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Rüdiger Suchsland 06.11.2009

Angebotsorientiertes Filmemachen: Steven Soderberghs auch unfreiwillig absurde Komödie über Betrug und Lüge - "The Informant!"

"Warum sollte ein leitender Angestellter, der 350.000 Dollar im Jahr verdient, seine Firma über die Klinge springen lassen?" - Gute Frage. Sie kommt im Film [extern] The Informant von einem FBI-Agenten und bleibt ohne Antwort. Aber der Biochemiker Mark Whitacre enthüllte Mitte der 1990er Jahre gegenüber dem FBI korrupte Machenschaften und Preisabsprachen seines Unternehmens, eines globalen Agrarkonzerns. Am Ende ging er für neun Jahre in den Knast, während diejenigen, gegen die er über zweieinhalb Jahre mit Hilfe von Wanzen, versteckten Kameras und viel Einfallsreichtum Beweise gesammelt hatte, mit drei Jahren davonkamen. Irgend etwas war schiefgelaufen. Steven Soderbergh erzählt diese Geschichte ein wenig zu stilsicher und selbstverliebt als Farce aus dem Wirtschaftsleben, vor allem aber als Retro-Werk. Unter der Hand gerinnt ihm der Stoff zum "Film zur Machtübernahme der FDP".

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Alle Bilder: Warner Bros. (Bild vergrößern)

"Der Mensch selbst aber hat einen unbesiegbaren Hang, sich täuschen zu lassen und ist wie bezaubert vor Glück, wenn der Rhapsode ihm epische Märchen wie wahr erzählt oder der Schauspieler im Schauspiel den König noch königlicher agiert, als ihn die Wirklichkeit zeigt. Der Intellekt jener Meister der Verstellung, ist so lange frei, und seinem sonstigen Sklavendienste enthoben."
Friedrich Nietzsche

Old-School-Nostalgie quillt aus Musik und Bildern, und schon in den ersten Minuten der Anfangscredits, als man nur ein altmodisches Tonbandgerät sieht, erscheinen seine Bilder eher wie aus den 60er-Jahren als aus den 1990ern, in denen der Film tatsächlich spielen soll: Schmunzel, schmunzel signalisiert nicht nur jede Einstellung, sondern die ganze Haltung, und die Musik klingt ein wenig wie aus dem "Rosaroten Panther".

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Mit Betrachtungen über "Corn", also Mais und Sojabohnen, und was man damit außer Cornflakes so machen kann - im Prinzip alles, denn aus Stärke produziert man heute sogar Kunststoffe -, beginnt der Film, gefolgt von Betrachtungen über die deutsche Sprache: Wie man "Porsche" ausspricht, ist noch irgendwie wichtig, schließlich hat der Mann 4 Stück davon in der Garage stehen, völlig belanglos hingegen ist die Information, dass sein deutsches Lieblingswort "Kugelschreiber" heißt - nur eine Vorlage für den Gag: "So many syllables just to say pen."


Geschmackloser Schnauzer, angefressenes Fett und Kassenbrille

Mark Whitacre ist ein hohes Tier mit gländendem Einkommen und großen Karriereaussichten bei dem gigantischen internationalen Agrarkonzern "Archer Daniels Midland" (ADM) in Decatur, Illinois. Aber eines Tages kommt sein Wohlstandsleben durcheinander, als er einem Betrug in seinem Unternehmen auf die Spur kommt. Soll er das FBI informieren? Mit solchen Fragen beginnt eine zunächst überaus witzige Komödie über Menschen mit feinen Anzügen, großen Wagen und kleinen Gedanken. Wieder mal, wie so viele Filme, auf wahre Ereignisse zurückgehend und "based on the book 'The Informant (A True Story)' von Kurt Eichenwald" (dem allerdings Soderberghs Ausrufezeichen fehlt) spielt Matt Damon mit geschmacklosem Schnauzer, 20 Kilo angefressenem Fett und Kassenbrille einen Mann, der in den 90er Jahren einerseits das FBI über die unsauberen Machenschaften seiner Firma informierte - dabei aber selbst keineswegs sauber blieb und so irgendwann zwischen allen Stühlen saß.

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Finanzwelt und Polizeiarbeit als absurde menschliche Komödie und eine sehr unterhaltsame, in ihren Dimensionen wahnwitzige Hochstaplergeschichte in der Tradition von "Catch me, if you can" gewürzt mit dem realistischen Ernst von Michael Manns "The Insider". Von dem weiß Soderberghs zwischen Realismus und Surrealismus wankender Film zu wenig, und Moral kümmert ihn, im Gegensatz zu Mann, gar nicht. Aber Whitacre, das zur Erinnerung, war der höchstrangigste CEO der USA, der je zum "Whistleblower" wurde.


Ein Regisseur, der seine Filme baut, wie andere Leute Modelleisenbahnen

Damit ist Steven Soderberghs "The Informant!" sozusagen das flauschig-leichte, schaumgebremste, unaufgeregte, oder sagen wir doch einfach mal neoliberale Gegenstück zu seinem eigenen Gerechtigkeitsthriller "Erin Brockovich" gelungen, das Spielfilmgegenstück auch zu all den notgedrungen ernsthaften Dokumentationen über Bankenkrise, Börsianer-Gier und die Moral des Kapitalismus, die zur Zeit in Kino und Fernsehen zu sehen sind, wie etwa Michael Moores "Capitalism: A Love Story", der in der kommenden Woche in den deutschen Kinos zu sehen sein wird: Eine Comedie Humaine mit vielen geistreichen Innenansichten aus der US-Business-Welt. Auch stilistisch wirkt das alles in erster Linie wie ein realistischeres, aber auch wesentlich braveres Pendant zu Soderberghs "Ocean's"-Filmen - und George Clooney spielt hier eben auch nicht mit.

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Auch wenn es vielleicht stimmt, dass man Steven Soderbergh kaum etwas übelnehmen kann, strapaziert er mit diesem Film die Nerven auch seiner echten Fans beträchtlich. Zuviel des Schmunzelhumors, zuviel des Stylings - vielleicht ist Soderbergh ja am Ende doch nicht ganz so gut, wie man gern glauben würde. Oder vielleicht dreht er auch einfach zu schnell zu viele Filme. Vielleicht ist Soderbergh nicht minder ein Nerd, wie seine Hauptfigur, ein Regisseur, der seine Filme baut, wie andere Leute Modelleisenbahnen. Alles, was einen schon immer an Soderberghs Filme irritiert, mitunter gestört hat, alles was sie trotz ihres Können und gelegentlich aufblitzender Genialität dann auch wieder grundsätzlich langweilig und öde gemacht hat, liegt hier jedenfalls nun offen zutage: Soderbergh will klug sein, ist aber auch ein wenig feige und relativiert sich darum immer selbst.


Ein prototypischer Repräsentant des Filmemachens des Neoliberalismus

Man kann die Neigung, sich aus der Affaire zu ziehen, indem er einen Stil durch den des nächsten Films dementiert, eine moralisch-politische Position durch die nächste widerlegt oder gar "kritisiert", Soderberghs Pose, sich durch jeden Film "neu zu erfinden" und dadurch ungreifbar, unangreifbar auch zu bleiben, nun natürlich als "postmoderne Methode" beschreiben: Nach dem schwarzgrünen Che-Epos im Cinema-Verité-Stil kam es zu einem hippen Glitzer-Glitter-Arthouse-Stück in dem - welch ein Einfall - Pornostar Sasha Grey die Hauptrolle spielte (und nebenbei auch ein bisserl Haut zeigte) - "The Girlfriend Experience". Aber was ist eigentlich postmodern daran, außer dass Künstler nicht mehr in Sack und Asche gehen und ihrem Stil asketisch treu bleiben müssen? Genauer: Was unterscheidet diese Postmoderne von schnöder Anpassung an den Markt und moralisch-politisch-ästhetischem Relativismus?

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Viel eher ist Soderbergh doch ganz einfach ein prototypischer Repräsentant des Filmemachens des Neoliberalismus. Sein Werk ist sozusagen angebotsorientiertes Filmemachen: Eine Gemischtwarenhandlung, die für jeden etwas bietet.


Spontane Ordnung


"Die Kunst des begabten Lügners besteht nicht nur in seiner Kreativität beim Erfinden anderer 'Realitäten', nicht nur in seiner Spontaneität, mit der er auf unvorhergesehene Situationen reagiert, sondern auch in der Virtuosität beim Jonglieren mit den verschiedenen 'Realitäten'."
Simone Dietz: " Die Kunst des Lügens", Reinbek bei Hamburg, 2003

Weil "The Informant!" dieses Verfahren so offen ausstellt wie wenige Filme Soderberghs bisher, entpuppt sich dies wie die Zufälle so sind, als der Film - nein, nicht zur Schwarzgelb, aber zur Machtübernahme der FDP. (Nein - natürlich nicht dass Soderbergh jetzt schon irgendetwas von Guido-mobil und wie er die Welt sah, gehört hätte. Es geht um Zeitgeist. Nicht weniger.) Denn was Whitacre hier praktiziert ist das Herstellen von "spontaner Ordnung", von Evidenz im Augenblick, bei der niemand mehr nach Motivation oder Gesinnung fragt, bei der die Entscheidungsgegenstände beliebig sind. Die Ordnung kann nur spontan sein, wenn sie nicht auf vorgegebene Ziele ausgerichtet ist. Und die Hauptfigur des Films ist - honi soit qui mal y pense - ja ein Hochstapler und Großkünstler der Lüge, einer der so von den eigenen Geschichten berauscht ist, dass er ihnen irgendwann selber glaubt. Und "Lüge" ist hier selbstverständlich wie bei Nietzsche im ganz und gar außermoralischen Sinn gemeint (also, liebe FDP-Fans: Ich sage hier nicht, dass nur alle FDPler und Neoliberalen Lügner sind, oder dass das besonders schlimm wäre, wenn sie es wären).

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Die Lüge als schöne Kunst


"Du kannst alle Leute für eine gewisse Zeit betrügen, und du kannst einige Leute die ganze Zeit betrügen, aber du kannst nicht alle Leute die ganze Zeit betrügen."
Abraham Lincoln

Denn die Schlüsselfrage des Films lautet: Warum hat Whitacre das alles überhaupt gemacht? Antwort: Weil er nicht anders kann. Und will. Weil er ein Süchtiger und psychisch Kranker ist, aber einer, der aus der eigenen Not eine Tugend macht. Und darin ähnelt er vermutlich doch ein wenig dem Regisseur des Films. Der vielleicht auch nicht recht weiß, wer er ist, was er als Filmemacher will, ob er als Filmemacher überhaupt irgendetwas will. Und der darum so viel Wind macht, dass keiner im falschen Moment Fragen stellt. Der seine Virtuosität und seine vielen Möglichkeiten, sein Können derart (und immer etwas over the top) zur Schau stellt, damit ihn alle bewundern und nicht fragen, was eigentlich dahinter ist, was das denn bitteschön überhaupt alles soll. Darin ähnelt Soderbergh nun allerdings wieder der FDP. Form replaces Function - darum gibt es hier auch noch einen stetig das Geschehen kommentierenden, dabei im Hinblick auf den Film völlig undisziplinierten Off-Kommentar.

Steven Soderbergh entfaltet nun in "The Informant!" eine ausgefeilte Dramaturgie der Lüge. "Lügen ist ein Sprachspiel, das gelernt sein will wie jedes andere", wußte bereits Ludwig Wittgenstein: Nicht moralische Regeln, sondern Spielregeln sind ausschlaggebend für die Praxis des Lügens wie anderer gesellschaftlicher Handlungen. Seine Hauptfigur ist ein manisch-depressiver Spieler, einer, der sich in den Mittelpunkt drängt und immer etwas zu überdreht ist. Das gehört dazu. Denn das Spiel des Lügens folgt also bestimmten Regeln. Jeder gute Lügner muss erst einmal die Wahrheit kennen, um diese dann ausreichend souverän zu negieren. Der Wahrhaftige hat dagegen überhaupt keine Wahl – er ist der Wahrheit wie einer Behinderung ausgeliefert. In ihrem Buch "Die Kunst des Lügens" beschreibt Simone Dietz das Lügen als sprachliche Fähigkeit und "kommunikative Kompetenz", als moralisch neutral.

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Die Lüge kann ungerechter Betrug, aber auch heilvolle Sozialkompetenz sein. Es kann eine traurige Angelegenheit sein, aber auch ein Triumph. Allemal ist das Lügen anstrengender als jede Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Der Zwang zur ständigen Korrektur, zur Anpassung des Vorgetäuschten an den wirklichen Tatbestand allein macht es schon mühselig. Aber es hält genau darum den Verstand auch wach und in Bewegung. Alle haben diese Erfahrung gemacht: Plato, der im "Kleinen Hippias" die erste theoretische Verteidigung der Lüge formulierte, Montaigne, Nietzsche, Freud, Choderlos de Laclos, Flaubert, Oscar Wilde... Lügen ist geistig-seelisches Lifting. So wie die erste Schönheitsoperation ständige Korrekturen und Ergänzungen nach sich zieht, verlangt auch die Lüge ein fortgesetztes Update. Die Lüge muss also auch als schöne Kunst betrachtet werden.


Ein dreister Narr, der auf Michael-Crichton-Bücher steht

Davon ahnt Soderbergh zu wenig, auch wenn er all dies kaum bewusst noch verdoppelt: Sein Film ist Fiktion in der Fiktion. Im Unterschied zu Besseren seiner Zunft ist hier aber nichts mehr zu spüren oder zu sehen von der Lüge auf höchstem Niveau, von Lüge als Mittel des Widerstands und der Subversion. Whitacre ist wie der ganze Film den Zwängen der Identität und der Gesellschaft ganz und gar verfallen. Und Soderbergh scheint nichts zu wissen davon, dass die Lüge längst gesellschaftsfähig ist, nichts von der Lust der Zuhörer am Neuen und Fremden, am Unerwarteten und Unglaublichen, am Schauder, belogen zu werden.

Was bleibt, ist also eine Komödie über einen dreisten Narr, der auf Michael-Crichton-Bücher steht, über das schöne Leben mit vier Porsches in der Garage, über einen notorischen aber charmanten Lügner einen Mensch voller Widersprüche - gut geschrieben, witzig, dabei alles in allem auch ein glatter Film, mit dem man Spaß hat, von dem aber über das Ende hinaus nicht viel bleibt. Entspannt? Ja, das ist der Film schon, aber eben zu entspannt. Wie die FDP.

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Kommentare lesen (4 Beiträge)
Die FDP und Herr Suchsland - eine heimliche Liebe... (Bernd Hagen 9.11.2009 16:58)
Re: Wikipedia hilft (zimmermann 6.11.2009 15:06)
Wikipedia hilft (Joachim Durchholz 6.11.2009 12:42)
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