Deus ex Machina
Goedart Palm 04.04.2001
SMS als virtueller Gottesbeweis oder: Zur Kommunion von Kirche und Medien
Dantes Inferno hat seine glaubensstiftende Hitze verloren: "Man fürchtet heute nicht Gott und nicht den Teufel, aber die Medien." Aber dieser Gemeinspruch, der selbst für christliche Politiker gelten mag, trifft nicht die ganze Wahrheit. Gott hat sich immer wieder der Medien bedient, um seine Froh- und Drohbotschaften besonderen Menschen zu übermitteln. Moses Begegnung mit dem brennenden Dornbusch, die Vision Jesajas im Tempel oder die Bekehrung des Paulus auf der Straße nach Damaskus belegen die Medienerziehungsmaßnahmen Gottes gegenüber seinen Kindern, bei denen die mediale Form nicht weniger spektakulär als der Inhalt erschien.
Konnten zuvor aber nur Auserwählte des Herrn die Stimmen aus dem Äther vernehmen, sprechen heute dank Billighandys und Flatrates die Stimmen überall und jederzeit. Auch die Kirche verlässt sich nicht länger mehr nur auf die transzendenten Botschaften aus dem Äther, die ja im Laufe aufklärungsheischender Jahrhunderte ohnehin rarer geworden sind, sondern setzt inzwischen stärker auf die technologische Seite der Medien.
So lautet die Vorabbotschaft von Papst Johannes Paul II. zum diesjährigen 35. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel (27.05.2001) mit dem Thema Die Predigt von den Dächern: Das Evangelium im Zeitalter globaler Kommunikation: "In unserer heutigen Welt sind die Hausdächer fast immer übersät mit einem ganzen Wald von Sende- und Empfangsantennen, die Botschaften jeder Art in alle Welt aussenden und aus aller Welt empfangen. Da ist es nun von entscheidender Bedeutung zu gewährleisten, dass unter diesen vielen Botschaften auch das Wort Gottes gehört wird. Den Glauben von den Dächern zu verkünden, heißt heute, das Wort Jesu in der und durch die dynamische Welt der Kommunikationsmittel auszusprechen."
In einer Zeit, in der religiöse Erscheinungen, Gottes und der Engel Stimmen nicht mehr ausschließlich von der Kirche, sondern auch von anderen ums Menschen- und Gemeinwohl bemühten Institutionen der Gesellschaft behandelt werden, verlässt sich also selbst die katholische Kirche nicht mehr ausschließlich auf die göttlichen Direkteingebungen, sondern auch auf säkulare Formen der Kommunikation.
SMS als virtueller Gottesbeweis?
Aber auch der Protestantismus will seine schwindende Aufmerksamkeitsherrschaft medial verstärken. Am 03.05.2001 soll in Hannover der ersten Jugendgottesdienst mit Hilfe von SMS-Frohbotschaften steigen. Die
Evangelische Jugend Hannover hat die Parole ausgegeben: "160 Zeichen über Gott und die Welt."
Vielleicht reicht das auch, wenn sich die SMS-Junggläubigen in den Gottesdienst, der live über Webcams ins Internet übertragen wird, einloggen und Vorschläge für Gebete zusenden. Die mehr oder minder (h)eiligen Messages der "Weltpremiere in Hannover" werden dann von der Kanzel verkündet, in der Hoffnung, dass der Schwund juveniler Christen, der zuvor wenig erfolgreich durch Rock-, Beat- und Jazzmessen bekämpft wurde, nun durch ein jugendgerechtes Freizeitmedium aufgehalten werden könnte.
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Die kommunikative Wunderwaffe soll Jugendliche ermutigen, "selbst nachzudenken" (Stefan Heinze, Evangelische Jugend Hannover), obwohl unklar ist, worüber zu meditieren ist, da die Worte des Herrn doch ohnehin kanonisch sind. Es ist das alte Dilemma der Kirche, vom Gespräch zu reden, wenn es doch schließlich nur um Verkündung ihrer absoluten Wahrheiten geht. Die Evangelische Kirche in Deutschland (
EKD) hatte immerhin bereits im letzten Jahr angekündigt, mit 4,5 Millionen Mark ihre Internet-Präsenz und Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auszubauen. So sind die Wege des Herrn oft unerforschlich, aber auch der wahre Glaube kann sich der Medien- und Marktforschung auf dem Weg zum Heil eben nicht verschließen.
Offensive Medienpolitik
Der Papst vertraut auf die Medien, obwohl das Verhältnis von Kirche und Medien oft wie der vergebliche Kampf der Kurie gegen die Furie - respektive den Leibhaftigen - erschien. So gibt sich der Papst gegenüber den Lax- und Bosheiten der paganen Medien fundamentalistisch:
Bei so viel päpstlich ermittelter Unlogik des Postmodernismus ist es freilich schon besser, über eine absolute Wahrheit zu verfügen, die lange vor den Beliebigkeiten der Medienkultur entstand - wenn man dabei großzügig von der etwas unübersichtlichen Redaktionsgeschichte biblischer Überlieferungen absieht. Aber der Papst ist auch seinen medialen Widersachern gegenüber versöhnlich:
Regt sich hier der Neid auf fremde Einschaltquoten, wo die eigenen doch längst nicht mehr nur heimlich als Desaster beklagt werden, wenn die Gläubigen, die noch zum Abendmahl erscheinen, in manchen Gemeinden oftmals an einer Hand abgezählt werden können? In der digitalen Kommunion wird zwar nicht wie in biblischen Zeiten das Medium zur Message, aber fantasievoller Medieneinsatz soll wohl neue Erwartungen schüren, die bisher eher von Hollywoods pathetischen Technicolor-Bibelaufläufen fürs staunende Volk oder bayerischem Feuer-und-Schwert-Barock bedient wurden. Es wird auch höchste Zeit, dass die Kirche wieder selbst ihre Bilder in der Öffentlichkeit besorgt, denn - so der heilige Vater: "Wo einst die Medien über Ereignisse berichteten, werden heute oft Ereignisse erfunden oder bearbeitet, um den Bedürfnissen der Medien zu entsprechen. Auf diese Weise ist die Beziehung zwischen Wirklichkeit und Medien komplizierter geworden, und das ist ein zutiefst ambivalentes Phänomen." Nun könnte dieser Mechanismus vielleicht auch verschiedentlich christliche Wunderberichte maßgeblich geprägt haben, die ja den Bedürfnissen des Glauben mindestens so sehr wie der Suche nach Wahrheit dienen.
Aber was ist schon Wahrheit in Zeiten des Aufmerksamkeits-Armageddon? Der Eifer der Wissenschaften, religiöse Wahrheiten zu verifizieren, ihnen auf die historische Sprünge zu helfen, nimmt mitunter bizarre Formen an. Was soll man davon halten, dass jetzt gar BBC mit dem historischen Konterfei von Jesus Christus aufwartet, dass anhand von frühchristlichen Schädelfunden und einer Prise Fantasie fotorealistisch gemorpht wurde: Ein etwas dumpf blickender Gesell ist daraus geworden, weit ab der unzähligen Idolisierungen, die das abendländische Gesicht des Erlösers im guten Glauben überstrahlt haben (
Sah Jesus Christus wirklich wie Jürgen von der Lippe aus?). Sollte nicht länger gelten, dass das Herzstück der Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus ist, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit (vgl. Hebr 13,8)?
Kirche und Kommunikation
Aber vielleicht helfen ja die Veranschaulichung der wahren Erlöserphysiognomie und der mediale Neomissionarismus die besonders in der deutschen Kirche konstatierten Glaubensverluste zu kurieren, die vom Papst in seinem jüngsten Anschreiben an die deutschen Kardinäle beklagt werden. Kurienkardinal Walter Kasper ist sich zwar nicht sicher, ob die deutsche Kirche tatsächlich besonders betroffen ist oder ob die zum Alltag gewordene Krise nicht letztlich auf Gottes weitem Erdenrund unisono gilt. Kasper teilt aber auch die päpstliche Sorge, dass es eines Tages zu einer Implosion der klerikalen Strukturen kommt.
Ob dieses Ende aber durch die Medienliturgie des schnellen Knopfdrucks zu vermeiden ist, ist zweifelhaft. Erscheint doch die kommunikativ offensive Medienkirche nicht viel mehr zu sein als die vordergründige Anverwandlung religiöser Botschaften an den technogläubigen Zeitgeist. Hallelujah im MP3-Modus wird wohl aus den Kids auch keine heimkehrenden Söhne und Töchter machen. Johannes Paul II. vertraut voll aufs Evangelium:
Gott ist im Netz der Netze zwar auf Tausenden von Webseiten gut repräsentiert, andererseits lautet der "performative Widerspruch" auf der
Website der Gemeinschaft entschiedener Christen: "Was er sagt, geht ohne Umwege direkt in Dein Herz - ganz ohne technischen Schnickschnack." Aber spätestens seit dem 1. Juli 1861, wenige Monate nach der Ausrufung des Königreiches Italien (17. März 1861), als in Rom die erste Nummer des "L'Osservatore Romano" erschien, verlässt man sich in der polemisch-propagandistischen Verteidigung des Kirchenstaates zuletzt darauf.
Kommunikationsstörungen
Ganz im Gegensatz zu den neuen kommunikativen Verheißungen des Vatikan und der protestantischen Hoffnung auf die religiöse SMS-Begeisterung der Jugend hat der Luzerner Theologe und Journalist Benno Bühlmann 1997 beklagt, dass die aktuelle Situation der katholischen Kirche von tief greifenden Kommunikationsstörungen geprägt sei. In seinem Buch "Kirche und Medien im Konflikt" fordert er die Kurie auf, von der Lehrkanzel herunterzusteigen, um sich dem pluralistischen Gespräch zu öffnen.
Aber viel Hoffnung auf solche Gespräche ist kaum begründet, wenn Kurienkardinal Walter Kasper selbst dem ersten gemeinsamen evangelisch-katholischen Kirchentag im Jahre 2003 schon jetzt attestiert, dass ein gemeinsames Abendmahl nicht stattfinden wird: "Also, da müsste ein Wunder geschehen. Ich bin für diesen Kirchentag, aber man soll das Treffen nicht fixieren auf diese Frage. Es ist nicht zu erwarten, dass wir bis 2003 die theologischen Probleme zum Eucharistie- und Amtsverständnis lösen können. Ich bedauere das, aber wir können die Probleme nicht überspringen." Wunder gibt es immer wieder, schon aus Gründen der Heiligsprechung verdienstvoller Kirchenleute. Aber wie soll der Glaube an die heilige Kommunion eiligen Zeitgenossen einleuchten, wenn es nicht mal reicht, mit den eigenen Verwandten das Brot zu brechen?
Bühlmann verweist in seiner Untersuchung zum klerikalen Kommunikationsmodus auf den Fall des Theologen und Tiefenpsychologen Eugen Drewermann, der im Oktober 1991 vom Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt als wissenschaftlicher Lehrer entlassen und im darauf folgenden Frühjahr als Priester suspendiert wurde. Die Kommunikationsherrschaft der Kirchenoberen stützte sich auf die Autorität ihres Amtes, aus der die Wahrheit wie das Kaninchen aus dem Zylinder springt, ohne dass noch ein Konsens sich dazwischen drängen könnte. Medienzampano Drewermann zog sich kurzerhand den Vorwurf zu, "Sprachspiele" zu inszenieren, während die Repräsentanten der Kirche sich auf ihre dem Menschen und seiner Zeit entfremdeten Sprache verließen.
Bühlmann hat in seiner Untersuchung zwei widersprüchliche Medienbilder entdeckt, die für den Widerstreit von Kirche und Medien trotz aller missionarischen Euphorien weiterhin typisch bleiben mögen: Das horizontal-dialogische Medienverständnis begreift Medien als ein Instrument der Verständigung, ein "öffentliches Forum, auf dem das Gespräch der Menschen hin- und hergeht". Dem gegenüber steht das vertikal-hierarchiologische Medienbild, das die Medien als Instrumente betrachtet, mit denen der Welt die kirchliche Botschaft als Kanzelwahrheit verabreicht wird.
Die Heilige Kirche hat immer ihre Glaubensstärke gegenüber den unzähligen Abtrünnigen dadurch unter Beweis stellen wollen, dass den modischen Wahrheiten bescheinigt wurde, nicht über eine Saison hinauszuwachsen, während die ewigen Wahrheiten ihre Baisse erleben mögen, aber die sichersten shareholder values der Geschichte sind, weil sie letztendlich über den Unglauben triumphieren und den Menschen erlösen. So bleibt nur noch die Frage, ob der jetzt gepredigte Kommunikationspopulismus nicht letztlich das Symptom einer Krisis vor dem Ende ist, während er sich für das Remedium im Namen des Herrn zu halten scheint.