Rache ist teuer
Bernd Kling 31.03.2009
Wer Rache für süß hält, zahlt selber drauf im Arbeitsleben, befindet eine Studie der Universitäten Bonn und Maastricht
"Wie du mir, so ich dir" bringt unter dem Strich nur Nachteile, zumindest in der rachsüchtigen Ausführung dieses Prinzips. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das erweist sich als unwirtschaftlich. Diejenigen, die nach der Maxime aus dem Alten Testament leben, haben der Studie zufolge weniger Freunde, sind häufiger arbeitslos und weniger zufrieden mit ihrem Leben.
Ausgewertet wurden die Auskünfte von 20.000 Deutschen nach ihren Lebensverhältnissen und zugleich nach ihrer Einstellung zum Prinzip "Auge um Auge". Die Daten stammen aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), einer repräsentativen Wiederholungsbefragung privater Haushalte in Deutschland durch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
Die Forscher definierten das Auge-um-Auge-Prinzip als positive wie negative Reziprozität, dem soziologischen Begriff für Gegenseitigkeit, wobei in der positiven im Sinne von "Geben und Nehmen" reagiert werde. "Sowohl positive als auch negative Reziprozität sind in Deutschland sehr verbreitet", nennt Prof. Dr. Armin Falk vom Institut für Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften der Universität Bonn als erstes
Resultat.
Die Studie "Homo Reciprocans: Survey Evidence on Behavioural Outcomes", veröffentlicht in
The Economic Journal, sollte die experimentelle Literatur ergänzen und bezieht sich insbesondere auf den Arbeitsmarkt. Die Verfasser verkünden als Ergebnis: "Wir beobachten, dass das Prinzip der Gegenseitigkeit eine Rolle spielt und die Art und Weise, in der sie sich auswirkt, weitgehend mit den experimentellen Belegen übereinstimmt. Insbesondere steht positive Reziprozität im Zusammenhang mit höheren Gehältern und größerem Arbeitseinsatz. Die Neigung zu negativer Reziprozität führt in der Tendenz zu geringeren Leistungsbemühungen. Negative Reziprozität erhöht die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu sein."
Gut weg im Wirtschaftsleben kommen vor allem Beschäftigte, die zu positiver Reziprozität neigen, erklärt der ebenfalls an der Studie beteiligte Prof. Dr. Thomas Dohmen von der Universität Maastricht: "Sie tendieren im Durchschnitt zu mehr Überstunden, aber nur dann, wenn sie die Entlohnung fair finden. Da sie für Leistungsanreize empfänglich sind, verdienen sie tendenziell auch mehr Geld."
Das sei ganz im Gegensatz zu den "Rachsüchtigen", bei denen die Gleichung "mehr Geld = mehr Arbeit" nicht immer zutreffe, aber auch Gehaltskürzungen wirkten sich nicht leistungsfördernd aus: "Aufgrund dieser theoretischen Erwägungen wäre natürlich zu erwarten, dass diejenigen mit einer Neigung zu negativer Reziprozität häufiger ihre Beschäftigung verlieren. Eine Annahme, die durch unsere Ergebnisse bestätigt wird. Infolgedessen sind sie von einer wesentlich höheren Arbeitslosenquote betroffen."
Auf erfahrene Ungerechtigkeiten also besser gar nicht reagieren, um Job, Freunde und Zufriedenheit zu behalten? Und sich schon gar nicht beim Bewerbungsgespräch als Gerechtigkeitsverfechter outen? Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Europäischen Forschungsrat (ERC) finanzierte Studie legt es indirekt nahe.
Auch der Dow-Jones-Wirtschaftsdienst
Market Watch nahm die Botschaft gerne auf. Der für die Studie mitverantwortliche Professor Dohmen wird hier zudem mit der ausdrücklichen Warnung vor dem Versuch zitiert, die "Rachsüchtigen" mit Gehaltskürzungen zur Räson zu bringen. Das begünstige vielmehr die Gefahr ihrer Rache durch Arbeitsverweigerung oder gar Sabotage.