeitigen Angriffe von letzter Woche auf verschiedene Ziele in Kabul mitten am Tag haben demonstriert, dass die Taliban nicht nur an Stärke gewonnen haben, sondern mittlerweile überall operieren und Angst und Schrecken verbreiten können ([local] Enduring Taliban). Möglicherweise ist der Punkt schon überschritten, an dem die ausländischen Sicherheitskräfte und Organisationen sowie die von ihnen gestützte afghanische Regierung noch von einem Großteil der Bevölkerung akzeptiert werden. Mittlerweile [extern] kritisieren , sicher auch aufgrund der anstehenden Wahlen, selbst Minister und der Vizepräsident die Regierungsarbeit der letzten Jahre.

Markt in einer afghanischen Stadt. Bild: .S. Army National Guard/Staff Sgt. Russell Lee Klika (Bild vergrößern)

Der [extern] afghanische Präsident Karsai hat vor allem die US-Truppen immer wieder davor gewarnt, vermeintliche Gegner aus der Luft zu bombardieren. Auch an der pakistanischen Grenze, wo fast nur bewaffnete Drohnen eingesetzt werden, wächst der Unmut der Bevölkerung, jederzeit zu einem Ziel werden zu können. Oft genug liegen ungenaue oder falsche Informationen vor. Und selbst wenn sich in bombardierten Häusern oder Dörfern auch Taliban aufhalten sollten, werden doch immer Zivilisten getötet, nicht ganz anderes als bei den Anschlägen der Taliban, die sich meist gegen Soldaten und Polizisten richten, aber gleichfalls den Tod von völlig unbeteiligten Zivilisten in Kauf nehmen.

Nach einem UN-Bericht der Hilfsmission in Afghanistan ([extern] UNAMA ) wurden 2008 mit 2.118 Zivilisten so viele wie noch nie seit der Niederschlagung des Taliban-Regimes im Jahr 2001 getötet. Das sind 40 Prozent mehr als 2007. Über die Hälfte der Opfer (55%) gehen nach Angaben der UN auf das Konto von Aufständischen (anti-government elements – AGEs), für 39 Prozent sind Pro-Regierungs-Sicherheitskräfte verantwortlich 64 Prozent davon sind Opfer von Luftangriffen. 130 Tote konnten keinem der Lager zugeschrieben werden. 41 Prozent wurden in den stark umkämpften südlichen Provinzen getötet. Die Zahl der Todesopfer kann natürlich auch höher sein, andererseits könnten auch mehr Todesfälle bei Angriffen von Regierungs- oder ISAF-Truppen gemeldet werden, weil die Regierung dann 2000 Dollar pro Toten und 1000 Dollar pro Verwundeten zahlt.

Im Bericht heißt es auch, dass sich die Sicherheit im Land weiter verschlechtert habe, was zur Folge hat, dass Hilfsorganisationen immer wenig Zugang zu den Gebieten haben, in denen Menschen Hilfe benötigen. Bis Ende 2008 habe sich der "humanitäre Raum" beträchtlich verkleinert. Die Zahl der getöteten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen hat sich gegenüber 2007 verdoppelt, viele wurden bedroht, 147 entführt. Auch die Überfälle auf Hilfskonvois und Lager haben erheblich zugenommen.

Markt in einer afghanischen Stadt. Bild: .S. Army National Guard/Staff Sgt. Russell Lee Klika (Bild vergrößern)

Immer mehr Schulen, vor allem für Mädchen, werden angegriffen. In 640 Schulen wurde der Unterricht aufgrund von Bedrohungen eingestellt, wodurch schätzungsweise 230.000 Schüler nicht mehr unterrichtet werden. Schüler und Lehrer werden eingeschüchtert wie im November 2008, als zwei Männer von einem Motorrad in Kandahar Schüler und Lehrer mit Säure aus Wasserpistolen angriffen, 12 Schüler und 4 Lehrer wurden verletzt, teils erheblich.

Der UN-Nachrichtendienst IRIN [extern] berichtet , dass alleine im Süden über 600 Schulen geschlossen werden mussten. Nur 28 Prozent der Menschen können lesen und schreiben. Besonders schlimm steht es bei den Frauen, von denen über 80 Prozent Analphabetinnen sein sollen. Die Taliban oder andere Gruppen versuchen zu verhindern, dass Kinder, vor allem Mädchen, auf staatliche Schulen gehen. Vom Januar bis Oktober 2008 gab es nach 256 Angriffe auf Schulen und Schüler, die 30 Todesopfer forderten. 2007 waren es im selben Zeitraum 217.

Offenbar haben die Schulgegner ihre Taktik aber in der letzten Zeit verändert. Eltern werden dazu gedrängt, ihre Söhne nicht in die Schulen, sondern in Koranschulen (Madrasas) in Pakistan zu schicken. Diese waren schon die "Brutstätten" der ersten Generation der Taliban. Attraktiv sind die Koranschulen besonders für arme Familien, weil sie nichts kosten, die Kinder dort Unterkunft finden und versorgt werden. Zehntausende afghanische Schüler sollen auf solche Madrasas gehen. Das afghanische Bildungsministerium hat bereits auf die neue Taktik reagiert und ermöglicht auch, das Schulen in Afghanistan Madrasas und Lehrer Mullahs genannt werden. Der Lehrplan sei sowieso in Übereinstimmung mit dem Islam, Mädchen müssten sich entsprechend verhüllen und den Hidschab tragen. So habe man 16 Schulen in der Provinz Helmand wieder eröffnen können. Keine dieser Schulen nimmt allerdings Mädchen auf. Das kann auch keine Lösung sein.

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