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Vom Zuschauer zum Betroffenen

Christine Plaß und Michael Schetsche 20.09.2000

Mediale Opferkarrieren oder: Von der medialen Verführung, Aufmerksamkeit und eine neue Identität durch eine Opferrolle zu erzielen

Am Ende des 20. Jahrhunderts sehen sich die Gesellschaften der Industriestaaten fortwährend mit neuen psychosozialen Problemen konfrontiert, bei denen nicht nur die soziale Relevanz, sondern auch ihr Realitätsstatus gesellschaftlich umstritten bleibt. Während Betroffene, ihre Advokaten und Expertengruppen schwerwiegende Verletzungen der sozialen Wertordnung beklagen und von Staat und Gesellschaft Abhilfe verlangen, beurteilen andere Experten, Kulturkritiker und Problemsoziologen das jeweilige Problem als Ergebnis medialer Skandalisierungsprozesse. Die solcherart strittigen Probleme reichen vom satanisch-rituellen Missbrauch, über Multiple Persönlichkeitsstörungen bis hin zu Kauf-, Sex- und Internetsucht - um nur die prominentesten Beispiele der letzten Jahre zu nennen.

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Das Auftauchen öffentlich umstrittener Problemwahrnehmungen stellt nicht nur die Problemsoziologie, sondern auch die für die alltägliche Problembekämpfung zuständigen Professionen (wie Psychologie und Sozialarbeit) vor erhebliche Erkenntnis- und Bewertungsprobleme. Die Soziologie hat auf diese Schwierigkeiten schon vor Jahren mit der Entwicklung einer [extern] konstruktivistischen Problemtheorie reagiert, nach der die gesellschaftliche Wahrnehmung sozialer Probleme ebenso wie die Identität als Problemopfer ausschließlich Folge kollektiver Definitions- und Zuschreibungsprozesse ist.

So leicht eine solche Perspektive bei akademischer Betrachtung einzunehmen ist, so inakzeptabel erscheint sie in der Alltagspraxis. Angesichts des überaus realen Leidens der Problemopfer ist es für die konsultierten Experten (ebenso wie für einfühlsame Mitmenschen) meist undenkbar, dass die Betreffenden die berichteten Erfahrungen nicht selbst gemacht haben sollten. Diese Undenkbarkeit liegt vor allem darin begründet, dass die sozialen Prozesse weitgehend unbekannt sind, mittels derer Problemwissen und der Glaube an den eigenen Opferstatus sozial verbreitet werden.

In den meisten der genannten Fälle ist nicht strittig, dass den Massenmedien bei der Verbreitung des Wissens über ein neues Problem eine entscheidende Rolle zukommt. Die Frage ist jeweils nur: Sind die Medien mehr Aufklärer oder eher Skandalisierer? Liefern Sie wichtige Informationen für Betroffene oder lösen sie eine Massenhysterie aus? (Vgl. Showalter 1997).


Eine Antwort darauf ist weder generell noch im Einzelfall ohne weiteres zu geben. Und sie wird immer schwieriger. Dies liegt daran, dass am Ende unseres Jahrhunderts die Medien für immer mehr Menschen einen wichtigen, oftmals sogar den dominierenden Zugang zur gesellschaftlichen Wirklichkeit bilden. Durch Zeitung, Radio, Fernsehen und neuerdings das Internet werden wir nicht nur über Sportergebnisse und politische Entscheidungen informiert, sondern eben auch über soziale Probleme. Die zunehmende Ablösung der alltäglichen Primärerfahrung durch [extern] medial vermittelte Sekundärerfahrungen hat dabei für den Einzelnen wie für die Gesellschaft die generelle Konsequenz, dass sich Fakten immer weniger von Fiktionen, Authentisches immer schwerer von Imaginiertem unterscheiden lässt.

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Für die Opfer sozialer Probleme heißt dies, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob ihre Selbstdeklaration auf authentischen Erfahrungen (in einem klassischen Sinne) beruht oder Ergebnis eines medial vermittelten Imaginations- und Identifikationsprozesses ist. Dabei ist die zentrale Frage, wie eine Opferwerdung ohne authentische Erfahrung überhaupt möglich ist. Unseres Erachtens kann man die medieninduzierte Opferwerdung als zyklischen sozialen Prozess beschreiben, in dem die Identität als Problemopfer in vier Phasen überindividuell hergestellt wird: 1. Verdacht, 2. Gewissheit, 3. Identifikation und 4. Bekenntnis.

1. Verdacht

Die modernen Massenmedien thematisieren gleichzeitig eine große Zahl sozialer Probleme. Sie liefern - in fiktionaler wie in faktionaler Form - Wissen über die Problemdefinition, die Zahl der Betroffenen, mögliche Schäden, mehr oder weniger aussichtsreiche Bekämpfungsmaßnahmen und vieles andere mehr. Ihre Berichterstattung wirft für die Medienrezipienten nicht nur die Frage auf, ob sie selbst oder vertraute Personen von dem jeweiligen Problem betroffen sein könnten, sie liefert zugleich auch die Kriterien, die für eine Beantwortung nötig sind: Merkmale bzw. Symptome, anhand derer der Opferstatus zu erkennen ist.

Auf diese Weise bringt das medial verbreitete Problemwissen kollektive Problemwahrnehmungen hervor. Dabei reicht die bloße Konfrontation mit dem Wissen über ein neues Problem und seine Symptomatik jedoch nicht aus, um kollektiv Überlegungen hervorzurufen, ob das Problem nicht auch im eigenen Umfeld anzutreffen sein könnte. Vielmehr müssen drei Merkmale erfüllt sein, um bei den Rezipienten der Verdacht hervorzurufen, sie selbst oder Angehörige könnten betroffen sein:

* (1) die Aufnahme des Problemwissens in das Langzeitgedächtnis,
* (2) passende Lebensumstände der potentiellen Problemopfer und
* (3) - bei der Selbstdeklaration - eine seelische Disposition für den Opferstatus.

Der erste Schritt zum Wirksamwerden ist die Aufnahme des Problemwissens in das Langzeitgedächtnis der Medienrezipienten. Dabei spielen dabei zwei Faktoren eine wesentliche Rolle: Anschlussfähigkeit und Wiederholung. Je stärker neues Wissen auf bereits vorhandenes aufbauen kann, desto besser kann es verarbeitet werden. Problemwissen, das an schon etablierte Denk- und Deutungsmuster anknüpft, hat deshalb größere Chancen, auf 'Resonanz' zu stoßen. Gleichzeitig deuten empirische Untersuchungen darauf hin, dass kognitiv-emotive Muster erst aufgrund der Wiederholung gleichartiger - oder zumindest sehr ähnlicher - Reize in das Gehirn eingeschrieben werden (vgl. Underwood und Everatt 1996). Der Erfolg eines sozialen Problems ist also davon abhängig, wie anschlussfähig es an bereits anerkanntes Wissen der Subjekte ist und wie kontinuierlich es in den Massenmedien prozessiert wird.

Voraussetzung für den Verdacht ist zweitens immer auch, dass Lebensweise und Biographie der potentiellen Opfer sich überhaupt mit den Erkennungsmerkmalen des betreffenden Problems in Einklang bringen lassen: Wer keinen Internetzugang hat, kann kein Opfer der [local] Internetsucht werden. Im Gegensatz zu diesem Beispiel sind die persönlichen Voraussetzungen und Symptome bei den meisten der neuen Probleme jedoch überaus unspezifisch. Sie beziehen sich auf Lebenssituationen und seelische Zustände, welche die meisten Menschen aus eigener Erfahrung kennen. So sind es beim Problem der [extern] 'Kaufsucht' Unwohlsein in Supermärkten und Warenhäusern, die Anhäufung unnützer Waren in Kellern und auf Dachböden sowie permanente finanzielle Probleme (vgl. Schetsche 2000: 136-142). Beim [extern] rituellen Missbrauch treten verschiedene Stress-Symptome, Schlafstörungen oder die Angst vor dunklen Kellern und Gewölben auf. Typisch für solche Probleme ist, dass keines der vielen genannten Symptome so charakteristisch ist, dass als Erklärung lediglich das gemeinte Problem in Frage käme, vielmehr konkurriert regelmäßig eine ganze Zahl von Problemwahrnehmungen um ähnliche Erkennungsmerkmale.

Wenn das neue Problem drittens aufgrund der medialen Berichterstattung als schwerwiegend und weit verbreitet anerkannt ist, regt sich bei manchen Rezipienten der Verdacht, sie selbst oder nahestehende Personen könnten zu den Opfern gehören. Nach Auffassung des Psychologen Ofer Zur (1994) liegt dies u.a. daran, dass der Opferstatus in modernen Gesellschaften den Betroffenen eine Reihe psychosozialer Vorteile verspricht: dauerhafte Schuldlosigkeit, moralische Überlegenheit, Freiheit von Verantwortung für das eigene Verhalten, ein Recht auf Mitgefühl und Mitleid der anderen, Verantwortungslosigkeit für das eigene Leben.

Man ist geneigt, eine solche Lust am Opferstatus als Folge einer krankhaften Persönlichkeitsstörung beschreiben oder aber auch als ein neues psychosoziales Problem: die Opfersucht. Das mag übertrieben klingen, zumindest aber scheint es heute immer mehr Individuen zu geben, die einen Opferstatus seelisch benötigen. Möglicherweise haben es hier sogar mit einer neuen Form der Identität in spät- oder postmoderner Gesellschaften zu tun: den des multiplen Opfers. Diese Menschen definieren sich durch die Annahme, Opfer eines sozialen Problems zu sein - heute des einen, morgen eines anderen. (Vgl. Baudrillard 1996: 209-211)


Wenn die drei genannten Merkmale zutreffen, kann die Erkenntnis des Opferstatus aus Sicht der Betroffenen schlagartig erfolgen: Mit einem Mal wird der Ursprung vieler bisher ungeklärter Lebens- und Alltagsprobleme erkennbar, fügen sich vorher disparate Erfahrungen (Krankheitssymptome, Karrierebrüche, Beziehungskrisen usw.) scheinbar wie von selbst zu einem einheitlichen Bild zusammen. Aus dem gerade erlernten Problemwissen entsteht ein neues Muster von Realität, mit dem Vergangenes wie Aktuelles aus Sicht des Individuums schlüssiger und befriedigender interpretiert werden kann, als dies mit den bisherigen Deutungen der Fall war.

2. Gewissheit

Die plötzliche Erkenntnis kann anfänglich jedoch - insbesondere wenn es um traumatisierende, sozial tabuisierte Erfahrungen geht - mit Zweifeln und Fragen verbunden sein: Ist es wirklich so? Gibt es nicht auch andere Erklärungen? Zur Überwindung dieser Unsicherheit reichen die Informationen über das Probleme aus den Massenmedien meist nicht aus. Um dem Verdacht weiter nachzugehen, man selbst oder ein naher Angehöriger könnte betroffen sein, bedarf es anderer Wissensquellen: personaler oder auch apersonaler Ratgeber. Letztere - zum Beispiel in Form der [extern] Ratgeberliteratur - haben den Vorteil, das erhoffte Wissen schnell, preiswert und völlig anonym zu liefern. Neben intensiven Schilderungen der Leiden ausgewählter Opfer und der vom Problem verursachten Schäden enthalten solche Ratgeber regelmäßig einen umfassenden Katalog von Merkmalen, anhand derer Alltagserfahrungen auf Belege für den Opferstatus hin überprüft werden können.

Dabei ist die Struktur dieser Ratgeber regelmäßig so angelegt, dass eher von einer Bestätigung, denn von einer Überprüfung gesprochen werden sollte. Mit Hilfe der enthaltenen Symptomkataloge können nicht nur die aktuelle Lebenssituation, sondern gerade auch frühere Erlebnisse, ja weite Teile der eigenen Vergangenheit unter Bezugnahme auf das nun internalisierte Problemwissen redefiniert werden. Die hierfür notwendige Umarbeitung von Erinnerungen ist nichts Außergewöhnliches, sondern Bestandteil unserer alltäglichen Auseinandersetzung mit Vergangenheit. Grundsätzlich werden Geschehnisse in der Erinnerung um so eher verändert, je länger sie zurückliegen (Offer u.a. 2000) Das gilt nicht nur für Alltagserlebnisse, sondern - entgegen weit verbreiteter Vorurteile - gerade auch für tiefgreifende Erfahrungen.

Ereignisse, die ein Individuum immer wieder Revue passieren lässt und regelmäßig mit anderen Menschen diskutiert, werden nicht authentischer, sondern im Gegenteil durch wiederholtes Erinnern immer stärker verändert. Bei jedem Ins-Gedächtnis-Rufen ist die Gelegenheit zur Veränderung des Erinnerten unter dem Aspekt gegenwärtiger Bedürfnisse und Einsichten gegeben.

Hinzu kommt die Anreicherung mit [extern] Pseudo-Erinnerungen, die sich aus den Erzählungen anderer und medialen Darstellungen speisen. Im Extremfall kann ein Prozess der umfassenden und systematischen Re-Interpretation von Erfahrungen einsetzen: Das Subjekt wird einer Art 'Re-Sozialisation' unterworfen, in der seine frühere Struktur der subjektiven Wirklichkeit demontiert und neue Wirklichkeitsakzente gesetzt werden. Der Umfang dieses Umschreibens der eigenen Biographie ist dabei um so größer, je stärker das neue Problem als identitätsstiftend empfunden wird. (Vgl. Berger und Luckmann 1991: 167-168)

3. Identifikation

Gerade bei Problemen mit hohem Identifikationspotential stellen Ratgeber ein Medium der [extern] Identitätspolitik dar. Sie liefern den Rezipienten nicht nur die Gewissheit, selbst betroffen (bzw. mit-betroffen) zu sein, sondern lassen das Problem auch überall in der Gesellschaft und im Alltag entdecken. Damit vermitteln sie den (nun) Betroffenen gleichzeitig das Gefühl, mit ihrem Problem nicht allein zu stehen, sondern Mitglied einer großen Gemeinschaft von Opfern zu sein. Entsprechend enthalten die Ratgeber regelmäßig einen Anhang von Adressen, mittels derer die zur Gewissheit der eigenen Betroffenheit gelangten Leser professionelle Hilfe finden und Kontakt zu anderen Problemopfern aufnehmen können. Systematisch organisiert wird letzteres in [extern] Selbsthilfegruppen. Von ihnen kann der selbstdeklarierte Betroffene nicht nur ein besonderes Interesse an seiner Situation, sondern darüber hinaus auch Mitgefühl und Akzeptanz sicher erwarten.

Die wichtigste Funktion der Selbsthilfegruppen besteht darin, ihren Mitgliedern einen neuen Sinnbezug zu vermitteln. Im Vordergrund steht dabei die gemeinsame Deutung von Symptomen im Sinne der geteilten Problemwahrnehmung. Dabei wird die dem Problem entsprechende Plausibilitätsstruktur der Welt dialogisch hergestellt. Sowohl das eigene Leben, wie auch der Zustand der Gesellschaft erscheinen jetzt unter dem Fokus der Problemdeutung (Wohlfahrt und Breitkopf 1995: 48).

Die Selbsthilfegruppen geben nicht nur Erfahrungen und Handlungsmuster anderer Betroffener weiter, die Subjekte lernen hier auch ganz konkret, was es heißt, Opfer ihres Problems zu sein: In oft Jahre dauernder kognitiv-emotionaler Arbeit wird ein spezifischer Opferhabitus hervorgebracht, zu dem nicht nur gehört, sich wie das wohldefinierte Opfer des betreffenden Problems benehmen zu können, sondern gleichzeitig auch, sich entsprechend zu fühlen.


Solche Emotionen spielen eine kaum zu überschätzende Rolle bei der Annahme, Verifizierung und späteren Ausgestaltung des Opferstatus. Sie beherrschen auch die mediale Darstellung in der vierten Stufe des Opferzyklus, dem Bekenntnis.

4. Bekenntnis

Jedes Zeitalter hat seine eigenen knappen Ressourcen. Aus dem Informationsmangel vergangener Zeiten ist heute Informationsüberfluss geworden, [local] öffentliche Aufmerksamkeit entsprechend zum knappen Gut avanciert. Was aber sollen in einer Gesellschaft, in dem das Maß der öffentliche Aufmerksamkeit eines der wichtigsten Statussymbole ist, Menschen tun, die weder reich und exzentrisch noch schön und berühmt, weder Model noch Schauspieler sind? Soziale Probleme sind heute eine wichtige Form, in der ansonsten chancenlose Individuen gesellschaftliche Aufmerksamkeit einfordern können. Das heißt, der Opferstatus wird für viele Menschen zur Möglichkeit, durch öffentliche Aufmerksamkeit zu sozialer Anerkennung zu gelangen.

Die populärste Form der Selbstdarstellung ist dabei heute - neben Illustriertenberichten, Leserbriefen, Reality-Soaps und WWW-Seiten - sicherlich die Talkshow. Als Betroffene oder Mit-Betroffene eines gerade aktuellen Problems besteht die Chance, in einer der etwa zwölf täglich im deutschen Fernsehen ausgestrahlten [extern] Bekenntnis-Talkshows eingeladen zu werden, um dort über die eigenen Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste öffentlich Auskunft geben zu können. (Vgl. Lönnecker 1996 und Vorderer 1996).

Die Akteure in solchen Talkrunden müssen dabei nicht genötigt werden, ihre Sorgen und ihr Elend offen zu legen und dem Publikum zu präsentieren. Sie kommen vielmehr schon mit dem Vorsatz in die Talkshow, genau dies zu tun. Problemopfer werden also nicht - wie manche Fernsehkritiker behaupten - in ihrem Leiden öffentlich vorgeführt, sondern sie führen sich und ihre Gefühle selbst vor. Dies schließt allerdings nicht aus, dass sich einzelne Gäste [extern] vorgeführt fühlen. Es soll bereits erste Selbsthilfegruppen von Talkshow-Opfern geben.

Der Akt des medialen Bekenntnisses macht auch den zentralen Unterschied in der Rolle des öffentlich verbreiteten Problemwissens zwischen früher und heute deutlich: Dazumal war es die Aufgabe von Problemwissen, dem von den Subjekten bereits empfundenen Leiden einen Namen zu geben, ihnen eine Interpretationsfolie bereit zu stellen, mittels derer sie sich als Opfer eines sozialen Problems ansehen konnten. Dies befreite sie vom Status individuellen Versagens und von Selbstvorwürfen, machte sie zum gleichsam natürlichen Mitglied einer großen Gruppe, deren Mitgliedern dasselbe Leid widerfahren war.

Heute hingegen bringen die Problemdeutungen durch die mediale Zuweisung eines Opferstatus die Empfindungen des Leidens oftmals erst hervor. Hier liegt auch die soziale Bedeutung der (Selbst-)Vorführung von Betroffenen in Bekenntnis-Talkshows: an ihrem Beispiel lernt das potentielle neue Opfer unter den Zuschauern, wie es sich zukünftig zu fühlen hat. Gerade tägliche Talkshow-Praxis liefert deutlich Indizien dafür, dass unsere Gesellschaft heute mit vielfältigen psychosozialen Problemen konfrontiert ist, bei denen den Betroffenen erst demonstriert werden muss, was es heißt Problemopfer zu sein.


Fazit: Die medieninduzierte Opferwerdung verbirgt sich selbst

Entscheidend ist bei dem geschilderten Prozess die erste, von massenmedialen Darstellungen dominierte Phase: hier müssen ganz unterschiedliche Kriterien erfüllt sein, damit überhaupt der Verdacht entstehen kann, man selbst oder ein Angehöriger könnte Opfer eines neuen sozialen Problems sein. Der weitere Verlauf der Opferwerdung folgt dann hingegen stärker einer Art Automatismus: Die intensive kognitiv-emotionale Beschäftigung mit entsprechendem Problemwissen reduziert zunehmend die Wahrscheinlichkeit, alternative Deutungen der jeweiligen Symptome kennen zu lernen und in Erwägung zu ziehen. Der problemorientierte Identifikationsprozess wird für das Subjekt zu einer Einbahnstraße.

So plausibel der beschriebene Ablauf auch sein mag, sind wir gegenwärtig doch mit der Situation konfrontiert, dass sich neben diesem neuen Modus auch noch die klassische Form der ereignis- oder situationsinduzierten Opferwerdung findet, bei der das Wissen über soziale Probleme den Menschen ihr Leiden lediglich erklärt. Die Schwierigkeit liegt insbesondere darin, dass beide Formen bereits heute für alle Beteiligen (einschließlich der analysierenden Experten) ununterscheidbar sind.

Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Massenmedien die Realität der Ereignisse, Zustände und Empfindungen, über die sie berichten, in gewisser Weise zerstören: Indem das Ereignis zur Realität für diejenigen wird, die nicht dabei gewesen sind, verliert es gleichzeitig ein Stück der Realität für die Beteiligten und Betroffenen. Sie selbst und ihre Gefühle werden zum Bestandteil der [extern] Medienrealität. Auf diese Weise führt die mediale Berichterstattung zunehmend auch bei den klassischen, unumstrittenen Problemlagen zum Verschwinden des authentischen Ereignisses. Es wird durch seine mediale Inszenierung ersetzt.

Die Ununterscheidbarkeit gilt dabei nicht nur für wissenschaftliche und andere Beobachter, sondern gerade auch für die Betroffenen selbst. Sie können - insbesondere aufgrund des oben geschilderten rekonstruktiven Charakters von Erinnerungen - nachträglich nicht sagen, wie sie tatsächlich zum Opfer geworden sind. Denn die Erinnerung an die Entstehung des Opferstatus bildet nicht ab, was sich wirklich zugetragen hat, sondern wie es nach dem bekannten Problemwissen gewesen sein muss. Die medieninduzierte Opferwerdung verbirgt sich selbst.

[subtext]Literaturhinweise

[extern] Michael Schetsche
[extern] Christine Plaß

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