Die beste aller Fragen
Frank Hartmann 23.01.2001
Zwischen Publizieren und Kommunizieren - über das Wesen der Philosophie im medialen Zeitalter
Was tun Philosophen? Ganz einfach - sie philosophieren. Wenn sie damit fertig sind, dann stellen jene, die sich im 'Container' des akademisch dominierten Diskurses nach der Regel von Publish or perish behauptet haben, rückblickend die bange, alles andere dominierende Frage: Was ist Philosophie? Ein Überblick zu aktuellen Statements weitgehend toter alter Männer.
Woher wir kommen, wohin wir gehen, und was wir hoffen dürfen - dies hatte der philosophische Meister Immanuel Kant einst als die Fragen identifiziert, denen kein Mensch entkommt, wenn er nur ernsthaft nachdenkt. Das heißt, wenn er philosophiert, und dieses Philosophieren heißt wiederum, irgendwann auch die ganz großen Fragen zu stellen. Das Fatale an solchen Fragen (um von den Antworten ganz zu schweigen) ist, dass sie meist einen festen, unveränderlichen Kern menschlichen Seins vorgaukeln. So etwas wie eine anthropologische Konstante oder zeitlos gültige Grundbefindlichkeit des Menschseins - ja, aller Vernunftwesen! - für die sich eine Disziplin dann als reflexiv zuständig erklären darf. In den gut zwei Jahrhunderten, die uns von der Zeit Kants trennen, hat sich freilich einiges ereignet. Wir erachten jene philosophische Architektur für nicht länger gültig, nach welcher Ästhetik und Logik bzw. die Gesetze der Wahrnehmung und die Gesetze des Denkens jener zwingenden Notwendigkeit folgen, die von aller historischen Kontingenz befreit ist. Zwischen Sein und menschlichem Dasein behauptet sich zunehmend der Eigensinn von Technik und Medien. Die Medienwirklichkeit lässt sich nicht länger in dualistischen Begriffen von Sein und Schein erfassen.
Der philosophische Schock, der die gesamte Moderne geprägt hat, war doch der, dass die Welt wie sie ist nicht ident ist mit der Form, in der sie uns erscheint. Nur wenige Philosophen haben sich aber der Kontingenz angenommen, mit der uns die Lebenswelt konfrontiert. Dem Mainstream erschien es vielversprechender, in einer veränderlichen Welt jenen unveränderlichen Kern zu suchen: die ewigen Wahrheiten, das notwendige Apriori alles Sinnlichen, die Gesetze des Denkens, usw. Auf solchen Fundamenten lassen sich Lehrstühle errichten, die nicht wackeln.
Gibt es eine Möglichkeit, sich auf eine nicht pathetische Art und Weise zur untergehenden Welt der philosophischen Texte zu verhalten? Sie besteht wahrscheinlich nur in einer bewussten Flucht nach vorn. Der von der Zunft nicht ganz anerkannte Philosoph Vilém Flusser hat dies versucht, um die entstehende telematische Welt nicht länger in Subjekt-Objekt-Verhältnissen, sondern als Projekt der Menschwerdung zu umreißen. Er betrieb Medienphilosophie, seine Philosophie der Zukunft heißt Kommunikologie.
Philosophen haben ein gespaltenes Verhältnis zur Kommunikation. Denker sprechen nicht, sie nehmen Posen ein. Wenn sie sprechen, dann lesen sie meist vor, und leiden darunter - Ausnahmen wie Flusser, ein brillanter Rhetoriker, bestätigen diese Regel. Die Denkerpose, die erst in einer "zähen Arbeit an der Selbststilisierung" (Blumenberg) erreicht wird, bindet ihn ans Schreiben, an eine Kulturtechnik, die den Ausdruck beschränkt und Papier als Datenträger privilegiert. Der Fetisch des Textes wird ein Leben lang angebetet, ein Werk will vollendet sein. "Länger als dreißig Jahre lebt kein Buch", sagt Blumenberg. "Wehe dem, der dann nicht rechtzeitig zitiert worden ist." Die Angst vor dem Unvollendeten löst im Alter die Angst vor dem leeren Schreibblatt ab, und gerade als alter Mann wächst dem Philosophen die Furcht, "dass er als ein Wallenstein des bedruckten Papiers in die Geschichte der akademischen Provinz eingehen wird".
Was ist Philosophie?
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| Gilles Deleuze |
Ein möglicher Ausweg wäre hier, nun doch etwas über die ganz große Frage zu elaborieren, über die beste aller Fragen: Was ist Philosophie? Die beste aller Fragen ist das, weil es in der Philosophie doch immer mehr um das Fragen als um das Antworten geht. Für Deleuze und Guattari ist es das Privileg alter Männer, die Frage nach der Philosophie zu stellen. "Was war das denn nun, was ich während meines ganzen Lebens gemacht habe?" Die Antwort ist erwartungsgemäß nicht gerade berauschend, denn Philosophie wird von
Deleuze gesehen als die "Kunst der Bildung, Erfindung, Herstellung von Begriffen", manchmal sogar als die Kreation barbarischer Worte.
Interessanter schon ist die Kontextualisierung der Frage. Deleuze und Guattari negieren an der Philosophie, Kontemplation, Reflexion oder auch Kommunikation zu sein. Es ist eine gute alte Arbeitsteilung mit Kunst und Wissenschaft, die sie vorschlagen: "Wir wollen doch nichts anderes als ein wenig Ordnung, um uns vor dem Chaos zu schützen." Diesem fast schon flehentlich vorgetragenen Vorschlag alter Männer entsprechen "die Chaoiden" - Kunst, Wissenschaft und Philosophie - auf je eigene Weise. Die Perzepte der Ästhetik, die Funktionen der Wissenschaft, und schließlich die Begriffe der Philosophie formieren dem Gehirn letztlich ein Etwas, wo sonst nur Chaos wäre.
Aber doch schafft die Frage ein eminentes Problem: das Verhältnis der Begriffe zu den wirklichen Problemen. Da dies niemals Probleme "der Wirklichkeit" sind, und auch nicht einfach solche der Sprache, sondern eben Probleme, die auf irgend eine Weise Kommunikationen oder "Transaktionen zwischen Menschen" betreffen, ergibt sich die zentrale Frage nach dem eigentlichen Wesen von Philosophie. Richard Rorty hat sie wohl am radikalsten ent-substanzialisiert: für ihn gibt es nicht mehr die Philosophie, sonder schlicht Philosophen. Durch diesen eleganten Zug gelingt es ihm, dem zu entrinnen, was Deleuze ein "nutzloses, peinliches Gewäsch" genannt hat: die geschwollene Rede vom Tod der Metaphysik und von der Überwindung der Philosophie selbst.
Für Rorty wurde jetzt lange genug die Debatte vom Zweifel darüber genährt, "dass Korrespondenz mit der Realität ein Forschungsgegenstand sein kann". Im Zeitalter der sich überbietenden Konstruktivismen mag das einigermaßen banal klingen. Aber gewiss nicht banal ist seine Kritik an den Philosophen, die meinen, über die Transaktionen zwischen Menschen hinaus - also gerade Probleme der Kommunikation, und damit auch der Medien - den Blick auf eine "nichtmenschliche Entität" zu richten, vor der unser Tun und Lassen verantwortlich sei.
Fortschritt wäre dann nichts weiter als eine ständige Näherung einer auserwählten Elite, die ausgehend von ihrer Interpretation klassischer Texte das "Bild von Wissenden" abgeben, "die in unbedingte ahistorische Weisheiten eingeweiht sind". Diesem prätentiösen Zugang, dem zuletzt noch Heidegger entsprochen haben mag, verwehrt sich der kritische Diskurs, der - mehr noch von Darwin als von Freud beeinflusst - die Fiktion eines Geistes oder eines Bewusstseins demontiert, der unveränderlich über dem historisch kontingenten Ausprägungen schwebt, die ihm als Natur zugrunde liegen sollen. Gab es noch für Hegel die Vorstellung eines absoluten Geistes, der über allem schwebt, so ahnte schon Nietzsche, wie unser Schreibzeug und andere Materialitäten mit an den Gedanken arbeiten.
Das Schreibzeug aber, würde ein der Wahrheit verpflichteter Philosoph sagen, das ist doch ganz klar Sache des Dichters. Dichter vollführen ästhetische Akte, die frei nach Deleuze und Guattari nichts anderes sind als Schlitze und Risse in dem Schirm, mit dem die Menschen ihre Konventionen und Meinungen - ihre Kommunikationen - zu schützen versuchen. Und genau an dieser Stelle stellt sich, wenn man die angegebenen Texte querliest, ein interessanter Gedanke ein. Rorty meint, dass allein das Eingeständnis, dass die Welt der Natur und die Welt des Geistes sich in einem ko-evolutionären Verhältnis befinden, nach neuen Beschreibungen verlange, welche die historische Kontingenz der Phänomene aufgrund des Fehlens von Systemzwang ernstnehmen darf. Rorty meint, dass Philosophen für alles Mögliche da sind, aber das Erzählen von Geschichten liege ihnen ganz und gar nicht:
Voll Verachtung für den Konsens der Kommunikationen, verlangen Deleuze und Guattari vom Philosophen die Fähigkeit, Begriffe erst zu schaffen und dann "zu ihnen zu überreden". Man kann und man sollte darin auch eine poetische Tätigkeit sehen. Rorty hat sich immer (auch in seinen Wiener Vorträgen) vehement dafür eingesetzt, die Beschäftigung mit Philosophie jener mit Literatur nachzureihen. Im Gegensatz zu Dichtern, Ingenieuren und Wissenschaftlern hätten die Philosophen zur Verbesserung unseres Lebens nicht viel zu bieten außer dieser permanenten Bezugnahme auf Platon und Kant in ihrem Schreiben und Denken. Er plädiert gegen die Borniertheiten der analytischen Philosophie erfrischend offen für eine neue Rhetorik, der die Literatur viel besser entspricht: für eine Überredungskommunikation. Dies mit den Effekten nicht der Dichtung allein, sondern der Medienkultur insgesamt in Zusammenhang zu bringen bleibt eine Herausforderung.
So lebt der alte Streit zwischen Literatur und Philosophie weiter fort. Die Philosophen bieten spröde Argumente, die Literaten erzählen wenigstens ab und zu neue Geschichten. Deleuze und Guattari, Flusser, Blumenberg - die alten Männer mit ihren großen Fragen leben nur noch in unseren Diskursen, alle sind sie jüngst mehr oder weniger tragisch gestorben. Und Rorty, ehedem Philosophie-Professor in Princeton, hat eine Professur für Literaturwissenschaften im kalifornischen Stanford angenommen.
Links zum Thema:
Stanford Encyclopedia of Philosophy
Deleuze-Net
Marc Ries:
Deleuze Immedia
Stanford Faculty:
Richard Rorty
Publikationen:
Gilles Deleuze, Felix Guattari: Was ist Philosophie? Suhrkamp Verlag 2000
Richard Rorty: Philosophie & die Zukunft. Essays, Fischer Verlag 2000
Richard Rorty: Die Schönheit, die Erhabenheit und die Gemeinschaft der Philosophen. edition Suhrkamp 2000
Hans Blumenberg: Die Verführbarkeit des Philosophen, Suhrkamp Verlag 2000
Vilém Flusser: Die Informationsgesellschaft. Phantom oder Realität? Audio-CD, Supposé Verlag 1999
Frank Hartmann ist Philosoph in Wien. Sein letztes Buch, "Medienphilosophie", bildet den inhaltlichen Kern einer umfangreichen Website mit vielen Essays und nützlichen Links:
Medienphilosophie