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Genua: VolxTheater-Kulturkarawane weiter in Haft

Brigitte Zarzer 28.07.2001

Requisiten reichten den italienischen Behörden, um 17 Mitglieder einer österreichischen Aktionstheatergruppe festzuhalten

Am 16. Juni startete eine Gruppe junger Menschen in Österreich die VolxThater-Kulturkarwane, um mit künstlerischen Mitteln auf die Probleme von Migration und Globalisierung aufmerksam zu machen. Nach einer Aktion beim Weltwirtschaftsforum in Salzburg traten sie Fahrt nach Genua an. Auf der Rückreise wurden sie von Carabinieri verhaftet. Vorläufige Endstation für die weiblichen Mitglieder ist die Strafanstalt der Stadt Allessandrina. Die Männer sitzen im Gefängnis von Vogehra. Untersuchungsrichter lehnten den Antrag auf Freilassung ab. Als Beweise für die angebliche Gewalttätigkeit der Schauspieler reichten: beschlagnahmte schwarze T-Shirts, Stadtpläne, nicht funktionsfähige, alte Gasmasken, Stöcke, ....- Requisiten, wie die Gruppe betont. Die konservative, österreichische Außenministerin protestierte nicht, sondern drückte gegenüber ihrem italienischen Amtskollegen "vollstes Vertrauen" in die italienische Justiz aus.

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Schwarze T-Shirts als Beweis?

Die 17 österreichischen Mitglieder der Aktionstheatergruppe [extern] VolxTheater -Kulturkarwane, die Mitglied der [extern] Plattform gegen Rassismus ist, werden weiter in Untersuchungshaft bleiben. Der bunte Kleinbus der Schauspieler war auf der Heimfahrt von Genua, etwa vom 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, vergangenen Sonntag von Carabinieri gestoppt worden. Dabei beschlagnahmten die Sicherheitskräfte Keulen, Flaschen, Gasmasken, funktionsuntüchtige Funkgeräte, schwarze T-Shirts und Stadtpläne, die jetzt als Beweise für eine angebliche Involvierung in die gewalttätigen Ausschreitungen beim G8-Gipfel vorgelegt wurden. Die Vorwürfe der italienischen Behörden lauten: Sachbeschädigung, Plünderung sowie Verbindung zu einer kriminellen Organisation. Diese Tatbestände werden nach italienischem Recht mit bis zu acht Jahren Freiheitsentzug geahndet.

Die Ermittlungsbehörden begründen ihr Vorgehen offensichtlich primär auf den gefundenen Stadtplänen. Darauf wären Punkte eingezeichnet gewesen, die Treffpunkte des "Schwarzen Blocks" in Genua markierten. Indes betonte ein in Österreich verbliebener Sprecher der Aktivistengruppe, dass es keine organisatorischen Berührungspunkte mit Exponenten des "Black Blocks" gebe.

Theater-Kampagne "no border, no nation"

Die VolxTheater-Kampagne "no border, no nation, no one is illegal" startete Ende Juni an der österreichisch-ungarischen Grenze. Ziel der Aktionen ist es, laut Regisseurin Nicole Delle Karth, "Grenzen abzubauen, nicht nur Reisegrenzen und Niederlassungsgrenzen, sondern auch die Grenzen in den Köpfen der Menschen". Um die Probleme der Migration in der heutigen globalisierten Welt zu thematisieren, greife man zu künstlerischen Mitteln. Dramaturgien, Konzepte entwickeln sich dabei oft spontan. In Genua hat man beispielsweise die "Arche Genova" gebastelt und zum paarweisen Eintreten aufgefordert. Diesen Sommer machte die Karawane bereits in verschiedenen Orten an der slowenischen Grenze [extern] Halt.

Österreichs Polizei bestätigt VolxTheater Harmlosigkeit

Den österreichischen Sicherheitskräften fielen sie beim Weltwirtschaftsforum in Salzburg Anfang Juli auf. Interessant ist das damals vom Österreichischen Fernsehen aufgezeichnete Interview mit dem Chef der von den Demonstranten gefürchteten Sondereinheit WEGA. Der Exekutivbeamte bestätigte damals die Harmlosigkeit der Aktionisten. Im O-Ton: "Als ich gesehen habe, dass die Theater spielen, teilweise auch mit Kindern, habe ich sofort meine Leute abgezogen" Recherchen des [extern] ORF haben jetzt ergeben, dass die Gruppe nicht als gefährlich von den österreichischen Behörden eingestuft werde. Auch stände sie nicht unter besonderer Beobachtung. Einzelne Mitglieder kämen allerdings aus der Wiener Hausbesetzerszene.

Die konservative, österreichische Außenministerin Benita Ferrero-Waldner [extern] betonte allerdings gerade diesen Aspekt anlässlich eines offiziellen [extern] Besuches des italienischen Amtskollegen Renato Ruggerio gestern Freitag in Wien. Sie sprach der italienischen Justiz ihr "vollstes Vertrauen" aus und protestierte nicht gegen die Inhaftierung, wie dies andere Regierungen, beispielsweise Deutschland und Griechenland, anlässlich der Verhaftungen von Demonstranten in Genua getan hatten.

Ferrero-Waldners Aussagen bei einer Pressekonferenz empören indes die österreichische Opposition sowie Organisationen der Globalisierungskritiker. Insbesondere der von der Ministerin angestellte Vergleich von VolxTheater mit Bankräubern, die mit Plastikpistolen einen Überfall auf ein Geldinstitut vollziehen und sich deshalb über Konsequenzen nicht wundern dürften, sorgt für Aufregung. In einer Aussendung der Globalisierungskritiker ATTAC heißt es diesbezüglich: "Uns ist kein Grundrecht auf Bankraub bekannt. Sehr wohl jedoch ein Grundrecht auf Demonstrations- und Meinungsfreiheit sowie das Recht auf ein faires Verfahren. Die Aussagen Ferrero-Waldners sind geradezu eine Aufforderung, den 17 den Prozess zu machen - und das wider besseres Wissen."

Tourtagebuch zu Genua

Was sich in Genua nun genau abgespielt hat, ist noch nicht eindeutig zu klären. Auf der Webpage der Aktionisten findet sich allerdings ein Eintrag im [extern] Tourtagebuch, der von Durchsuchungen des Wagens durch die italienische Polizei bereits kurz nach der Einreise berichtet. Der Bus wurde offensichtlich auf Waffen durchsucht. Laut VolxTheater nahmen die etwa 20 bis 30 Polizisten die Daten der Schauspieler auf und verglichen sie mit "Schwarzen Listen". Dann zogen sie wieder ab. Waffen waren keine gefunden worden.

Wie die Gruppe später bemerkte, waren allerdings Springbälle konfisziert worden, wobei die Aktivisten, nicht so recht nachvollziehen konnten, weshalb diese gefährlich sein sollten. Zu den übrigen bei der späteren Verhaftung beschlagnahmten "Beweismittel" [extern] meinte eine Mitorganisatorin der Karawane, dass es sich bei den angeblichen Waffen, die im Bus gefunden wurden, um Gebrauchsgegenstände handle. Die gefunden "Gasmasken" seien Staubmasken, bei den Keulen handle es sich um Jonglierkeulen, schwarze T-Shirts seien ihres Wissens nach nicht verboten. Außerdem erklärte Delle Karth: "Die VolxTheaterkarawane wurde während ihrer Tournee öfters von der Polizei kontrolliert und war den Behörden als Theaterprojekt bekannt." Den letzten Beitrag, ein Video über den Auftritt in Genua, spielte die Gruppe am 19. Juli auf ihre Homepage ein. Dann war Sendepause.

Kein Protest der rechtskonservative Regierung Österreichs

Inzwischen besuchte der in Italien stationierte österreichische Konsul die Inhaftierten. In einem Radiointerview meinte er noch Donnerstag morgen, dass er den Eindruck gewonnen habe, die Aktivisten seien unschuldig in die Mühlen der Justiz geraten. Der Anwalt der VolxTheater-Mitglieder, meinte ebenfalls, dass die gefunden Gegenstände überwiegend wohl kaum als stichhaltige "Beweise" gelten könnten. Dennoch wird weiter untersucht.

Außenminister Ruggerio betonte bei seinem Besuch in Wien, man hoffe nachweisen zu können, dass die Gewalttätigkeiten beim G8-Gipfel in Genua von militanten Demonstranten ausgegangen wäre. Mit den friedlichen Globalisierungsgegnern solle man allerdings in Dialog treten. Ruggerio [extern] kritisierte außerdem die italienische Opposition und die Medien.

Von der Exponentin der rechtskonservativen Regierung war kein kritisches Wort zu hören. Sie forderte Italien auch nicht auf, die inhaftierten Österreicher freizulassen. Inzwischen hat sich allerdings eine breite Front aus Künstlern und Globalisierungskritikern für die VolxTheater-Gruppe gebildet. Politische Unterstützung kommt von den österreichischen Grünen. Über die weitere Entwicklung kann lediglich spekuliert werden. Informationen zu dem Verbleib der restlichen acht Gruppenmitglieder nichtösterreichischer Herkunft (Slowenen, Australier und Amerikaner) liegen nicht vor.

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