40 Jahre Asterix
Richard Oehmann 26.10.1999
Am 29.10. 1959 erschien in Frankreich zum allerersten Male eine Comicseite des legendären Gallier-Comics. Seitdem hat Asterix der Kunstgattung Comic viel Ansehen verschafft.
Nun lassen wir mal alles Gegreine beiseite. Klar, nachdem Goscinny gestorben war, wurde alles immer schlechter. "Der große Graben" war schon mies, das "Morgenland" der absolute Tiefstpunkt, und der letzte Band, wie einst Rummenigges Sturmgedränge, ein Sammelsurium vergebener Möglichkeiten. Die Hauptfigur ist im Grunde ein Spießer, beim "Kupferkessel" sogar ganz ekelerregend soldatisch, an anderer Stelle oft einem törichten Regelwerk verhaftet. Der französische Nationalstolz, der mittlerweile mit jedem neuem Band und jeder der zweifelhaften Verfilmungen einherschwappt, sei großzügig verwünscht und der allgemeine Befund, dass etwa die Prügeleien und der Spruch "Die spinnen, die Römer" das Interessanteste wären, für blöd befunden.
Aber! Die Maus beißt keinen Faden ab: Asterix hat den Planeten gehörig bereichert, Band 1 bis 24 haben dies nachhaltig gesichert. Das sollte an seinem 40. Geburtstag wirklich nicht verschwiegen werden. Der 29.Oktober ist zugleich Tag des Jubiläums von "Pilote", jenem französischen Magazin, in dem seinerzeit sämtliche wichtigen Zeichner und Autoren versammelt waren, ob Morris, Franquin, Victor Hubinon oder Jean Michel Charlier. Bereits am ersten Verkaufstag wurde das Heft mit der kühnen Titelzeitle "Was für ein Journal!" 300 000 Mal verkauft. Der Erfolg von "Pilote" stärkte seither das Renommee der noch jungen Kunstgattung und etablierte die französischen Comics als akzeptable Erwachsenen-Lektüre. Die Seite 20 dieser ersten Ausgabe war bedruckt mit dem Anfang einer Geschichte namens "Astérix le gaulois". Da wirft Vercingetorix dem römischen Eroberer die Waffen auf die Füße, ein erster kleiner Witz über die Deutschen wird gerissen und die Lupe zeigt erstmalig das kleine Dorf in Aremorica. Krumm sehen sie aus, die Gestalten auf diesem ersten Blatt, Obelix ist noch weit von der Idealform entfernt, im Dialog fallen bereits die ersten lateinischen Satzbrocken. Nach dem Umblättern zeigt sich dann ein hinreissendes Quartett verprügelter Soldaten, der Größe nach gestaffelt, die Helme schief, die Panzer verbeult, die Speerspitze geknickt. Die Römer sind weit unterhaltsamer gestaltet als die gar so kecken Gallier. Der Antiquitätenanfertiger Automatix war noch nicht geschaffen und Yellowsubmarine, des Fischverkäufers duldsame Gattin, harrte noch in der goldenen Zukunft. Mit dem zweiten Abenteuer jedoch, "Der goldenen Sichel" (Nicht "Kleopatra" wie in der deutschen Ausgabe), und jenem denkwürdigen Blick auf die rauschende Metropole Lutetia ("Ist das aber groß!" Obelix) erschließt sich dann eine famos groteske Antike. Viele grelle Gestalten warten hier auf den Leser, Normannen, Briten, glücklose Piraten und verquollene Zenturios. Und selbst Cäsar hat nichts Erhabenes, sondern kommt als psychisch labiler Hagestolz daher.
"Zähl mir die großen Zeitabschnitte unserer Geschichte auf" sprach einst der Texter René zum Zeichner Albert auf der Suche nach einem wirkungsvollen Comic-Stoff. Weit ist Uderzo nicht gekommen, denn schon bei Nennung der Gallier erfolgte laut Legende die Erleuchtung, es entstand die Idee vom unbeugsamen Dorf, umgeben von Römerlagern. Zuvor hatten Goscinny und Uderzo schon öfter zusammengearbeitet, der Pirat Jehan Pistolet und der Indianer Umpah-Pah waren ihre Schöpfungen. Daß Goscinny ausgetüftelte Szenarios und pointierte Dialoge schreiben konnte, hatte sich längst rumgesprochen in Frankreich, immerhin lieferte er schon eine Weile die Texte zu "Lucky Luke". Asterix aber sollte alles andere übertreffen. 1961 wurden vom Verleger Georges Dargaud die ersten reinen Asterix-Bände veröffentlicht. Die Auflagen stiegen mit jeder neuen Nummer. "Asterix bei den Briten", Band 8, brach im August 1961 alle Rekorde. Der bis heute anhaltende Boom hatte begonnen und zugleich die Vermarktung der Figuren. Ausgerechnet dem nichtswürdigen Rolf Kauka wurde die deutsche Erstveröffentlichung überlassen, und zwar im Magazin "Lupo". Die Gallier wurden dafür stracks in Germanen verwandelt, die von der Wiedervereinigung träumen. Asterix hieß Siggi und Obelix Barrabas. Sie waren eingebettet in eine rechtsradikale Satire über ein tapferes Dorf, namens Bonnhalla, das sich gegen jegliche Überfremdung zur Wehr setzt. Nach vier Heftvermurksungen wurde die Kinder-Propaganda unterbunden. Asterix erschien nun in im Magazin MV 67 als Serie, später in Albumform, möglichst unverfälscht, aber leider zunächst in der falschen Reihenfolge.
Der Tod von René Goscinny im Jahre '77 wurde in Frankreich gebührlich bedauert. Man hatte ihm neben Asterix auch noch Luke, Isnogud und viele ander Genialitäten zu verdanken. Hierzulande wurde sein Ableben zu einem jahrelangen Mysterium in der Kinderszene. Wann immer das Gespräch auf Comics kam, hieß es, "der eine von Asterix" - ob Zeichner oder Texter war unklar, Namen konnte sowieso keiner aussprechen - sei doch jetzt tot, wobei das Wort 'jetzt' bis in die Neunziger Jahre als einigermaßen zutreffend ertrachtet wurde. Ungewiß und finster schien die Zukunft. Jedes neue Album schien nun das Vermächtnis zu sein. Doch Uderzo entschied sich, allein weiterzumachen, was den späteren Heften den allseits bekannten Qualitätsschwund einbrachte. Zu Beklagen ist da nicht etwa das Fehlen von Goscinnys politischen Anspielungen, jene waren gar nicht sonderlich rasant oder hellsichtig, sondern von jener Art onkelhafter Satire, wie etwa die Bonnwitze bei Manfred Schmidts "Nick Knatteron". Uderzo hat sich nur als der noch Plumpere herausgestellt. Zum Beispiel seine Spitzen gegen die Frauenbewegung in "Asterix und Maestria" sind von ausgesuchter Verschnarchtheit. Goscinnys Kunst war vielmehr, die Eleganz in der Handlungsführung und die Skizzierung der Charaktere. Das rituelle Abfeiern aller Asterix-Standards wie der Versenkung der Piraten oder Obelixens Wildschweinkult gelangen bis zum Band 24 viel unangestrengter als bei Uderzos Alleingängen.
Doch sehr viele Hefte wird Uderzo eh nicht mehr liefern, so lange kann sich der Fan durchaus in Geduld und Schweigen üben. Heute arbeitet der Zeichner nur noch sehr langsam, seine rechte Hand macht nicht mehr recht mit. Das Kolorieren überläßt er sowieso schon seit langem anderen, denn Uderzo ist farbenblind und hat früher schon mal ein Pferd grün gemalt. Trotzdem ist der Comic nie psychedelisch geworden, hat in diesen vierzig Jahren wenig stilistische Veränderungen erfahren. Nur das Drumrum, die Werbefeldzüge und der Besitzerstolz der Franzosen wurden penetranter. Asterix gehört zum nationalen Kulturgut Frankreichs und ist zugleich der größte Trumpf gegen alle amerikanische Überwölbungen. Ein Asterix-Park etwa ahmt die Comic-Kultivierung des Disney-Konzerns nach. Doch einen so großen Output, wie bei Donald Duck und Micky Mouse, wird es bei Uderzos weltweitem millionenschwerem Kleinkonzern vorläufig nicht geben. Denn bei den Heften hängt noch alles von des Firmeneigners Arbeitsfähigkeit ab.
Wenn der alte Herr nun womöglich in seiner Verblendung eine Fortsetzung der schrecklichen Realfilmversion mit Gerard Depardieu duldet, und auch das nächste, wiederum vielleicht letzte Heft ein mieses wird, dann kann man sich ja mit den alten Alben trösten, am Besten zusammen mit zwei bis drei Freunden. Denn der Spaß ist am Größten, wenn man sich gemeinsam über solch ein Heft beugt. Wie damals im Schulhof oder am Badeweiher kann man sich anstupsen und auf bisher unbemerkte Details aufmerksam machen, die Hühner z.B. oder besonders gelungen gezeichnete Zehenstellungen. Lange Jahre gab es noch diese grobmotorischen Eltern, die Comics pauschal für Schund hielten und verboten, ja mitunter Razzien in Kinderzimmern durchführten. Da landeten mitunter Fix&Foxi, Silberpfeil und Asterix unverdient in derselben Mülltonne. Also kriegten Kinder, die sich nichts kaufen durften und heimlich lesen mußten, vielleicht noch Micky Maus, nie aber Asterix geliehen. Der war zu wertvoll. Der Triumph war beträchtlich, als jenen marodierenden Erziehungsberechtigten oder grantigen Lehrern der erste Band auf Lateinisch gezeigt oder auf erwachsene Leser verwiesen werden konnte. Asterix wurde bald Allgemeinbildung und Bestandteil der Hochkultur. Wie jede weitverbreitete Erzählung hat auch der Gallier-Comic einen Insider-Code geschaffen. Bei Erwähnung von Bonmots wie "Ich hab noch eine halbe Platte zu putzen" oder "Bärenblutwurst mit Honig" sind bei Gesellschaften leicht die Asterix-Kenner herauszufiltern. Die "geheimnisvolle neutrale Flotte", den "Hundeleser" und die Unterhose des Legionär Schlagdraufundschlus sind schon perfidere Details. Oder man denke nur an den Römerspeer in Obelixens Hintern, an den Ruf "in den See, in den See mit Gewichten an den Füßen" oder die Zwiesprach zwischen dem Korsen und dem Römer ("Sie gefällt dir also, meine Schwester!"). Ach, ein Quell steter Freude. Da darf man schon mal gratulieren.