"Politiker werden die laufenden US-Kriege nicht beenden"
Harald Neuber 18.06.2009
Der US-Soldat Victor Agosto über seine Kriegsdienstverweigerung, die Feldzüge in Afghanistan und im Irak sowie die Friedensbewegung in den Vereinigten Staaten
Victor Agostos Weg in die Armee war unspektakulär. Nach zwei Jahren am Miami Dade College schreib sich der heute 24-Jährige im August 2004 beim US-Militär ein. Er hätte damals die üblichen Beweggründe gehabt. "Vor allem war ich es leid, im Klassenzimmer zu sitzen", sagt er rückblickend. Er wollte etwas von der Welt sehen. Doch dann sah
Victor Agosto mehr als er wollte.
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| US-Soldaten am 1. Juni auf Patrouille in Basra. Bild: Pentagon |
Nach seiner Ausbildung wurde der junge Mann auf die US-Basis
Qayyarah Airfield West, rund 300 Kilometer nördlich von Bagdad, versetzt. Als Kommunikationsspezialist war er zwar nicht an Kampfhandlungen beteiligt. "Mein Job war es, die Kommunikationsstruktur aufrechtzuerhalten, damit die kämpfenden Einheiten ihre Einsätze beenden konnten", sagt er. Doch die Bedenken in ihm mehrten sich. Die Soldaten im Feld seien nur für ihre Kameraden verantwortlich, erklärt Agosto: "Es ist schwer, die Folgen meiner Arbeit einzuschätzen. Man kann nicht sagen, wie viel Leid ich mit verursacht habe."
Anfang Mai dieses Jahres zog er seine Konsequenzen. In einer kurzen Stellungnahme an seinen Stabsfeldwebel verweigerte er seinen anstehenden Dienst im nächsten Kriegsgebiet: Afghanistan. Die drei Zeilen in unbeholfenen Buchstaben machten ihn berühmt: "Ich werde auf keinen Fall nach Afghanistan in den Einsatz gehen", schrieb Victor Agosto auf ein Formular: "Die Besatzung ist unmoralisch und ungerecht. Sie bringt dem amerikanischen Volk nicht mehr Sicherheit. Sie hat den gegenteiligen Effekt."
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"Ich glaube schlichtweg nicht, dass die Besatzung Afghanistans mehr Sicherheit bringt", bekräftigt Agosto auch im Gespräch mit Telepolis. Zugleich will er andere US-Soldaten ermutigen, über den Sinn der laufenden Kriege nachzudenken. Er hat deswegen nicht den Weg der Fahnenflucht gewählt, obwohl diese Option einfacher gewesen wäre: In den USA existiert inzwischen ein gut organisiertes Netzwerk von Friedensorganisationen, bei denen flüchtige GIs Hilfe finden. Victor Agosto aber will nicht untertauchen. Er will über seine Zweifel reden. Und er stößt auf Interesse. In den USA hat der Fall des jungen Mannes, der lieber die Baracken schrubbt und Altöl entsorgt als in den Krieg zu ziehen, das Interesse der Medien geweckt. Für Agosto ist das Schutz und Gefahr zugleich: Er könnte für mehrere Jahre inhaftiert und unehrenhaft aus der Armee entlassen werden.
Im Interview mit Telepolis spricht der 24-jährige Soldat über seine Beweggründe, die Politik der Obama-Regierung und die Erwartung an die deutschen Behörden im Umgang mit US-amerikanischen Kriegsdienstverweigerern. Es ist sein erstes Interview in der deutschsprachigen Presse.
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| Victor Agosto |
Ich bin kein Pazifist
Herr Agosto, Sie haben am 1. Mai dieses Jahres den Militärdienst in Afghanistan verweigert. Wie begründen Sie diese Entscheidung?
Victor Agosto:
Ganz einfach: Ich glaube schlichtweg nicht, dass die Besatzung Afghanistans mehr Sicherheit bringt – weder für uns noch für die Menschen in Afghanistan oder sonst wo. Ganz im Gegenteil heizt die Besatzungspolitik den Widerstand dort unten an. Vor allem, weil es keine Begründung für diese Politik gibt. Daran ändert auch die politische Darstellung nichts. Imperien haben in der Geschichte immer angebliche "Gefahren" als Begründung für ihre Expansion angeführt. Um also Ihre Frage zu beantworten: Ich kann nicht guten Gewissens an dieser Strategie mitwirken.
Sie haben ihren obligatorischen Kriegseinsatz, die tour of duty, im Irak verbracht. 14 Monate haben Sie 300 Kilometer nördlich von Bagdad Ihren Dienst verrichtet. Hat das zu Ihrer späteren Entscheidung beigetragen?
Victor Agosto:
Nur indirekt, denn als Kommunikationsspezialist habe ich keine schlimmen Erlebnisse gemacht. Andere Kameraden sind mit schweren posttraumatischen Belastungsstörungen nach Hause gekommen. Ich kann das von mir zum Glück nicht sagen. Ich habe bis zum Ende dieses Pflichteinsatzes nur ein verdammt schlechtes Gewissen gehabt.
Sie mussten nie an Kampfeinsätzen in Irak teilnehmen?
Victor Agosto:
Zum Glück kam ich nie in eine Gefechtssituation. Andere Soldaten mit Kommunikationsaufgaben erging es da schlechter, sie mussten kämpfen. Ich konnte natürlich nicht ausschließen, dass ich in Afghanistan auch in eine solche Auseinandersetzung geraten wäre. Man kann das nie wissen. Wenn du da draußen bist, in Irak oder Afghanistan, kannst du schnell in eine gefährliche Situation kommen.
Sie hätten den Kriegsdienst einfach verweigern können. Weshalb haben Sie nicht diese Option gewählt?
Victor Agosto:
Nach Ansicht der Armee wendet sich ein Kriegsdienstverweigerer gegen alle Kriege. Ich bin aber kein Pazifist. Ich glaube schon, dass in einigen wenigen Fällen der Gebrauch von militärischer Gewalt angebracht und notwendig ist. Aber die Frage ist berechtigt, denn ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, die Fortführung des Kriegsdienstes einfach zu verweigern. Am Ende habe ich mich dagegen entschieden, weil es unehrlich gewesen wäre.
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Nur wir Soldaten können die Kriege beenden
Sie verrichten also noch immer Ihren Dienst als Soldat in der Militärbasis
Fort Hood in Texas?
Victor Agosto:
Ja. Allerdings befolge ich seit Mai nur noch Befehle, die meiner Ansicht nach nichts mit dem Einsatz meiner Einheit in Afghanistan zu tun haben.
Wie viele Befehle haben Sie seither denn verweigert?
Victor Agosto:
Das ist schwer zu beantworten. Einige der Anordnungen sind mehrere Male wiederholt worden, so dass ich sie wiederholt zurückweisen musste. Zuletzt haben meine direkten Vorgesetzten einige Aufgaben mit mir besprochen …
… es handelt sich dabei vor allem um Wartungs- und Pflegearbeiten …
Victor Agosto:
… und sie fragten mich, ob diese Aufgaben für mich okay seien. Sie wollten wohl vermeiden, dass wir immer wieder in diese unangenehmen Situationen durch eine Verweigerung kommen.
Wie hatten Ihre Kameraden und die Vorgesetzten ihre Verweigerung zur Teilnahme an dem Afghanistankrieg zunächst aufgenommen?
Victor Agosto:
Mein Stabsfeldwebel hat sehr negativ reagiert. Ansonsten hat mir gegenüber niemand direkte Ablehnung gezeigt. Ehrlich gesagt hat mich das selbst ein bisschen überrascht. Wenn meine Kameraden überhaupt mit mir über meine Entscheidung sprechen, dann kommen von ihnen eher aufmunternde Worte der Unterstützung.
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| US-Soldaten beim Training auf "virtueller Mission". Bild: Pentagon |
In den USA gibt es ein Netzwerk von Friedensorganisationen. Weshalb sind Sie nicht einfach desertiert wie andere GIs vor Ihnen?
Victor Agosto:
Wissen Sie, ich glaube, dass Politiker diese laufenden Kriege der USA nicht beenden werden. Nur wir Soldaten können das erreichen, wenn wir uns weigern, an diesen Kriegen teilzunehmen. Wir sind es, die die Politiker in die Pflicht nehmen müssen. Ich bin nicht desertiert, weil ich möchte, dass sich andere Kameraden an meinem Widerstand ein Beispiel nehmen. Ich möchte, dass sie sehen, dass wir eine Wahl haben, wenn wir den Einsatzbefehl in der Hand halten. Wenn ich desertiert wäre, hätte niemand etwas über meine Beweggründe erfahren. Die Vorgesetzten hätten mich einen Feigling nennen können. Nur wenn ich weiter auf der Basis meinen Dienst verrichte, können mich die Leute ansprechen und mir Fragen stellen. Und glauben Sie mir, das tun sie.
Sie haben eine Diskussion provoziert.
Victor Agosto:
Ob mein Fall wirklich weitreichende Folgen hat, weiß ich nicht. Auf jeden Fall habe ich meine Kameraden dazu gebracht, mehr über die Gründe der laufenden Kriege zu sprechen. Mehr als sie es sonst getan hätten.
Ich bin bestürzt über Obamas Strategie der Eskalation in Afghanistan
Glauben Sie, dass in den USA die Ablehnung gegen die Kriege im Irak und in Afghanistan zunimmt?
Victor Agosto:
Zunächst einmal denke ich, dass die Widerstandsbewegung unter den Soldaten, den GIs, an Stärke gewinnt. Und das ist dringend notwendig. Wenn das nicht passiert, sähe die Perspektive düster aus.
Aktivisten der Friedensbewegung unterhalten vor den Toren Ihrer Militärbasis das Antikriegscafé
Under the Hood. Diese Treffpunkte wurden in den USA zum ersten Mal während des Vietnamkriegs eingerichtet. Sind sie wieder notwendig?
Victor Agosto:
Ich glaube, dass sie absolut notwendig sind. Sie habe es ja erwähnt: Diese GI-Cafés haben maßgeblich zum Erfolg der Antikriegsbewegung im Vietnamkrieg beigetragen, weil sie Raum für Treffen, Aktionen und zur Planung von Aktionen geboten haben. Ich denke deswegen, dass sie noch immer, auch heute noch, gebraucht werden.
Kommen wir auf Afghanistan zurück: Präsident Barack Obama hat angekündigt, mehr US-Truppen in dieses Land zu entsenden. Ich gehe davon aus, dass Sie das nicht begeistert.
Victor Agosto:
Natürlich bin ich bestürzt über Obamas Strategie der Eskalation in Afghanistan. Er scheint kein Deut mehr am Frieden am Hindukusch interessiert zu sein als sein Amtsvorgänger.
In Deutschland sind derzeit knapp 70.000 US-Soldaten stationiert. Einige haben sich zur Verweigerung des Kriegsdienstes in Irak und Afghanistan entschieden. Einer dieser GIs, André Shepherd, hat Ende 2008 in Deutschland um Asyl ersucht. Eine Entscheidung der hiesigen Behörden in diesem Fall steht noch aus. Was sagen Sie ihnen?
Victor Agosto:
Deutschland sollte diesem Kameraden, André Shepherd, Asyl gewähren. Er hat nichts verbrochen. Er ist in dieser Situation, weil er seinem Gewissen gefolgt ist und nicht in die ungerechten Kriege ziehen wollte. In den USA droht ihm deswegen Verfolgung. Er sollte deswegen in Deutschland politisches Asyl gewährt bekommen.
Und welche Konsequenzen erwarten Sie?
Victor Agosto:
Im schlimmsten Fall muss ich mit einer mehrjährigen Gefängnisstrafe und der unehrenhaften Entlassung aus der Armee rechnen. Wenn man in den USA unehrenhaft entlassen wird, ist es später extrem schwierig, eine feste Arbeit zu finden. Natürlich hoffe ich auf weniger schwerwiegende Konsequenzen. Aber auch auf diese möglichen Folgen habe ich mich vorbereitet. Selbst eine solche Entwicklung wäre für mich besser, als mit der Schuld zu leben, die ich bei einem Afghanistan-Einsatz auf mich laden würde.