Auf der Lauer
Florian Rötzer 25.03.2009
Die "Amerikanische Mauer" zu Mexiko hat vor allem in Texas große Lücken, hier sollen nun Internetnutzer als "virtuelle Grenzwächter" Überwachungskameras Tag und Nacht beobachten
Nachdem in Mexiko die Gewalt überbordet, die Drogenbanden immer mehr Einfluss ausüben, sich Latino-Gangs auch in den USA ausbreiten und manche schon von der Gefahr sprechen, dass das Land zu einem "failed state" werden könnte (
Mexiko: "Narcos" auf Expansionskurs), ist in den USA das Thema der Kontrolle der Grenze zum südlichen Nachbarn seit einigen Monaten wieder akut geworden.
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| Einer der Beobachtungstürme der virtuellen Mauer. Bild: cbp.gov |
Der unter der Bush-Regierung geplante Sperrzaun an der 3200 km langen Grenze ist bereits weit vorangeschritten (
Die Große Amerikanische Mauer). Über 1000 km wurden bereits errichtet, die virtuelle Hightech-Mauer (SBI-Net), auf die auch die Obama-Regierung lieber als auf die "Amerikanische Mauer" setzte, kommt jedoch nicht voran. "P-28", das bislang unter der Leitung von Boeing realisierte, 45 km lange Teilstück, wies große Mängel auf. 400 Millionen flossen in dieses Teilstück, das aus 33 Meter hohen Türmen besteht, die mit mehreren Kameras, Radarsystemen und Sendern ausgestattet sind. Dazu wurden längs der Grenze auch Bewegungsmelder.installiert. 3 m hohe Fußgängersperren mit durchschnittlichen Baukosten von 3,9 Millionen Dollar pro Kilometer gibt es bislang in einer Länge von etwa 600 km, in abgelegenen Gebieten beschränkt man sich auf Autosperren, in manchen schwer zugänglichen Regionen ist kein Zaun vorgesehen. Das ist in weiten Teilen von Texas und New Mexico der Fall.
Nach dem Vorbild der
American Border Patrol, einer privaten Organisation, die in Arizona hilft, die Grenze zu überwachen und dabei auch Brohnen und Überwachungskameras einsetzt, hat der texanische Gouverneur Rick Perry bereits seit 2006 an Plänen gearbeitet, die Grenze mit Tausenden von Überwachungskameras auszustatten und diese von Freiwilligen über das Web kontrollieren zu lassen (
Das texanische "Virtual Border Watch Program"). Schon unter der Bush-Präsidentschaft war der republikanische Gouverneur unzufrieden mit der Bundesregierung, was die Grenzsicherung anbelangt. Die ersten Tests Ende 2006 waren allerdings wenig erfolgreich (
Virtuelle Überwachung der Grenze).
Mittlerweile wird das im November 2008 gestartete
Texas Virtual Border Watch Program von
20 County-Sheriffs des Texas Border Sheriff's Coalition (TBSC) unterstützt und dank einer Public Private Partnership mit
BlueServo realisiert. Bislang ist dies das einzige Projekt, offenbar hofft BlueServo auf mehr. Anscheinend hofft man auf Werbung, wenn denn einmal viele Menschen zum pausenlosen Überwachen gefunden werden. Anlocken will man Nutzer auch mit dem Angebot, selbst auf ihren Grundstücken Überwachungskameras zu installieren, um so Grund und Haus zur eigenen Sicherheit auch von anderen in der Form von "Virtual Neighborhood WatchesSM" beobachten zu lassen.
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| Ausschnitt aus der Webseite von Texas Borderwatch |
Für 2 Millionen Dollar vom Bundesstaat Texas wurden erst einmal 15 Kameras an Stellen installiert, die dafür bekannt sind, dass hier viele illegale Grenzübertritte stattfinden. Geplant sind 200 Kameras. Wer will, kann über das Internet nach Anmeldung bei BlueServo als neu ernannter "Virtual Texas DeputySM" die Bilder auf den Kameras beobachten und die Grenzpolizei vie Email benachrichtigen, wenn er etwas Verdächtiges bemerkt. Sheriff Arvin West ist davon überzeugt, dass diese Art der Überwachung 2.0 erforderlich sei, um die Kriminalität zu bekämpfen. Kritiker wenden allerdings ein, dass die Maßnahme wenig effizient sei. Es sei gerade einmal zu drei Verhaftungen gekommen, El Paso State Senator Eliot Shapleigh nennt es eine Zeitverschwendung. Kritiker bezeichnen das Projekt auch als "perkte Google-Grenze".
Bislang haben
angeblich mehr als 100.000 Internetnutzer einen Account eingerichtet, um als virtuelle Grenzpolizisten auf die Bilder der Kameras zu starren. Nach Don Ray, dem Direktor der Texas Border Sheriffs' Coalition, interessieren sich dafür keineswegs nur Texaner, sondern man habe auch Hinweise aus Europa oder Asien erhalten. Selbst aus einem Pub in Australien sei die Grenze überwacht worden. Für längere Zeit dürften sich aber selbst hoch voyeuristische Glotzer nicht zur freiwilligen Überwachung finden lassen, wenn nicht für Abwechslung oder Ansporn gesorgt wird. Vielleicht müsste BlueServo ja Preise ausschreiben oder sonst etwas finden, was das Betrachten der Kamerabilder interessanter macht, um Aufmerksamkeit zu halten. Als Geschäftsidee dürfte die virtuelle Grenzüberwachung kaum erfolgreich sein. Und neu ist schon gar nicht. Der Science-Fiction-Autor Neal Stephenson hatte bereits 1995 ein ähnliches Projekt namens
Global Neighbourhood Watch ausgebrütet – allerdings voll von Ironie.
Gouverneur Perry will dazu mit einem neuen
Programm für 130 Millionen Dollar die Grenze sicherer machen und die transnationalen Gangs bekämpfen. Zu dem Paket von geplanten Maßnahmen gehört auch, das Werben für Gangs oder deren Verherrlichung im Netz unter Strafe zu stellen.