John Ford und Lynndie England aus Kentucky
Wiederentdeckt: The Prisoner of Shark Island
Einst und jetzt: Krieg gegen den Terror
Arzt oder Terrorist?
Lang lebe der Verfahrensfehler
Wunderheiler gestern und heute: Lincoln und Obama
Von Fort Jefferson nach Guantanamo und Abu Ghraib
John Ford und Lynndie England aus Kentucky
Aus der im Februar 1936 gezeigten Premierenfassung ließ Zanuck etwa zehn Minuten herausschneiden. Man kann nur darüber spekulieren, was entfernt wurde, weil das Material nicht mehr zu existieren scheint. Vermutlich waren vor allem Szenen mit den schwarzen Darstellern betroffen. An den 95 verbliebenen Minuten überrascht, dass der Film nicht mit den glücklich vereinten Mudds endet, sondern mit der Familie des schwarzen Buck (Ernest Whitman). Das ist sehr ungewöhnlich. Auch Buck, ein ehemaliger Sklave von Dr. Mudd, ist ein rassistisches Abziehbild vom "Schwarzen", aber zugleich ist er die positivste Figur im Film. Er meldet sich freiwillig zum Wachdienst auf der Gefängnisinsel, um dem Mann zu helfen, der unschuldig verurteilt wurde und der seine Kinder zur Welt gebracht hat.
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| The Prisoner of Shark Island |
Das weiße Dienstmädchen der echten Mudds ersetzt Ford durch eine Schwarze. Nun keine Sklavin mehr, muss sie sich neuerdings als Lohnempfängerin von Dr. Mudds Schwiegervater - einer bösen Karikatur des Southern Gentleman - schikanieren lassen. Vordergründig dient die Szene der komischen Auflockerung eines ansonsten tragischen Geschehens. Doch sie liefert auch einen Schlüssel zum Verständnis. Die Schwarzen sind die Repräsentanten der Unterschicht, gleich welcher ethnischen Zugehörigkeit. Das Wachpersonal von Fort Jefferson besteht mehrheitlich aus Afroamerikanern (nur die Vorgesetzten sind weiß). In Shark Island führt die sozial benachteiligte Unterschicht das aus, was von den Regierenden in Washington beschlossen wurde. Heute, in den Zeiten von Guantanamo und Abu Ghraib, kommen die Wärter aus den "bildungsfernen Schichten". Sie heißen Lynndie England, Charles Graner oder Megan Ambuhl.
In den vergangenen Jahren haben wir viel darüber gehört, was alles getan werden muss, um die Sicherheit zu gewährleisten, die Freiheit zu verteidigen, die Terroristen in Schach zu halten und dergleichen mehr. Für Ford sind das nur Phrasen. Seine persönlichen Kommentare findet man nicht in den großen Heldenmonologen, sondern in den Gesichtern der Nebenfiguren. Rings um das Gefängnis verläuft ein Graben voller Haie. Das muss so sein, sagt Sergeant Rankin (John Carradine), um die Gefangenen an der Flucht zu hindern. Zur Demonstration wird ein Stück Fleisch ins Wasser geworfen. Ford zeigt uns dazu das Gesicht eines Unteroffiziers (gespielt von seinem Bruder Francis), aus dem der pure Sadismus spricht.
Der schlimmste Folterer im Gefängnis ist Sergeant Rankin. Am Schluss, von Dr. Mudd gesund gepflegt, ist er der erste, der die Petition für dessen Begnadigung unterschreibt. Kritiker finden das unnötig melodramatisch und unglaubwürdig. Aber für John Ford ist diese Wandlung wichtig. Die Soldaten verhalten sich den Gefangenen gegenüber nicht sadistisch, weil sie daraus eine perverse Lust beziehen. Der Sadismus ist das Ventil, das ihnen dabei hilft, mit einer an sich unerträglichen Situation umzugehen, für die nicht sie, sondern die Entscheidungsträger in Washington verantwortlich sind. Keiner von ihnen wird je zur Rechenschaft gezogen.
Stellen wir uns vor, wir hätten uns nach 9/11 diesen alten Film von dem Mann angeschaut, der Western drehte. Dann hätten wir hinterher viel darüber erzählen können, wie es nun weitergehen würde, von Guantanamo und Abu Ghraib. Das ist doch irgendwie recht gruselig. Aber ganz ehrlich: Wer hätte uns so etwas damals schon geglaubt?