"Überlasst Chaoten nicht die Straße!"
Peter V. Brinkemper 26.07.2001
Michel Friedmans verbaler Amoklauf gegen Love Parade und G8-Demonstranten
Jetzt ist es soweit. CDU-Aushängeschild und TV-Talker Michel Friedman beweist, was es heißt, die Öffentlichkeit mit geschliffenen Worten zu erziehen und die Diskussionskultur in Deutschland anzuheben. Im Kölner Express (Mi. 25. Juli 2001) wirft er die Berliner Love Parade und die Gewaltdemonstranten von Genua in einen Topf. Unter der Überschrift: "Überlasst Chaoten nicht die Straße!" Danke, deutscher Michel.
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| Love Parade 2001, Foto: Stefan Krempl |
Dabei fängt alles ganz harmlos an: Friedman befürwortet die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass die Love Parade "keine politische Demonstration" darstelle. Bei der eigenen Bewertung entgleiten dann bereits die nachvollziehbaren Argumente:
Schon hier wird deutlich, dass der exzentrische Konservative mit dem pseudoaristokratischen Auftreten die postmoderne Jugendbewegung und mediale Fun-Kultur überhaupt nicht ernst zu nehmen in der Lage ist. Politik einerseits und Spaß und Vergnügen andererseits haben nichts miteinander zu tun, obwohl ein friedlicher und heiterer Demonstrationsverlauf wie auf der Love Parade nach wie vor nach dem Grundgesetz nicht verboten ist und nach gesamtgesellschaftlichen Maßstäben mehr als wünschenswert, ja vorbildlich wäre, auch für andere Manifestationen und Massenversammlungen, Umzüge und Festveranstaltungen.
Dass die Love Parade eine Demonstration der Demonstrationen, die reflexive Form einer jugend- und zeitgemäßen Kundgebung für individuelle Werte eines singularisierten und medial dynamisierten Politikbegriffs sein könnte, fällt dem wertkonservativen Möchte-Gern-Intellektuellen Michel Friedman nicht ein. Er igelt sich in seine bürgerliche Einöde ein und verschmäht das neue Plebejertum.
Noch peinlicher wird seine Kolumne, wenn im folgenden Abschnitt Dr. Mottes Bezahlung der Berliner Abfallgebühren sogleich mit den Gewaltexzessen anlässlich des G8-Gipfels gleichgeschaltet wird:
Friedmans "Auch" ist pauschal und zur Not ebenso auf Berlin anwendbar. "Chaostage und Gewalttätertourismus" seien ebenso Missbrauch von politischer Meinungsfreiheit wie die friedliche, aber nach Friedman themenlose Love-Parade. Eine derart abschätzige Einstellung gegenüber einer bereits zu Institution gewordenen grenzpolitischen Global-Demonstration wie der Love-Parade verkennt den zukunftsoffenen, erweiterten Politikbegriff dieser Fun-Manifestation, der die Jugend überzeugender einlädt als alle Politparolen, durch ihre eigene schrille, crazy-fizierte Kultur des öffentlichen Auftretens und Feierns, deren Stilistik aus gegebenen Anlässen jederzeit auch thematisch konkretisiert werden könnte: Von Castor, über Gay-Rechte bis hin zur globalen Ökologie und Ökonomie-Kritik. Dies allein schon spricht für Friedmans weltfremde Haltung und für das dümmliche Marketing der derzeitig tiefzerstrittenen Leuna-CDU.
Übrig bleibt nur noch das oberlehrerhafte Getue im Sinne der alten Bonner Republik, die die Chancen der neuen Berliner Republik und des eigenwilligen Wähler-, Protest- und Politik-Absenz-Potentials unter den Jugendlichen noch nicht begriffen hat. Friedman im Original:
Klar, Friedman möchte jene frommen Polit-Prozessionen wieder einführen, die von seinesgleichen gesinnungsgerecht angeführt werden können. Friedman ist der Ansicht, dass nach Umwelt-, Abrüstungs- und Anti-SED kaum "Themen und Menschen" vorhanden seien, "die sich mobilisieren" ließen. Oberlehrer Friedman scheint im Ernst der jungen Generation vorschreiben zu wollen, was seriöse Anliegen und Ziele einer Demonstration seien und wie man sich auf der Straße zu verhalten habe.
Sogar jeder (hoffentlich demokratisch beherzte) Polizeibeamte wäre begeistert, wenn die andere Seite des Gesetzes Wert auf Argumentation auf der Straße legen würde. In Genua sprang der Knüppel sogar in diesem Fall aus dem globofaschistischen Sack. Dabei wäre ein Chaot, der sich vom Diskurs und nicht von Handschellen einfangen ließe, bereits "reintegriert" als Bürger auf dem rechten Pfad der politischen Tugend, der die Idee des zivilen Widerstandes und des friedlichen Arguments begriffen hätte.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Jugend in Genua und in Berlin sich der Zielsetzung und der Inszenierung ihrer Demonstrationen weiterhin im Rahmen von friedlichen, aber auch nach bisherigen Kategorien unbequemen Kundgebungen bewusst bleibt und ihre Idee eines erweiterten, nicht völlig ausformulierten Politikbegriffes weiter propagiert, um im Falle der Zuspitzung von Krisen und Themen den Einfluss und den politischen Druck auf die abgeschotteten Entscheidungsträger der Weltpolitik und die selektive Berichterstattung der Medien zu intensivieren. Und zwar gegen Friedmans Alt-Bonner-Politik-Begriff hinaus.