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Im Land der Emotionen

Rüdiger Suchsland 26.03.2009

Deutschland wo liegt es? - 13 deutsche Filmemacher suchen in einem Kollektivfilm nach "Deutschland 09"

Wie kein zweiter deutscher Film dieses Jahres wurde dieses Projekt schon im Vorfeld mit Spannung erwartet - verständlich, blickt man auf die Namen der Beteiligten: Dominik Graf, Fatih Akin, Christoph Hochhäusler, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Angela Schanelec, Romuald Karmakar, Hans Weingartner und - als Inspirator, Motor, und Produzent - Tom Tykwer. Diese Ansammlung steht nicht nur für den Großteil der besten deutsche Filme der letzten Dekade, sondern zugleich für sehr heterogene Stile und Zugangsweisen, auch Haltungen zum Medium Kino. Aber wenn es gut läuft, dann könnte "Deutschland 09" vielleicht Schule machen, zum Vorbild werden für Kollektivarbeiten und einen neuen Typus Kino, der die beliebte Team-Schwärmerei in die Tat umsetzt. Herausgekommen ist nun mehr Poesie als Politik und ein Film, der einen erstaunlichen Sog entwickelt. Die Leitfrage, die alle Filme eint, ist die Suche nach einem Ausweg aus der grassierenden Politikmüdigkeit.

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Wolfgang Beckers Beitrag. Alle Bilder: Piffl (Bild vergrößern)

Wie kann man das Phlegma, das man mit Politik hat, bekämpfen?
Nicolette Krebitz


Der Politik fehlt Intensität und Inspiration, die Deutschen haben die Lust an Gestaltung verloren, wir lassen uns gestalten. Deutschland ist grau.
Dani Levy

"Emotional - ein Wort, das ganz oben ansteht in der deutschen Kultur der letzten 20 Jahre, und Deutschland 09, ganz oben in der Politik, im Film, in der Musik, in der Finanzwirtschaft, in der Werbung. Wir müssen immer alle die Menschen 'emotional mitnehmen', die Künstler, die Politiker. Die Architektur ist nun also auch emotional, die Repräsentationsarchitektur. Naja, das war sie ja wahrhaftig immer schon; selbst in den dunkelsten Momenten der deutschen Geschichte. Aber seit den Nazis hat das niemand mehr so betont, wie die Deutschen in den letzten 20 Jahren seit der Wiedervereinigung: "erhaben", "gefühlsbeladen", "berührt", "getroffen", "ergriffen", "gefühlsduselig", "aufgewühlt"… Vielleicht ist diese seltsame Emotionalität der Architekten, der Funktionäre, der Politiker, vielleicht ist all dieses Gefühl nur der Deckmantel, hinter dem die wahre Geschichte entsorgt wird? Und unseren Kindern bleiben Pappkulissen. Und Stadtschlösschen. Alles versinkt…"


Eine aus dem Off gesprochene Frage, die vieles in diesem Film auf den Punkt bringt, und die sich, in seinen schwächeren Momenten, auch an ihn selbst richtet. Sie stammt aus Dominik Grafs "Der Weg, den wir nicht zusammen gehen", einem der besten der insgesamt 13 Beiträge zu "Deutschland 09". Als eine "Reise durch die Architekturlandschaft" Deutschlands tritt Grafs Doku-Essay eher bescheiden auf, aber der Regisseur findet in den sinnlichen Gewissheiten des ganz Konkreten schnell das Allgemeine, und so wird aus seiner Dokumentation des Verschwindens der Nachkriegsarchitektur eine Reflexion über die Geschichte und unser Verhältnis zu ihr. Und über den Umgang mit Gefühlen und Geschichte, über deren mögliche Politisierung und grassierende Entpolitisierung. Darum drehen sich nahezu alle dieser zu einer Länge von über zwei Stunden zusammengefassten Kurzfilme.

Dani Levy: "Joshua" (Bild vergrößern)

Mut zur Zeitgenossenschaft

Dies ist ein Film, der in seinen Fragen weitaus interessanter ist, als in seinen Antworten. Da, wo er am besten gelingt, verzichtet "Deutschland 09" ganz auf Entschiedenheit, bietet stattdessen Material und Kommentare, aber Thesen nur probeweise. Darin erinnert er an die Stücke Heiner Müllers oder die Romane von Rainald Goetz. Darin ist er auch ganz und gar treffendes Symptom einer Zeit, die sich offenbar schwer tut, eigene Positionen zu entwickeln, und in der die letzten kreativ ernstzunehmenden Intellektuellen meist über 60 Jahre alt sind. Und dass er den Mut hat zu solcher Zeitgenossenschaft, dass er Momentaufnahme sein will, beiläufig und nicht ewig, nicht so staatstragend, wie der fehlleitende Untertitel "13 kurze Filme zur Lage der Nation" suggeriert, dass er das Flirrende, Offene des Kinos nur selten ans Pathos des Grundsätzlichen verrät, das ist eine der größten Qualitäten dieses Films, der ihm seinen Rang sichern wird.


Die große Kino-Koalition

Am Anfang von "Deutschland 09" steht filmhistorisches Bewusstsein und davon ausgehend eine ebenso faszinierend-verführerische, wie keineswegs ganz naheliegende Ausgangsidee: Was würde geschehen, wenn sich heute ein Gruppe von Regisseuren zusammenfände, um einen gemeinsamen Film zur Lage der Nation zu machen, wie damals im Herbst 1977? Gemeint ist damit "Deutschland im Herbst", Alexander Kluges inzwischen legendärer Kollektivfilm, in dem Kluge mehrere Kollegen - unter anderem Fassbinder, Schlöndorff und Bernhard Sinkel - zu einer gemeinsamen Reflexion über die Staatskrise des "deutschen Herbst" zusammenbrachte. Im Rückblick eines der besten Werke der deutschen Filmgeschichte nach 1945.

Dessen Wiederauflage liegt nun keineswegs nahe, weil zum einen der Gegner und die Krisensymptomatik zumindest diffuser geworden sind, und weil zum anderen - wie jetzt dieser Film mitunter schmerzhaft belegt - auch eine gemeinsame ästhetische oder politische Position, wie sie die Filmemacher von 1977 einte, heute fehlt.

Hans Steinbichlers Beitrag (Bild vergrößern)

Letzteres ist freilich auch eine Frage der Auswahl; und neben dem Verzicht auf eine die verschiedenen Episoden als roter Faden verknüpfende Klammer - wie es 1977 die Bilder der Begräbnisse von Hanns Martin Schleyer, Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe waren - ist es die größte Schwäche von "Deutschland 09", dass die Produzenten - der Regisseur Tom Tykwer ("Lola rennt") und Dirk Wilutzky, die beide eigens für das Projekt abseits von Tykwers "X Filme" die Firma "Herbstfilm" gründeten, und "Deutschland 09" dort gemeinsam mit Verena Rahmig produzierten - sich nicht zu einer etwas ästhetisch homogeneren Auswahl entschlossen. Denn das wird irgendwann nicht nur eine Stilfrage, sondern auch eine der Qualität. Zumal es ja dann umgekehrt auch nicht darum ging, alles und jedes gleichberechtigt zu repräsentieren: Weder Bully Herweg, noch Doris Dörrie, noch ein Markus Rosenmüller sind dabei. Der lokale wie stilistische Schwerpunkt liegt in Berlin.


"Dass bei uns die Frage 'Was ist deutsch?' niemals ausstirbt…"

So gibt es hier nun aber Filme, auf die man einfach hätte verzichten können, und es gibt welche, die stören in schrillen Misstönen oder dadurch, dass sie das Niveau der übrigen Beiträge dann doch zu deutlich verfehlen.

In "Deutschland 09" gibt es mehrere direkte wie indirekte, offenkundig gewollte, wie möglicherweise unbewusste Bezüge auf den Kluge-Film: Doch der vergleichende Blick schärft auch den Sinn für Unterschiede, zeigt, dass dieser nur Anreger und Auslöser war, er aber keineswegs nachgeahmt wird. "Natürlich kann man die Situationen nicht vergleichen", sagt auch Dani Levy, der in seinem Beitrag "Joshua" sogar sein Land selbst auf die Couch des Psychoanalytikers legt: Was hat Deutschland von sich für eine Idee? Was hält uns zusammen? "Die damals waren im Krieg, dies ist ein Film im Frieden, auch wenn es darunter einzelne Filme gibt, die sich im Krieg empfinden."

Ein bisschen muss man sich das so wie einen verqueren Heimatfilm vorstellen. Und wie das schon sehr spezielle Genre des Heimatfilms hat es schon auch etwas sehr typisch Deutsches, wenn so explizit nach Staat und Land gefragt wird. Friedrich Nietzsche schrieb schon im 19. Jahrhundert, es sei dem Deutschen eigen, "dass bei uns die Frage 'Was ist deutsch?' niemals ausstirbt". Oder könnte man sich Ähnliches aus Frankreich vorstellen? Aus Italien? Den USA? Hierzulande stellt man aber immer wieder auch im Kino recht grundsätzlich die Frage nach dem Deutschen: Erst vor ein paar Jahren in der TV-Auftragsarbeit "Denk ich an Deutschland", nun in "Deutschland 09".


Symptome einer neuen Diktatur

Mehr als einmal sieht man in "Deutschland 09" graue Herren in grauen Anzügen, die in irgendwelchen Wolkenkratzern an Konferenzschreibtischen sitzen oder neben ihnen stehen und aus dem Fenster gucken. Es sind Fenster, die von der Decke bis zum Boden reichen, und die Hochhäuser sind vollständig verglast. Ein gewisser Grundton von Paranoia ist unverkennbar, oder freundlicher gesagt: von Bedrohung durch schwer fassliche, überlegene, womöglich "höhere" Mächte.

Wolfgang Beckers Beitrag (Bild vergrößern)

Einer zweiten, unausgesprochen gemeinsamen, damit zusammenhängenden harten Diagnose begegnet man immer wieder. Sie fasst am besten noch einmal eine Bemerkung aus Dominik Grafs Collage zusammen:


'Abreißen', 'Entkernen', 'Arbeitsplätze freisetzen', 'Beschäftigungsdichte abschmelzen', 'Personaltableaus', 'gut aufgestellt', 'Kompetenzteam', 'Logistikbranche' - jede Diktatur verändert zuerst die Sprache und dann die Architektur. Das zweite dauert nur etwas länger, als das erste.

Wie Graf konstatieren auch einige andere Filme Symptome einer schleichenden neuen Diktatur, dem demokratischen Faschismus wildgewordener Kleinbürger, die "gestern den Pennern und heute den Rauchern an den Kragen" geht. Und morgen?


Das deutliche Bewusstsein, dass die eigenen, vorläufigen Antworten noch nicht genügen

Was sich hier artikuliert, ist trotzdem nicht das Sektierertum einer Weltverschwörungstheorie, sondern eher ein Lebensgefühl, und geprägt ist von Unbehagen, von einer diffusen Ahnung, dass die Zustände so wie sie sind, nicht bleiben können und auch nicht sollen. Es ist aber auch genauso geprägt von der Suche, wie man darauf antworten, und was man dem entgegensetzen könnte, und von dem eher unter der Oberfläche liegenden, aber doch deutlichen Bewusstsein, dass die eigenen, vorläufigen Antworten noch nicht genügen.

Das ist die Lage. Wie nun die 13 Filmemacher auf sie reagieren, ist individuell verschieden. Die meisten reagieren zögernd mit einer tastenden Suche, einem Befund vielleicht, einer Bestandsaufnahme. Nur manche reagieren auch mit einer Art Antwort, und die Filme, die daraus entstehen, sind nicht die besten. Wirklich schlecht sind ausgerechnet die Filme einiger ganz bekannter Namen: Fatih Akin hat sich in seiner Methode bei Romuald Karmakars letzten Dokumentationen bedient, und ein öffentliches Dokument, ein SZ-Online-Interview mit dem Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz mit minimalistisch agierenden Darstellern nachinszeniert. Nur hat er dabei, von den hölzern agierenden Darstellern einmal abgesehen, leider im Gegensatz zu Karmakar den ohnehin redigierten Text nochmals gekürzt und massiv bearbeitet - ausgerechnet ein Film, der Kurnaz eine Stimme geben möchte, beschneidet also sein Wort noch einmal. Das ist mehr als ein Denkfehler.

Silke Enders Beitrag (Bild vergrößern)

Nur noch ein Debakel ist Wolfgang Beckers laut krakelende Groteske, in der Deutschland zu einem schmuddeligen Krankenhaus verdichtet wird, und Patienten von "Doktor Rot" und "Doktor Schwarz" nach "Verdacht auf Sozialinfakt" mit "10 Milligramm Sozialadrenalin" behandelt werden - keiner der schlechten Witze dieses undisziplinierten und mit sichtbar maßlosem Aufwand inszenierten, aufdringlichen Unsinns zündet.


Dokumente der Wahrnehmungsstörung

Eher banal bleibt Silke Enders' sozialkitschiger Einblick ins "Hartz IV"-Milieu, der auf genaue Beobachtung zu Gunsten billiger Medienschelte verzichtet. Oder Tom Tykwers parallele Studie über die Leiden der Schönen und Reichen, die immer in sauberen Luxushotels schlafen und in der Business Class fliegen müssen, und dort - hört hört - auch nicht glücklicher sind. Diese beiden Filme sind immerhin präzis als Dokument der Wahrnehmungsstörung ihrer Macher, die nur sehen, was sie schon vorher gewusst haben.

Bei Hans Weingartners "Gefährder" fragt man sich hingegen, warum der Regisseur nicht merkt, dass er seine unbestritten engagierte und durchaus relevante Anklage des bundesdeutschen Überwachungsstaates selber ungemein schwächt und banalisiert, wenn er den realen Fall des zu Unrecht verhafteten Uni-Dozenten Andrej Holm im Stil einer glatten TV-Soap inszeniert? Offenkundig ist Weingartners Angst vor Brüchigem und Doppelsinn - als ob er seiner eigenen Position nicht traut und Angst hat, missverstanden zu werden.

Auf seine Art herausfordernd ist immerhin Hans Steinbichlers Beitrag. Der zeigt einen Mann, der kaum zufällig am Obersalzberg wohnt, in einem ausgebauten Bauernhof zwischen Hirschgeweihen und Designermöbeln, und auf die Veränderung des Designs seiner gewohnten Tageszeitung damit reagiert, dass er die Auflage aufkauft, verbrennt und die komplette Chefredaktion per Genickschuss hinrichtet. Man möchte zu Steinbichlers Gunsten unbedingt hoffen und vermuten, dass an all dem nichts unironisch gemeint ist, aber man muss leider zugeben, dass der Film seine Ironiesignale derart versteckt, dass alles auch als ein Plädoyer für Verbrennen und Erschießen vom Missliebigem verstanden werden kann.


Ulrike Meinhof trifft Susan Sontag

Auf der Haben-Seite hat "Deutschland 09" aber auch vieles zu bieten: Neben Grafs schon erwähnter Architekturreflexion, einem melacholischen Klagelied in wunderschönem warmen Technicolor, muss man hier die Filme von Nicolette Krebitz, Romuald Karmakar und Christoph Hochhäusler nennen. Krebitz' Film verbindet am meisten mit dem phantastischen Essayismus Kluges, der seinerzeit zum Beispiel eine Lehrerin "nach der deutschen Geschichte grabend" zeigte - und mit der Erbschaft von Stummfilm und Expressionismus. Krebitz "Die Unvollendete" lässt die fast gleich alten Ulrike Meinhof und Susan Sontag in einen imaginären Dialog mit einer jungen Frau aus unserer Gegenwart, der "Torpedo"-Regisseurin Helene Hegemann, treten - eine ebenso komplexe wie verspielte, anti-naturalistische Montage aus Originaltexten, die von einer flirrend-heiteren Leichtigkeit geprägt sind, und zugleich Konturen einer spezifisch weiblichen Filmsprache erkennen lassen. So einen Film könnte kein Mann drehen.

Tom Tykwers Beitrag (Bild vergrößern)

Karmakars "Ramses" könnte hingegen keine Frau drehen: Der stellt den aus dem Iran stammenden Besitzer eines Westberliner Bordells, der Onyx Bar, vor, der aus dem Alltag seines Etablissements und von seinen, zum Teil prominenten Gästen erzählt. Da erfährt man nichts, was man nicht auch schon in Pornofilmen hätte sehen können. Aber es wird rückgebunden, und man stellt sich dann unsere freien demokratischen Politiker vor, wie sie hier Halt machen und sich Stuhlbeine in den Anus rammen lassen, bevor sie sich dann zu den Frauenrechten im Iran äußern, unsere Manager, wie sie sich von Nutten bepissen und bekacken lassen, bevor sie dann am nächsten Morgen ein paar Tausend ihrer Angestellten freisetzen - und doch sind das alles auch nur gelebte Schrebergartenspießerträume von all den "kleinen Leuten", die sich in der Videothek an der nächsten Ecke übers Wochenende ein paar Pornos ausleihen. Über solche Assoziationen wird Karmakars Film, jenseits aller guten und weniger guten Gedankenspiele anderer Kurzfilme wie sonst nur der von Graf zum Dokument eines Deutschlands, das viele nicht kennen, zum Dokument seiner nicht Nacht-, sondern Alltagsseite, zugleich zum Museum der 80er Jahre, das voller Poesie unangenehme Wahrheiten zeigt. "Ich danke der deutschen Nation, dem deutschen Volk", sagt Ramses am Ende, und das ist ganz ernst gemeint. Können wir den Dank erwidern? Sollten wir? Wollen wir?

Schließlich Hochhäusler: Mit den Stilmitteln des legendären Kino-Essayisten Chris Marker erzählt er angenehm unangestrengt und gelassen ein Science-Fiction-Märchen über Gedächtnisverlust, irgendwo zwischen "2001" und "Peterchens Mondfahrt". Deutschland verliert hier plötzlich alles Schwermütige, wird zu einer schönen Utopie des besseren Lebens - der prächtige, perfekte Abschluss einer überaus anregenden intellektuellen Achterbahnfahrt.


Die Hoffnung, das Kino könnte noch ganz anders sein

Am interessantesten bleibt dieses Filmexperiment aber in seiner Gesamtheit. Da ist er überaus repräsentativ: In der stilistischen Unentschiedenheit, in der Furcht seiner Macher vor dem Grundsätzlichen, der Scheu vor politischem wie ästhetischem Streit, vor Statements und Thesen, davor, sich vielleicht auch auf ein Art Lagebefund zu einigen, wie vorläufig auch immer.

So wird der Film zur Selbstbeschreibung einer Generation - zwischen Mitte 30 und Ende 40, Graf und Becker sind auch hier die Ausnahmen -, die sich vor ihrer Politikmüdigkeit gern ins Private zurückzieht, die die Fähigkeit zur Gestaltung der Öffentlichkeit verloren hat, die sich gestalten lässt - aber genau diese Lage auch präzis reflektiert, sich nach Intensität und Inspiration sehnt. "Deutschland 09" ist ein Film über diese Sehnsucht. Man wünscht ihm Ruhe zur Reflexion und ein Publikum, das sich nicht zum schnellen Urteil hinreißen, sondern die Filme wirken lässt. Die Utopie, die der Film repräsentiert, liegt in seiner Entstehungsform als Kollektivprojekt, die eben auch die Hoffnung artikuliert, das Kino könnte noch ganz anders sein, als es heute ist. Dieser Film ist immerhin ein erster Schritt.

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Kommentare lesen (3 Beiträge)
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