Sinkt die CO2-Aufnahme der Meere und der terrestrischen Biosysteme?
Florian Rötzer 20.11.2009
Kurz nacheinander sind drei Studien veröffentlicht worden, die sich kaum vereinen lassen
Die Lage ist verworren, die Ungenauigkeit bei vielen Aspekten der Klimaforschung noch immer hoch. Während die einen Klimaforscher sagen, dass in den letzten 100 Jahren die steigenden CO2-Emissionen durch die wachsende Aufnahme der Ökosysteme als Senken zu einer nahezu konstant bleibenden Konzentration in der Atmosphäre geführt habe (
Doch kein Problem mit der Klimaerwärmung?), berichtet nun andere Wissenschaftler, dass die Aufnahmekapazität doch zu sinken scheint. Das würde bedeuten, dass sich die Klimaerwärmung beschleunigt, weil sich CO2-Emissionen in der Atmosphäre anreichern.
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| Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Bild: Nature/Corinne Le Quéré et al. |
Nach der Studie
Trends in the sources and sinks of carbon dioxide, die in Nature Geoscience erschienen ist, sind zwischen 1959 und 2008 43 Prozent der neuen Emissionen in der Atmosphäre geblieben, der Rest wurde von den Meeren und vom Land aufgenommen.
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| Terrestrische Senke, negative Werte bedeuten CO2-Aufnahme. Bild: Nature/Corinne Le Quéré et al. |
Allerdings sei der Anteil der CO2-Emissionen, die in der Atmosphäre verblieben sind, seit 50 Jahren leicht von etwa 40 auf 45 Prozent gestiegen, was eben darauf hindeute, dass die Aufnahmekapazität der Ökosysteme möglicherweise aufgrund der Folgen der Klimaerwärmung sind (
Auf dem Weg in die Katastrophe). Allerdings weisen sie darauf hin, dass es sehr schwer sei, die Aufnahmekapazität der Meeres- und Landsenken genau zu erfassen.
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| CO2-Aufnahme durch die Meere. Bild: Nature/Corinne Le Quéré et al. |
Während das Team um Corinne Le Quéré davon ausgeht, das die Aufnahmekapazität von Meer und Land sinkt, kommt ein anderes Wissenschaftlerteam von der Columbia University zu dem Schluss, dass die Funktion der Meere als CO2-Senken seit Jahren zurückgehe, während dies beim Land etwa gleich geblieben sei. Zwar hätten die Meere im letzten Jahr eine Rekordmenge von 2,3 Milliarden Tonnen CO2 aufgenommen, seit 1990 sei aber die Aufnahmekapazität angesichts der steigenden Emissionen um 10 Prozent zurückgefallen. Das könne daran liegen, dass die Meere wärmer und saurer werden, wodurch sie weniger CO2 aufnehmen können. Insgesamt hätten die Meere 150 Milliarden Tonnen von Menschen verursachten CO2-Emissionen aufgenommen, das ist um ein Drittel mehr als noch in den 90er Jahren.
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| Entwicklung der anthropogenen CO2-Quellen und Senken. Bild: Nature/Samar Khatiwala et al. |
Allerdings ist die Aufnahmekapazität nach der Studie
Reconstruction of the history of anthropogenic CO2 concentrations in the ocean, die in Nature erschienen ist und die von Menschen verursachten Emissionen seit 1765 Jahr für Jahr rekonstruiert und Daten über die Temperatur und CO2-, Sauerstoff-, Salz- sowie Phosphatkonzentrationen der Meere ausgewertet hat, nicht absolut gesunken, sondern gleich geblieben, was hieße, dass die sinkende Aufnahmekapazität der Meere bislang noch von der steigenden der terrestrischen Biosphäre kompensiert werden konnte. Hier könnte ebenfalls bereits ein Effekt der Klimaerwärmung durchschlagen, da man davon ausgeht, dass Wärme und höhere CO2-Konzentrationen die Pflanzen stärker wachsen lassen. Jetzt nimmt das Land 1,1 Milliarden Tonnen jährlich mehr auf, als es abgibt. 40 Prozent der von den Meeren aufgenommenen CO2-Emissionen werden von dem Meer um die Antarktis gespeichert.
Den Berechnungen zur CO2-Aufnahme der terrestrischen Biosysteme liegt eine höhere Unsicherheit zugrunde, da sie nur indirekt abgeleitet wurde. Bis 1940 sei die terrestrische Biosphäre allerdings eine Quelle von anthropogenen CO2-Emissionen gewesen und erst dann eine CO2-Senke geworden. Die Aufnahmekapazität der Meere sei in den 1950er massiv angestiegen, gehe aber nun seit 2000 zurück. Allerdings haben die Wissenschaftler den Einfluss von sich verändernden Meeresströmungen nicht berücksichtigt und sind auch von einer gleichbleibenden Biomasse in den Meeren ausgegangen.
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Solche unterschiedlichen Ergebnisse verwirren die Laien und lassen, verstärkt durch das Stakkato der Warnungen vor möglichen Katastrophen, die Überzeugung schwinden, dass die Klimaerwärmung bedrohlich ist und jetzt gehandelt werden müsste. Die Columbia University hat daher schon sicherheitshalber den Wissenschaftlern den Ratgeber
The Psychology of Climate Change Communication mit auf dem Weg gegeben, um ihre Ergebnisse so darzustellen, dass sie die Klimamüdigkeit nicht forcieren. Gedacht ist der Ratgeber aber auch für Journalisten, Politiker und die interessierte Öffentlichkeit, um "richtig", also klimatheoretisch korrekt, zu kommunizieren.
Man müsse, so heißt es darin, wissenschaftliche Ergebnisse so darstellen, dass sie der konkreten Erfahrung der Menschen entsprechen. Vermieden werden sollen zu viele emotionale Botschaften, also beispielsweise Katastrophenbeschwörungen, weil die Menschen nur eine begrenzte Menge an negativen Informationen vertragen und dann dicht machen würden. Und ein wichtiger Punkt sei eben auch, sich den Ungewissheiten zuzuwenden, die der Vorhersage des Klimawandels immanent seien, weil sie von einer Vielzahl miteinander zusammenhängender und sich zudem verändernder Variablen abhängen. Würde man diesen Punkt nicht ansprechen, entstünde bei den Menschen der Eindruck, dass die Wissenschaftler selbst konfus seien, zumal die breite Öffentlichkeit bestimmte Begriffe, beispielsweise Angaben zur Wahrscheinlichkeit, anders als Wissenschaftler interpretierten. Eine Möglichkeit wäre, sich etwa auf den breiten wissenschaftlichen Konsens zu stützen, dass der Meeresspiegel ansteigen wird, die Laien aber nicht mit der Diskussion über die geschätzten Millimeter zu verwirren. Allerdings darf man vermuten, dass hart gesottene Klimaskeptiker allein schon die Veröffentlichung eines solchen Kommunikationsberaters als Indiz für die Nöte der Klimaforscher verstehen werden.