"Elektronen zu bewegen, ist viel effizienter, als Atome zu bewegen"
Florian Rötzer 13.07.2009
Führt die Vernetzung immanent zu einer Effizienzsteigerung und damit zu einer Reduktion der CO2-Emissionen?
Es ist energiesparender, wenn Daten über das Internet geschickt werden, als wenn Menschen und Dinge im realen Raum fahren oder transportiert werden. Das erscheint erst einmal eingängig, wenn man von einem Entweder-Oder ausgeht, also etwa anstatt einer Fahrt mit dem Auto, um jemanden zu treffen, mit ihm nur in einer virtuellen Umgebung zu kommunizieren.
Doch das Internet dürfte nicht wirklich viel an Energiekosten ersetzen. Man kann davon ausgehen, dass aufgrund der Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten noch mehr gereist, transportiert und produziert wird, dass auch Fertigungsprozesse und institutionelle Abläufe globalisierter, also räumlicher verstreuter werden, so dass der Energieverbrauch für die Virtualität den allgemeinen Energieverbrauch und damit auch die CO2-Emissionen vergrößert, wenn die Energie nicht vollständig aus erneuerbaren Quellen erzeugt wird.
CNN hat die Frage wieder einmal mit dem Artikel
Greening the Internet: How much CO2 does this article produce? aufgeworfen und die Behauptung aufgestellt, dass in 10 Jahren möglicherweise 20 Prozent der gesamten CO2-Emissionen von der Informationstechnologie verursacht werden. Nicht nur mit Blick auf die Energiekosten, sondern auch auf den Klimawandel wird versucht, Geräte und das Internet effizienter zu machen, was jetzt als "grün" bezeichnet wird – von "green IT" bis zur "green website".
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Eric Teetzel, Leiter des Energieprogramms des Google-Konzerns, der sich gerne als grün darstellt und für die Energieversorgung das
realisieren will, was er für das Web geleistet hat, bleibt allerdings bei der eher simplen Argumentation, IT sei immanent ein Effizienzwerkzeug: "Deswegen benutzen wir das Internet jetzt", sagte er CNN, "um eine Menge an Informationen zu finden, die wir zuvor gefunden hätten, indem wir in das Auto gestiegen und irgendwohin gefahren wären. Es ist ein wenig unfair zu sagen, dass es diese riesigen CO2-Kosten der IT-Industrie gibt, ohne die Tatsache zu erwähnen, dass sie in sehr vielen Fällen schwerere und CO2-intensivere Aktivitäten ersetzt, denen wir in unserem Alltag nachgehen. Elektronen zu bewegen, ist viel effizienter, als Atome zu bewegen. Es ist wirklich ein Paradigmenwechsel."
Die wirkliche Messung des Energieverbrauchs ist schwierig. Nach Alexander Wissner-Gross von der Harvard University ist er gar nicht so klein. Schon beim Lesen eines Textes auf einer Webseite können Tausende oder Zehntausende Milligramm CO2-Emissionen verursacht werden. Jede Sekunde, in der ein Internetnutzer eine einfache Webseite besucht, erzeugt durchschnittlich etwa 20 mg CO2, so
schätzt Wissner-Gross, der die Website
CO2stats betreibt, um andere Websites "grün" und daraus ein Geschäft zu machen. Jede Aktivität verbraucht Energie, eine Internetsuche –
nach Google 0.2 Gramm CO2 -, das Schreiben einer Email, erst recht der Besuch einer datenschweren Webseite oder das Herunterladen oder Streamen eines Films.
Machen das Milliarden von Menschen, dann addieren sich auch kleine Energieverbräuche zu erheblichen Mengen. So soll, wie McAfee nicht uneigennützig berichtete, allein das Versenden der Spam-Mails jährlich soviel Strom verbrauchen, wie zwei Millionen Häuser in den USA, und soviel CO2 verursachen, wie 3 Millionen Autos.
Nach der
Climate Group and Global e-Sustainability Initiative (GeSI) haben alleine die globalen Datenzentren im Jahr 2002 76 Millionen Tonnen CO2 produziert. Breitbandverbindungen hätten 4 Millionen Tonnen CO2 verursacht, dazu kommen hunderte Millionen Tonnen für das Herstellen, das Transportieren und den Gebrauch der Computer; Notebooks, Handys und der übrigen Hardware, vom Bau und Unterhalt der Infrastruktur ganz zu schweigen. Im letzten
Bericht geht GeSI davon aus, dass die IT-Branche derzeit 2 Prozent der gesamten CO2-Emissionen verursacht. Bis 2020 werde sich das verdoppeln, da sich bis dahin die Zahl der Computer auf 4 Milliarden vervierfachen, die der Handys auf 5 Milliarden verdoppeln und die der Breitbandzugänge auf 900 Millionen ansteigen wird.
Allerdings sei der Ersatz realer Aktivitäten und Dinge durch virtuelle Äquivalente nur ein Bruchteil dessen, wo die Informationstechnologie – neben der Verwendung erneuerbarer Energien und der Entwicklung energieeffizienterer Geräte – Energieverbrauch und CO2-Emissionen einsparen könne. Viel entscheidender sei die Vernetzung der globalen Infrastruktur und der Industrien. So könnten riesige Mengen an CO2-Emissionen durch intelligente Häuser, intelligente Stromnetze, intelligente Logistik und intelligente Automatisierung eingespart werden. Bis 2020 könnten so bis zu 7,8 Gigatonnen oder 15 Prozent der jährlichen CO2-Emissionen vermieden und 500 Milliarden Euro an Kosten gespart werden. Danach könnte die Informationstechnologie wesentlich mehr CO2-Emissionen einsparen, als sie selbst in Zukunft mehr verursacht.
Wirklich glauben mag man dies nicht, die Einspareffekte hätten sich auch bereits in den letzten Jahren deutlich machen müssen. Das klingt wie das papierlose Büro oder andere Versprechen, die man einst mit Telearbeit, Teleshopping oder was auch immer verbunden hat. Vergessen wird, dass Einsparungen durch technische Möglichkeiten auf der einen Seite neue Anwendungen und Bedürfnisse auf der anderen bewirken. Die Welt rückt eben nicht nur virtuell zusammen, sondern auch real, weswegen sich mit der virtuellen Vernetzung auch die reale steigert.