Computer raus aus den Schulen?
Hans-Arthur Marsiske 30.03.2001
Clifford Stoll stellte in Hamburg sein neues Buch vor, das wir lieber nicht lesen werden
Es dauert eine Weile, bis Clifford Stoll zum Thema kommt. Angekündigt war ein Vortrag zur Frage, warum Computer nicht ins Klassenzimmer gehören. Aber zunächst einmal erwähnt der Astronom Stoll seine Forschungen zur Jupiter-Atmosphäre, über die er viel lieber reden würde - wenn es denn dafür ein Publikum gäbe.
Dann erzählt er ausführlich von einem zunächst rätselhaften Computerfehler, den er vor 15 Jahren an seinem Arbeitsplatz beobachtete und der sich als Auswirkung eines Hacker-Angriffs herausstellte. Der unbedarfte Zuhörer wundert sich: Will der als "Internet-Pionier" hoch stilisierte Stoll damit seine Kompetenz in Computerfragen demonstrieren? Will er sich vielleicht einfach nur warm reden? Wahrscheinlich beides: Die Geschichte von der Jagd auf den Hacker ist jedenfalls ein bewährter Stoff. Unter dem Titel "Das Kuckucksei" kam sie 1989 auf den deutschen Buchmarkt und begründete Stolls Ruf als unterhaltsamer Autor zu Computer- und Internet-Themen.
Auch jetzt kommt keine Langeweile auf. Stoll rennt im Hörsaal hin und her, macht aufgeregte Luftsprünge, um seine Aussagen zu unterstreichen, und wischt mit seinem Hemdärmel mal eben die Tafel ab, um etwas zu skizzieren. Sein Vortrag ist mit witzigen Anekdoten und pointierten Formulierungen gespickt. Ein Professor, wie ihn Studenten sich wünschen, keine Frage.
Umso enttäuschender ist es, als er nach etwa einer halben Stunde endlich zum eigentlichen Thema spricht. "Ich mag Computer", sagt er. "Aber die Aufgeregtheit, mit der sie gegenwärtig verkauft werden, macht mir Sorgen." Die Notwendigkeit, Computer in die Schulen zu bringen, sehe er nicht. Er befürchte viel mehr, dass die Arbeit an den Rechnern auf Kosten des Unterrichts in anderen Fächern wie Kunst und Musik erfolge und die persönliche Unterweisung durch Lehrer einschränke.
Dass Computer einen neuen Zugang zu traditionellen Schulfächern eröffnen können, lässt er nicht gelten. "Wenn Schüler sich Musik oder Kunstwerke aus dem Netz herunter laden, sind sie nur passive Konsumenten, aber keine kreativen Gestalter", lautet sein Einwand. Was aber ist mit dem mittlerweile ungemein vielfältigen und leistungsfähigen Software-Angebot zur Ton- und Bildbearbeitung, das völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet und bereits ganze Musik- und Kunststile geprägt hat? Was mit der neuen Lust am Schreiben, von der viele Lehrer berichten, beflügelt durch die Möglichkeiten des Email-Austausches? Auch der Fremdsprachenunterricht profitiert von solchen Kontakten.
Clifford Stoll kämpft gegen selbst geschaffene Phantome. Kein ernst zu nehmender Pädagoge wird den persönlichen Kontakt zwischen Lehrer und Schüler zugunsten der Arbeit am Computer einschränken wollen. Im Gegenteil: Wenn die Schülerinnen und Schüler die reine Wissensaneignung weitgehend selbst bestimmt am Rechner vornehmen können, sind die Lehrer stärker als zuvor als Betreuer in persönlichen und sozialen Fragen gefordert. Der Kontakt zu den Schülern kann sich intensivieren, weil er von den Anforderungen des reinen Fachunterrichts entlastet wird.
Was Stoll ansonsten gegen Computer vorzubringen hat - etwa die viele Zeit, die durch Systemabstürze oder unnötig komplexe Software verloren geht - , betrifft Übergangsphänomene, die die Kultur der entstehenden Informationsgesellschaft vorübergehend an der Oberfläche prägen, aber nicht im Kern berühren. So bleibt von seinem kurzweiligen Vortrag vor allem eine, durchaus nicht neue Erkenntnis: Ein Medium ist nur so viel wert wie die Inhalte, die es transportiert. Im Falle des talentierten Vortragskünstlers Clifford Stoll ist das verblüffend wenig. Die Schlussfolgerung, dass das auch für den Buchautor Stoll gilt, drängt sich auf. Angesichts des (nicht zuletzt von ihm selbst beklagten) Informationsüberflusses ziehen wir es daher als medienökologisch bewusste Menschen vor, sein neues Buch lieber nicht zu lesen.
Clifford Stoll: Logout - Warum Computer nichts im Klassenzimmer verloren haben und andere High-Tech-Ketzereien. S. Fischer Verlag, 256 Seiten, DM 29,90