Bevor "Mars Express" beschlossen wurde, war Rosetta ursprünglich das erste europäische Raumfahrtprojekt, das eine weiche Landung auf einem anderen Himmelskörper vornehmen sollte...
Detlef Koschny:
Das ist richtig, wir haben den so genannten Rosetta-Lander an Bord, der vom Orbiter abgetrennt wird und weich auf dem Kometen landen soll. Dort soll er einen Monat oder - hoffentlich - sogar länger Messungen vor Ort durchführen.
Ist eine Landung bei der extrem geringen Schwerkraft nicht ein großes Problem?
Detlef Koschny:
Ich nenne es auch manchmal gar nicht Landung, sondern eher Andocken. Das wurde in dem Film "Deep Impact" sehr realistisch dargestellt: Da wurde eine Art Harpune in den Boden geschossen, um das Raumschiff zu verankern. Genau so werden wir es auch machen.
Da Sie gerade "Deep Impact" erwähnen: Wie fanden Sie die übrige Darstellung, zum Beispiel das "Erwachen" des Kometen, als er sich ins Sonnenlicht dreht?
Detlef Koschny:
Also, wenn ich mich richtig erinnere, war dieses Herausplatzen des Gases schon etwas heftig. In Wirklichkeit wird es ein bisschen langsamer vor sich gehen, da so ein Komet doch eine gewisse thermische Trägheit hat. Aber das passt natürlich nicht zur Dramaturgie eines Kinofilms.
Sie wollen mit Rosetta den Kometen eine Weile begleiten?
Detlef Koschny:
Der Lander wird so ziemlich am Anfang der Mission auf der Oberfläche abgesetzt. Im März 2012 werden wir den Kometen zum ersten Mal im Blickfeld der Kameras haben. Im Mai oder Juni werden wir nahe genug dran sein, dass der Lander landen kann. Der wird, wie gesagt, einen Monat oder auch länger arbeiten. Der Orbiter dagegen wird den Kometen eineinhalb Jahre lang umkreisen und auf seinem Flug zur Sonne begleiten, bis er seinen sonnennächsten Punkt erreicht hat. Wenn das Geld dann noch reicht und die Sonde noch funktioniert, machen wir natürlich auch weiter. Aber zunächst einmal sind eineinhalb Jahre als Missionsdauer vorgesehen.
Dabei beobachten Sie dann das Erwachen des Kometen, das im Film verkürzt dargestellt wurde: das Verdampfen der flüchtigen Bestandteile durch die zunehmende Sonnenhitze?
Detlef Koschny:
Ganz genau. Die Idee ist, dass wir hinkommen, bevor er aktiv ist, um dann im Einzelnen die Entwicklung der Aktivität beobachten zu können.
Wie weit ist die Sonde dann entfernt?
Detlef Koschny:
Bei der Ankunft am Kometen ist sie viermal so weit von der Sonne entfernt wie die Erde. Sie wissen vielleicht, dass das Sonnenlicht zur Erde acht Minuten braucht. Das heißt, Funksignale zur Sonde und wieder zurück sind ungefähr eine Stunde unterwegs. Daher ist es sehr wichtig, dass die Sonde ziemlich viel selber machen kann. Sie muss selbständig Entscheidungen treffen können und vor allem auf Notfälle vorbereitet sein.
Wie baut man so einen autonom agierenden Weltraumroboter? Werden da denkbare Szenarien im voraus programmiert?
Detlef Koschny:
Man muss schon versuchen, möglichst viel verschiedene Situationen vorherzusehen. In denen wird der Satellit dann - hoffentlich richtige - Entscheidungen treffen. Wenn dagegen etwas absolut Unvorhergesehenes passiert, stellt er nur fest, dass er nicht mehr weiter weiß und begibt sich in einen Sicherheitsmodus, in dem er eigentlich nichts mehr tut. Zu den vorhersehbaren Situationen zählt zum Beispiel der Vorbeiflug an einem Asteroiden, den Rosetta selbständig im Kameraauge behalten und zu bestimmten Zeitpunkten Bilder von ihm machen wird.
Was suchen wir auf einem Kometen? Warum fliegen wir da hin?
Detlef Koschny:
Die Schlüsselfrage ist die nach der Entstehung des Sonnensystems. Sie wissen vielleicht, dass es aus einer Gaswolke hervor gegangen ist, die sich unter dem Einfluss der Schwerkraft zusammen gezogen hat. Einzelne Teilchen, die sich dabei heraus kondensiert haben, sammelten sich zu Planeten. Was in dieser Übergangsphase übrig geblieben ist, sind die Kometen. Sie sind das Bindeglied zwischen den ursprünglichen Gaswolken, die wir mit dem Hubble-Teleskop und anderen Observatorien jetzt auch an vielen Orten des Universums direkt beobachten können, und dem Sonnensystem, wie wir es heute kennen. Wenn wir Kometen verstehen, verstehen wir auch die Entstehung des Sonnensystems. Daher hat Rosetta so ziemlich jedes wissenschaftliche Instrument an Bord, das man sich vorstellen kann - Kameras, Staubsammler, chemische Analysegeräte.
Das heißt, der Weltraumroboter ist nicht nur in der Lage, selbständig zu navigieren, sondern führt auch wissenschaftliche Arbeiten durch?
Detlef Koschny:
Er sammelt die wissenschaftlichen Daten. Im Normalfall möchten wir auch durchaus die Kontrolle behalten. Insofern ist Rosetta ein sehr höriger Roboter. Wir werden dann im europäischen Bodenkontrollzentrum in Darmstadt sitzen und ihn von dort aus steuern. Wir möchten schon, dass er das tut, was wir ihm sagen. Die Autonomie ist nur für Situationen, in denen wir nicht schnell genug reagieren können.
Es gibt Theorien, dass die Grundbausteine des Lebens oder sogar Mikroorganismen mit Kometen auf die Erde gekommen sind. Erhoffen Sie sich von Rosetta auch neue Erkenntnisse zu diesen Fragen?
Detlef Koschny:
Auf jeden Fall. Die eigentliche Panspermien-Theorie, die besagt, dass ganze Bakterien aus dem All auf die Erde gekommen sind, wird stark angezweifelt. Mehr Anhänger hat die Idee, dass organische Molekülketten aus der Zeit vor der Entstehung des Sonnensystems irgendwie auf die Erde gelangt sind. Da spielen Kometen eine wichtige Rolle. Die können nämlich aus diesem Urstaub entstanden sein und diese organischen Moleküle heute noch in sich tragen. Wenn wir entsprechende Stoffe auf dem Kometen finden, wäre das ein guter Beleg für diese Theorie.
Die europäische Giotto-Sonde hat ja schon den Halleyschen Kometen per Fernerkundung untersucht und dabei Kohlenstoffverbindungen entdeckt. Wie komplex sind diese Moleküle?
Detlef Koschny:
Auf Kometen hat man bisher nur Grundstoffe wie etwa CN-Verbindungen, also Cyanide, nachgewiesen. Um das genauer zu untersuchen, müssen wir hinfliegen und landen, um Proben zu entnehmen. Am allerbesten wäre es natürlich, diese Proben auf die Erde zu bringen.
Gibt es entsprechende Pläne?
Detlef Koschny:
Bei der NASA läuft dazu eine Studie. Im Prinzip ist Rosetta aus so einer Studie hervor gegangen. Ursprünglich war das als Gemeinschaftsprojekt mit den Amerikanern vorgesehen, bei dem Proben auf die Erde gebracht werden sollten. Das hat sich dann aber aufgrund technischer Schwierigkeiten zerschlagen. Der aktuelle Stand ist, dass sich am Jet Propulsion Laboratory der NASA seit etwa einem Jahr eine Gruppe mit dem Thema beschäftigt. Beschlossen ist noch nichts, es sieht aber recht gut aus. Das wäre eine schöne Ergänzung zu unseren Projekten.