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Von Mächtigen und Ohnmächtigen

Joachim Jakobs 29.05.2009

Ein Plädoyer für Verantwortungskultur statt Videoüberwachung

Letzte Woche habe ich meinem Auto einen Frühjahrsputz gegönnt. Der Industriestaubsauger an der Tanke drohte: "Hausmüll Abladen verboten! Gelände wird videoüberwacht!" Vor dem Reinigungsteil lagen ein paar Pommes, ein Kugelschreiber und andere Utensilien, die sich beim Frühjahrsputz eines Autos eben so finden. So ein Stillleben vor diesem Hintergrund - das nenn' ich Realsatire!

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Der Glaube an die Technik führt auch in London in die Irre. Zur Erinnerung: London ist die Stadt, in der man nach [extern] Meinung des Datenschutzbeauftragten in Schleswig Holstein "auf Schritt und Tritt von Videokameras verfolgt wird". Schenkt man also den Sicherheitsfetischisten Glauben, müsste London zu den sichersten Plätzen der Welt zählen. Dem ist aber nicht so: Gemäß einer Studie ist London führend: [extern] Nirgendwo in Europa werden so viele Menschen Opfer einer Straftat wie in London. Selbst bei der Aufklärung ist das vorhandene Videomaterial nur [extern] begrenzt hilfreich.

Trotzdem [extern] rührt der Industrieverband Bitkom kräftig für den Einsatz dieser Technik. Und selbstverständlich verlangt auch das Volk - angesichts des Amoklaufs von Winnenden!! - nach mehr Überwachung: In einer Befragung des Mannheimer Morgens haben sich rund 70 Prozent für mehr Videoüberwachung an Schulen [extern] ausgesprochen.

Mit Verlaub: Vielleicht bin ich ja zu doof – aber was in aller Welt hilft mir denn eine Videokamera gegen einen, der nicht nur sich selbst, sondern vorher noch möglichst viele Andere in den Hades schicken möchte?

Die Technik hilft uns nicht, solange die Menschen sich nicht ihrer Verantwortung entsprechend verhalten: Ein Paradebeispiel boten die britischen Sicherheitsbehörden beim G20 Krisen-Gipfel in ihrer Hauptstadt im April. Da gab es zwei Säale: Einen für die Staats- und Regierungschefs mit je einem Adjutanten. Und es gab einen "Zuhörerraum" für die Regierungsdelegationen. Beide Säale galten für Unbefugte als "hermetisch abgeriegelt". Trotzdem: Drei Journalisten vom Spiegel hielten sich drei Stunden lang in diesem Zuhörerraum auf. Die Financial Times [extern] zitiert einen Zeugen: "Nicht dass sie sich hereingeschlichen hätten – sie sind einfach hineinmarschiert!"

Offenbar steht die Leistungsfähigkeit der Londoner Sicherheitsbehörden im umgekehrten Verhältnis zur technischen Entwicklung.

Die Beispiele zeigen: Degenerative Entwicklungen können nicht durch ein Mehr an Technik kompensiert werden - egal ob es sich um "wilde" Abfallentsorgung, Straßenkriminalität oder die Leistung im Beruf geht. Der Bundespräsident hat in seiner Berliner Rede vor wenigen Wochen den Mangel an der Haltung "So etwas tut man nicht" [extern] beklagt. Wir brauchen also dringend eine Erneuerung unseres Wertekanons: Tausende von Bankmanagern haben sich über Jahre die Taschen vollgestopft und betteln jetzt – völlig ungestraft - um Steuerzahlergeld. Aber die Kassiererin bei Kaiser's muss ihre Kündigung [local] akzeptieren, weil sie einen Kassenbon im Wert von 1,30€ unterschlagen haben soll.

Der frühere Postvorstand, Telekom-Chefspitzler und Steuerbetrüger Klaus Zumwinkel hat sich jahrelang scheinheilig für einen Mindestlohn im Briefdienst seiner Branche [extern] engagiert. Dass die Subunternehmer seines eigenen Unternehmens [extern] noch schlechter bezahlten als seine Wettbewerber, war ihm offenbar egal. Politiker zeigen gern mit dem Finger auf die bösen Manager. Sie sind sich aber nicht zu fein, heute ein Gesetz zu Gunsten eines Unternehmens auf den Weg zu bringen und am nächsten Tag einen fett bezahlten Job in der Industrie anzutreten.

Die Mächtigen müssen aufpassen, dass den Ohnmächtigen nicht zu viel mit zweierlei Maß gemessen wird. Deshalb muss die Gesellschaft klären, was richtig und falsch, gut und böse ist. Bis die Debatte abgeschlossen ist, sollten wir in jedem Minister- und in jedem Vorstandsbüro eine Videokamera aufhängen. Außerdem sollten von allen Mitgliedern aller Bundes- und Landesregierungen und allen Vorstandsmitgliedern aller Kapitalgesellschaften (und ihrer Besucher) beim Betreten der Gebäudes die Fingerabdrücke abgenommen und sie beim Verlassen des Gebäudes einer Leibesvisitation unterzogen werden. Dass etwaige schwarze Koffer einer eingehenden Prüfung unterzogen werden, versteht sich von selbst. Ich bin sicher, dass diese Maßnahmen die Debatte beflügeln werden.

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