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Der erweiterte Postkartenbegriff

Tilman Baumgärtel 03.12.1998

Joseph Beuys: "Auch wenn ich meinen Namen schreibe, zeichne ich."

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Eine Ausstellung im Berliner Postmuseum zeigt die Postkarten von Joseph Beuys. Und von denen gibt es jede Menge. [extern] www.museumsstiftung.de/beuyspics.html

Joseph Beuys dürfte wahrscheinlich der einzige moderne Künstler sein, der eine eigene Autogrammkarte hatte. Wohl nur halb ironisch "Fanpostkarte" genannt, verteilte Beuys die Karte, die ein Brustbild von ihm mit den Markenzeichen Weste und Hut zeigte, signiert an Kunstfreunde, die ihm auf die Pelle rückten. Den anderen großen Starkünstler der Nachkriegszeit, Andy Warhol, kann man sich schwerlich mit einem Stapel Fotos von sich selbst in der Jacketasche vorstellen. Aber daß Beuys mit seinem ausgeprägten Sinn für Öffentlichkeitsarbeit und Missionarstum immer sein Konterfei in einer der vielen Taschen seiner Pilotenweste getragen haben soll, kommt einem komischerweise ganz plausibel vor.

Im Grunde sind alle Postkarten, die die Ausstellung "Joseph Beuys: Postkarten" noch bis Ende des Jahres in dem Museum an der Berliner Urania zeigt, "Fanpostkarten". Im Gegensatz zu den Mail Artists, denen an gleicher Stelle vor einem Jahr eine Ausstellung gewidmet war, hat Beuys kaum individuellen Arbeiten im Postkarten- oder Briefformat geschaffen, wenn man von einigen gestempelten Arbeiten absieht. Die Mehrzahl der Arbeiten, die in der Berliner Ausstellung zu sehen sind, sind sämtlich in größeren Auflagen gedruckte Postkarten, die nur durch die Berührung des großen Meisters zum Orginalkunstwerk wurden - durch seine Signatur eben, in einem quasi-alchemistischen Verfahren, das in Beuys' Werk ja auch sonst eine wichtige Rolle spielte.

"Hiermit tretet ich aus der Kunst aus".

Jörg Neuhaus, aus dessen Sammlung die Ausstellung zusammengestellt wurde, hat seit Mitte der 80er Jahre alles zusammengetragen, was im Postformat ist und Beuys' Signatur trägt, und das ist eine ganze Menge: außer einer Kiste mit über 100 Postkarten sowie den bekannten Holz-, Schwefel-, Magnet- und Filzpostkarten, die noch heute bei Großausstellungen und diversen Kunstmessen den Stand des allgegenwärtigen Klaus Staeck schmücken, hat Neuhaus insgesamt 428 Karten zusammengetragen. Dazu gehören so bekannte Exemplare wie "Die Axt meiner Mutter", "Letze Warnung an die Deutsche Bank", "Die Mysterien im Hauptbahnhof" oder "Hiermit trete ich aus der Kunst aus", aber auch ober-obskures Zeugs wie eine von Beuys signierte Bestellkarte für seine in der Edition Staeck erschienene Postkartenbox. Daß Beuys ein Talent für aufmerksamkeitsstarke Formulierungen ("Wer nicht denken will, fliegt raus.") ebenso wie Sinn für Humor hatte (signierte Karte von "ND-Gaststättenwettbewerb in der Hauptstadt der DDR"), zeigen die Karten, die in der Berliner Ausstellung brav gerahmt an der Wand hängen. Daß Neuhaus im Zeichen seines "erweiterten Postkartenbegriffs", von dem im Katalog die Rede ist, auch von Beuys signierte Einstellungseinladungen gesammelt hat, verstärkt freilich den Eindruck der "Fanpostkarten"-Sammlung.

Unfreiwillig illustrierte die Ausstellung so einen bis heute nicht recht zu lösenden Widerspruch im Beuysschen Werk: der zwischen dem basisdemokratischen Kunstpropagandisten ("Jeder Mensch ist ein Künstler") einerseits, und dem Kunst-Alchemisten andererseits, der etwa Postkarten, die für eine Mark in jedem Museums-Giftshop zu haben sind, durch Handauflegen/Signieren zu auratischen Kunstwerk im Wert von mehreren tausend Mark verwandeln konnte.

Zu diesem etwas zwiespältigen Eindruck trägt auch die Art und Weise bei, mit der die Beuysschen Postkarten hier kunstgeschichtlich bearbeitet werden, und Beuys Umgang mit Postkarten zum Unikum hochstilisiert wird: Der Künstler pflegte bei seinen Ausstellungen einen Stoß Einladungskarten mitzunehmen! Die Karten lagen in seinem Atelier herum, und wurden von ihm auch weiterverschickt! Seine Unterschrift brachte Beuys an ganz bestimmten Stellen auf der Karte an! Dabei unterscheidet sich eine Unterschrift von der anderen!

Vieles, was stinknormale Künstlerroutine ist, wird da zum großen Kunstgriff hochstilisiert. Das entspricht paradoxerweise einerseits Beuys Intentionen ("Auch wenn ich meinen Namne schreibe, zeichen ich", heißt es auf einer seiner Karten.). Andererseits konterkariert es aber seine Absicht, durch seine Arbeit mit dem kleinen, billigen Medium Postkarte seine Ideen möglichst weit und demokratisch zu verbreiten. (Was das genützt hat, kann man unter anderem an der Tatsache ablesen, daß das Deutsche Postmuseum Stapel von Protestbriefen bekam, als es 1989 ein Telefonmultiple von Beuys bei einer Londoner Auktion erwarb - auch eine Form der Mail Art...)

Netzkunst ohne Rückkanal

Doch trotzdem ist die Berliner Ausstellung sehenswert, funktioniert sie doch auch wie eine kleine Beuys-Retrospektive. Dadurch, daß Beuys wirklich fast jede wichtige Aktion und Großinstallation - von der Honigmaschine zu "7000 Eichen", von seinem Rausschmiß aus der Düsseldorfer Kunstakademie bis zur eingeschmolzenen Zarenkrone - mit Postkarten begleitet hat, kann man seinen künstlerischen Werdegang hier in nuce besichten - immer versehen mit dieser krakeligen altertümlichen, halb in normaler Schreibschrift, halb in Sütterlin geschriebenen Unterschrift am Rande. Daß die Deutsche Bundespost ihm 1993 eine eigene Briefmarke gewidmet hat, hätte ihn wahrscheinlich gefreut, hätte er es noch erlebt. Sein Interesse daran, sich in den Kreislauf des internationalen Postsystems einzuklinken, macht ihn zu einem Vordenker der Netzkunst unserer Tage, wenn auch bei Beuys die Richtung der Kommunikation immer nur in eine Richtung ging; ein "Rückkanal" fehlt an seiner Arbeit mit dem ältesten Telekommunikationsmedium der Welt.

Die Ausstellung mit den Beuysschen Postkarten ist übrigens die letzte im alten West-Berliner Museum für Post und Kommunikation. Zum 1 Januar 1999 schließt das Schöneberger Haus, im Jahr 2000 wird dann eine komplett überarbeitete Ausstellung im historischen, von dem preußischen Generalpostmeister Heinrich von Stephan angeregten Postmuseum an der Leipziger Strasse eröffnet, in dem zur Zeit noch kräftig renoviert wird.

"Joseph Beuys: Postkarten", Museum für Post und Kommunikation, An der Urania, Berlin-Schöneberg, Öffnungszeit: 9:00 bis 17:00 Uhr, bis zum 31. Dezember 1998. Ein Katalog für 45 Mark ist an der Kasse erhältlich.

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Kommentare lesen
beuys who ? (egmont kap-herr 29.4.2001 12:37)
Beuys (Susanne und Christian Ohme 22.4.2001 19:46)
Ich hasse Joseph Beuys (Mauli 7.12.1998 6:23)
 
   
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