Pioneer 10 - Nabelschnur zum Mutterplaneten endgültig durchtrennt
Harald Zaun 13.02.2001
Der legendäre interplanetare Kundschafter meldet sich nicht mehr
2. März 1972. Cap Kennedy Space Center. 20 Uhr 43. Eine dreistufige Trägerrakete vom Typ
Atlas-Centaur arbeitet sich mühsam, aber mit stoischer apollo-gewohnter Sicherheit Meter für Meter nach oben und gewinnt schnell an Höhe. An Bord der Trägerrakete staut sich eine kostbare Fracht, die schon kurze Zeit später in die Kälte des Weltalls entlassen wird. Kostbar ist das 270 Kilogramm schwere Stückgut in der Tat, nicht zuletzt deshalb, da es der schnellste Flugkörper seiner Zeit ist. Wofür die Apollo-Astronauten noch drei Tage benötigten, braucht es gerade mal 11 Stunden: Mit 14 Kilometer pro Sekunde lässt es die Mondbahn hinter sich und entschwindet in die unendliche Endlichkeit des Universums. Monate später erreicht das Raumfahrzeug seine Höchstgeschwindigkeit von 36 Kilometer in der Sekunde. An Bord des bizarr aussehenden Gefährts befindet sich eine seltsame Metallplakete, auf der nicht minder seltsame Symbole und Gestalten eingraviert sind.
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| Pioneer 10 Sonde |
Allen drohenden Gefahren durch Sternenstaub, Asteroiden, kosmischer Strahlung und eisiger Kälte im All trotzend, hat eine der erfolgreichsten irdischen Forschungssonde nach knapp 29-jähriger Reise nun endgültig die Nabelschnur zum Mutterplaneten Erde durchtrennt. 11,5 Milliarden Kilometer entfernt von der Heimat hat der Weltraumveteran
Pioneer 10 seine wohlverdiente Rente eingereicht: Sein Arbeitsgeber, die amerikanische Weltraumbehörde NASA muss sich wohl oder übel damit abfinden, dass einem seiner besten Pferde im Stall wohl endgültig der Atem ausgegangen ist. Kein Wunder, galoppierte doch der kosmische Vollblüter in seiner Jugendzeit ungestüm durchs All.
Ohne nennenswerte Schäden davonzutragen, flog die tapfere Pioneer-Raumsonde nach dem Passieren des Mars mit einer Rekordgeschwindigkeit von 120.000 Stundenkilometern (mittels der Rotverschiebung der Radiowellen lässt sich die Sonden-Geschwindigkeit bestimmen) durch den als äußerst gefährlich eingestuften Asteroidengürtel. Nachdem die Sonde diese kritische zwischen Mars und Jupiter gelegene Zone schadlos überstand, in der kilometergroße Brocken und Myriaden kleiner Gesteinsteile herumschwirren, erreichte ihr interplanetarer Ritt den ersten Höhepunkt: In einer Entfernung von nur 131.000 Kilometer trabte das Raumvehikel Ende 1973 über die Ammoniak-Eiswolken des größten Planeten unseres Sonnensystems hinweg und überstand auch das Strahlenbombardement, mit dem Jupiter das irdische Gefährt willkommen hieß. Dass sich der ganze Aufwand seinerzeit lohnte, dokumentieren auch heute noch über 300 Fotos, welche die Forschungssonde vom Gasriesen Jupiter in einer Auflösung von bis zu 500 Kilometern zur Erde funkte. Auch die Schwestersonde Pioneer 11, die am 5. April 1973 die Erde verließ, bediente sich wie ihr Vorgänger beim Vorbeiflug am Jupiter der Swing-by-Technik. Hierbei nutzt der Raumflugkörper das Schwerefeld eines Planeten, um seine Beschleunigung katapultähnlich zu erhöhen. Nach dem erfolgreichen Vorbeiflug an Jupiter erwies sich Pioneer 10 jedoch als so langlebig, dass es zur Erforschung der
Heliosphäre eingesetzt wurde. Dieser Bereich markiert die Grenze zwischen unserem Sonnensystem und dem extrasolaren Raum. Wissenschaftler interessieren sich vor allem für die Reichweite des sogenannten Sonnenwindes. Dieser ständig von unserem Zentralgestirn abgeblasene Partikelstrom bestimmt die Ausdehnung des Einflussbereichs der Sonne. Die vermutlich schwankende Grenze, an welcher der Sonnenwind auf unbekannten Ströme des viel langsameren interstellaren Mediums trifft, heißt Heliopause.
Wo genau diese Grenze verläuft, und wie weit der Einfluss der Sonne ins All reicht, konnte Pioneer 10 auch bis zum 1. April 1997 indes nicht erklären. An diesem Stichtag wurde die gesamte Mission offiziell beendet. Ausschlaggebend hierfür war zum einem die sondeninternen schwächer werdende Nuklearbatterien, deren thermoelektrische Generatoren von einer Plutonium-238-Quelle gespeist wurden. Und zum anderen befanden die NASA-Verantwortlichen nach einer Kosten-Nutzen-Analyse die jährlichen Betriebskosten von 500.000 Dollar mit Blick auf den wissenschaftlichen Ertrag für zu hoch und damit untragbar.
Pioneer 10 sendet mit nur ein Trilliardstel Watt Energie
Gleichwohl hielt ein Team von Freiwilligen den Kontakt zur Sonde bisher aufrecht. Hierzu gehören auch die Äther-Detektive des SETI-Phoenix-Programms, die bei ihrer Fahndung nach ETs die Raumsonde Pioneer 10 gerne nutzen, um die Leistungsfähigkeit ihrer Antennen zu überprüfen. Mit Hilfe des hochsensibelsten und zugleich weltweit größten unbeweglichen Radioteleskops, der 305-Meter-Aluminiumschlüssel in
Arecibo (Puerto Rico), konnten die SETI-Forscher die Energie der über 10 Lichtstunden entfernten Pioneer 10 stets mühelos einfangen, obwohl davon nur ein Trilliardstel Watt die Erde erreichte. Zumindest noch bis vor kurzem; denn seit einigen Tagen macht Pioneer 10 genau das, was ihre jüngere Schwester Pioneer 11 schon seit dem November 1995 auszeichnet: Sie schweigt. Schon Anfang 1997 konnte die NASA nur unter großen Schwierigkeiten die sondeneigenen Funkantennen präziser in Richtung Erde ausrichten. Und als im August des selben Jahres die Signale der Sonde immer schwächer wurden und die Datenübertragung von der Erde zu Pioneer 10 zusammenbrach, schien die Raumsonde kaum mehr zu retten. Doch Mitte Februar 1998 brachte sich Pioneer 10 wieder in Erinnerung, als es von
Voyager 1 "überholt" wurde. Seitdem ist Pioneer 10 nicht mehr als das am weitesten von der Erde entfernte, von Menschenhand geschaffene Raumgefährt im Universum. Allerdings bleibt es nach wie vor das erste von Menschenhand gefertigte Objekt, das unser Sonnensystem verließ. So nett die Vita des Weltraumroboters klingen mag; die Hoffnungen, dass Pioneer 10 jemals wieder an alte Zeiten anknüpfen kann, sind ausgesprochen gering. Registrierten die irdischen Empfänger im Deep-Space-Net mit seinen über die ganze Erde verteilten Antennenschüsseln noch vor Tagen in periodischen Zeitabständen Signale von Pioneer 10, wenngleich diese extrem schwach waren, so bleiben die NASA-Bildschirme, wenn es um besagte Sonde geht, dunkel. Jetzt ist der einsame Reisende, der momentan noch im kosmischen Niemandsland dahintreibt, ganz auf sich allein gestellt.
Grüße an ET
Neben den Voyager-Sonden wurden auch die Pioneer-Zwillinge mit je einer kosmischen Flaschenpost bestückt. Es ist in erster Linie dem schon seinerzeit bekannten Astronomen und Wissenschaftler der Cornell University in Ithaca
Carl Sagan zu verdanken, das der Vorschlag des Journalisten Eric Burgess und des Planetariumsdozenten Richard Hoagland Gehör fand und in die Tat umgesetzt wurde. Zusammen mit seinem SETI-Kollegen Frank Drake entwarf Sagan eine 15 mal 22,5 Zentimeter große und 1,27 Millimeter dicke Aluminiumplatte. Das darauf abgebildete menschliche Paar zeichnete Linda Salzmann Sagan, Carl Sagans damalige Ehefrau. Da auf der Metallplatte die zwei schemenartigen Figuren vor der Raumsonde Pioneer 10 stehend abgebildet wurden, konnte auf diese Weise die Körpergröße des Menschen plastisch dargestellt werden. Links von ihnen befindet sich die so genannte "Pulsarkarte": "Meine Pulsarkarte ähnelte in gewisser Weise einer Spinne mit zu vielen Beinen. Es war eine Sternexplosion mit 14 geraden Linien, wobei jede Linie einen Pulsar darstellte. Die proportionale Länge der jeweiligen Linien stand für ihre Entfernung von dem zentralen Punkt, der Sonne. Entlang jeder Linie schrieb ich die Pulsarperiode in binären Zahlen, wobei ich die Strahlung des Wasserstoffatoms als eine universelle Einheit für Zeit und Länge verwendete", erklärt Frank Drake in seinem Buch Signale von anderen Welten (München 1998, S. 297).
Auf dem unteren Rand der Karte fügte Carl Sagan noch die Sonne und die Planeten hinzu, deren Durchmesser in dem Vielfachen von Wasserstoffwellenlängen angegeben wurden. Auf der Flugbahn, die vom dritten Planeten ausgeht, befindet sich die schematische Darstellung von Pioneer 10. Man sieht, wie sich die Raumsonde zwischen dem größten und dem geringelten Planeten emporhebt. Gewiss, es kann noch Millionen von Jahren dauern, bis Pioneer 10 das Sternbild Stier erreicht, auf das es unaufhaltsam zudriftet. Doch träfe der Roboter mit seiner Botschaft eines fernen Tages wirklich auf eine außerirdische Kultur, dann würden immerhin schemenhafte menschenähnliche Konturen davon Kunde tun, das es uns irgendwann und irgendwo einmal gegeben hat.