Elektronische Musik aus Argentinien
Ulrich Gutmair 22.04.1999
Import/Export Techno Office: Minimalismus und Tango-Melancholie.
Techno ist in der letzten Dekade so etwas wie eine internationale Sprache und popkulturelle Währung geworden. Man hätte einiges zu tun, würde man versuchen, umfassend die diversen Stränge des Import/Exports von elektronischer Musik nachzustellen. Es war unter anderem europäischer Synthiepop, der die Techno-Pioniere Detroits zu ihrer spezifischen Interpretation von Funk und Disco inspiriert hat. Und es waren eben diese Detroiter, die eine Zeit lang Berlin zur globalen Kapitale von Techno gemacht haben. Platten, die in den Staaten keiner wirklich haben wollte, machten dort plötzlich Sinn, wurden gekauft, gehört und zu Beginn der Neunziger dann auch gleich dort aufgenommen.
Erst über solche Umwege wurde Techno zur subkulturellen Variante eines globalen Produkts, das keine nationalen Schranken kennt. Es ist schon erstaunlich, wie die alternativen Vertriebswege von Minilabels, Plattenläden und Kleinstvertrieben in Folge dieser transatlantischen Ströme genau das getan haben, was die neoliberalen Ideologen des neuen Kalifornien in Sachen E-Commerce zum grundlegenden Modell erklärt hatten: Kleine, flexible und damit innovative Firmen versorgen internationale Märkte. Es ist vermutlich nicht falsch, eine Parallele zwischen europäischen Technolables und den schon mythischen Garagenfirmen im Softwaresektor zu ziehen, die mit der richtigen Idee bald riesige Märkte bedienen. Stufe zwei der Entwicklung in einer globalisierten Welt ist logischerweise die, daß an eben noch für weitab vom Schuß gehaltenen Orten ähnliche Produkte hergestellt werden. Da gibt es dann auf einmal Software aus Israel und elektronische Musik aus Argentinien.
Das vor kurzem von Riley Reinhold und Jacqueline Klein in Köln gegründete Label Traum hat letztere im Angebot. Die erste eben auf Traum erschienene CD trägt den schlichten Titel "Elektronische Musik aus Buenos Aires" und kompiliert mehr oder weniger aktuelle Produktionen der dortigen lokalen Miniszene, die Reinhold als verblüffend jung, vorwiegend männlich und beinahe klandestin agierend beschreibt. Man macht seine Parties selbst in irgendwelchen Wohnungen, hält sich von den großen Techno-Events der Stadt fern, versteht sich eher als Boheme und brennt CDs in Auflagen von 100 bis 500 Kopien.
Die Produkte dieser kleinen aber hochproduktiven Szene zeichnen sich durch einen spezifischen Minimalismus aus, der schon nach den ersten Takten klar macht, daß es hier weniger um den Dancefloor als um eine gewisse Form von Ambient geht. Ambient darf in diesem Fall aber nicht als hippieskes Versinken in beliebig vor sich hin fließenden und blubbernden Sounds und einer generellen Abwesenheit von Beats gedacht werden. Ganz im Gegenteil spricht die Mehrzahl der Tracks auf dieser Kompilation von einem äußerst differenzierten Wissen um Rhythmus und musikalische Strukturen, auch wenn letztere gerne nur äußerst sparsam angedeutet werden.
Von 'hier' nach 'dort' und wieder zurück
Die grundlegenden Gerüste der Tracks sind von allen bekannten Genres inspiriert und pendeln zwischen Elektro, Techno und experimentelleren Spielarten moderner Elektronik. Mitunter wird man auf eine Reise in die Geschichte elektronischer Musik mitgenommen. Da gibt es Synthiesounds, die in den Stücken von Fantasias Animades gradewegs aus den 80ern zu kommen scheinen, oder die Tracks von Leo Garcia, in denen man das Kapitel 'Detroit und die Folgen' noch einmal nachhören kann. Garcias "Clap 6" erinnert an die Sounds und Rhythmen von Spiral Tribe und anderen, die Mitte der 90er den ekstatischen Sound für LSD-verseuchte Raves am Rande der Legalität definiert hatten. Während die Tracks von Spiral Tribe aber eines Mindestmaßes an Härte und Brachialität bedurften, um rituell zu funktionieren, kann sich Garcia zurücklehnen, die Geschwindigkeit herunterschrauben und mit eben den Strukturen spielen, die woanders mehr oder weniger zwangsläufig aus bestimmten Partybedürfnissen entstanden sind. Genau das macht Import/Export immer wieder interessant: Herangehensweisen, die hier mit einer bestimmten sozialen Praxis verbunden sind und mit ihr auch wieder verschwinden, können dort unvoreingenommen auf ihre innere Logik hin untersucht werden. Und irgendwann kommen sie von 'dort' wieder nach 'hier' zurück und der nächste Zyklus kann beginnen.
Samples finden sich in der elektronischen Musik aus Buenos Aires nur selten, und dann sensibel zwischen Beats und elektronisch generierten und verarbeiteten Sounds plaziert wieder. Stattdessen wird hart an Klangfarben gearbeitet. Gustava Lamas, der mit zwei Stücken vertreten ist, läßt etwa Assoziationen an Flöten und Glöcken vor dem inneren Ohr entstehen. Woanders werden digitale Produktionsweisen als solche thematisiert. Auch in Buenos Aires hört man offensichtlich Oval und Microstoria. Yuxtapose hat sich gar in der Betitelung seines Tracks an deren Ästhetik gehalten: "Sciex Elan" heißt das gute Stück. Umso erstaunlicher, wenn gegen Ende des Tracks aus verschiedensten Knacksounds und Radiogeräuschen heraus einen verzerrten Moment lang asiatische Volksmusik an die Oberfläche schwimmt. Das wäre mit Oval nicht passiert.
Gibt es einen "Sound of Argentinia"?
Auch wenn diese erstaunliche Musik aus Südamerika logischerweise ihre europäischen und nordamerikanischen Wurzeln kennt, kennt sie doch auch ihre eigenen Exotismen und Verweise und erfindet analog zu diesen ihren eigenen Sound. Riley Reinhold hört darin nicht nur Reflexionen der intimen Athmosphäre der Happenings vor Ort, für die diese Musik entstanden ist, sondern sieht auch eine musikalische Tradition im Hintergrund mit am Werk: die Melancholie des klassischen Tangos. Dem kann man nicht unbedingt widersprechen. Von der anderen Seite des Atlantiks aus kann man nur generell und den bekannten Vorurteilen zum Trotz feststellen: Nichts ist schwieriger zu beurteilen, als elektronische Musik, deren Kontext man nicht kennt.
Paradoxerweise sind es offensichtlich gerade lokale und regionale Spezifika, die dem globalisierten Produkt erst seine Identität geben. Und natürlich gibt es den Sound of Buenos Aires wie etwa den Sound of Paris auch über Marketingstrategien hinaus: Der eine wie der andere erklärt sich aus den lokalen sozialen und ökonomischen Räumen und Strukturen, den Clubs, Aktivisten, Hörern, Labels, die diesen Sound bestimmen. Und natürlich aus den Import/Exportströmen, die sich als Einflüsse hier oder da stärker oder schwächer bemerkbar machen. So macht es Sinn, diese Kompilation schlicht mit "Elektronische Musik aus Buenos Aires" zu betiteln. Ja, das ist elektronische Musik, und sie konnte genau so vermutlich nur in Buenos Aires entstehen. Trotzdem funktioniert sie wahrscheinlich überall ähnlich, und zwar am besten zuhause.
V.A.: Elektronische Musik aus Argentinen. (Traum)