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RoboCupgespräche I: Software-Agenten entdecken den Doppelpass

RoboCupgespräche II: Roboter und Menschen sind keine Konkurrenten

__magazin__

Warum eine Matrix bauen?

Und warum Sie sich in einer befinden könnten

Roboterfußball ist Grundlagenforschung

Hans-Arthur Marsiske 01.08.2001

Gespräch mit Bernhard Nebel, Professor für Grundlagen der Künstlichen Intelligenz an der Universität Freiburg

Die Middle Size League gilt derzeit als die "Königsliga" beim [extern] RoboCup, weil hier an die einzelnen Roboter die komplexesten Anforderungen gestellt werden. Sie müssen alles können: Mit ihren eigenen Kameras und Sensoren orten sie den Ball und die übrigen Spieler und bestimmen ihre eigene Position auf dem Spielfeld. All diese Daten müssen blitzschnell in sinnvolle Aktionen umgesetzt werden: Ist es sinnvoller, zum Ball zu fahren, das eigene Tor zu decken oder sich frei zu spielen?

Zweimal, 1998 in Paris und 2000 in Melbourne, lösten die Roboter von [extern] CS Freiburg (CS steht für "Computer Science") diese Aufgaben am besten. Sie gelten auch bei der Weltmeisterschaft in Seattle wieder als Favoriten. Bernhard Nebel, Professor für Grundlagen der Künstlichen Intelligenz an der Universität Freiburg und Leiter des Teams bleibt dennoch gelassen: "Wenn man einmal verloren hat und sieht, dass die Welt nicht zusammenbricht, ist der Druck ziemlich raus."

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Herr Nebel, welches ist die dramatischste Situation aus einem realen, menschlichen Fußballspiel, an die Sie sich erinnern können?

Bernhard Nebel: Das war ein Elfmeterschießen bei einer Europameisterschaft. Da hat ein Spieler daneben geschossen und ich konnte gut nachvollziehen, wie er in dem Moment wohl am liebsten im Erdboden versunken wäre.

Gibt es vom RoboCup eine vergleichbare Erinnerung?

Bernhard Nebel: Ja, das Halbfinalspiel Italien gegen Freiburg bei der Weltmeisterschaft 1999 in Stockholm. Da hat unser Roboter beim Elfmeterschießen ebenfalls kläglich versagt.

Ja, das war hochdramatisch. Aber Sie haben doch erst nach der Technical Challenge verloren, bei der die Zeit gemessen wird, die ein Spieler braucht, um den Ball herum zu fahren und ihn ins Tor zu kicken?

Bernhard Nebel: Die Technical Challenge wäre aber gar nicht nötig gewesen, wenn unser Spieler von den fünf Strafstößen nicht vier vergeigt hätte. Im Spiel selbst hatte es auch schon einige klare Torchancen gegeben. Die Technical Challenge, bei der es um hundertstel Sekunden ging, hat dem Ganzen dann noch die Krone aufgesetzt. Bei dem Spiel war ich ganz schön in Schweiß gebadet.

In Stockholm hat dann am Ende das Team Sharif aus dem Iran den Weltmeistertitel gewonnen. War das für Sie eine Überraschung?

Bernhard Nebel: Ich hatte sie natürlich spielen gesehen und wusste, dass sie gut waren. Aber dass sie sich im Endspiel dann auch gegen Italien durchsetzen konnten, war schon eine Überraschung.

Das iranische Team konnte damit auch zeigen, dass es beim RoboCup nicht unbedingt auf teure Technik ankommt. Aber wird das so bleiben? Wie wichtig ist die finanzielle Ausstattung der Teams?

Bernhard Nebel: Es hilft natürlich immer, wenn man Geld hat. Aber es muss schon noch etwas dazu kommen. Die Iraner hatten eine sehr clevere Idee beim mechanischen Design gehabt, die ihre Roboter sehr beweglich macht. Ganz ähnlich war es im vergangenen Jahr mit dem italienischen "Golem"-Team, das die Roboter ebenfalls selbst konstruiert und mit omnidirektionalen Rädern und Sensoren ausgestattet hatte. Damit haben sie es auf Anhieb zur Vizeweltmeisterschaft geschafft.

Könnte der RoboCup sich zunehmend auch zu einem Wettbewerb um Sponsoren entwickeln? Ich habe schon Klagen von Teilnehmern gehört, die sagten, dass sie von ihrer Manpower und materiellen Ausstattung her nicht mehr mithalten könnten.

Bernhard Nebel: Eine Rolle spielt das auf jeden Fall. Wir werden von der Firma SICK AG unterstützt, die mittlerweile auch Mitträger der Mannschaft geworden ist. Die Unterstützung erfolgt aber weniger in Geldform, sondern durch Dinge, die man gar nicht bezahlen kann, wie etwa die Nutzung von deren Werkstatt. Informatik-Institute verfügen ja in der Regel über keine eigenen Werkstätten. Das ist schon eine große Hilfe.

Die RoboCup German Open Anfang Juni in Paderborn waren optisch vor allem durch das ungefähr 40-köpfige Team aus Uppsala geprägt. Um teilnehmen zu können, hatten die Studenten sich selbst um Sponsoren bemüht und trugen alle das gleiche blau-gelbe Trikot mit deren Logos.

Bernhard Nebel: Das Geld für die Studentenreisen ist immer noch relativ einfach aufzutreiben. Wir werden da unter anderem von der Medien und Filmgesellschaft Baden Württemberg (MFG) unterstützt.

Haben die German Open Ihnen bei der Vorbereitung der WM geholfen?

Bernhard Nebel: Ja, das war sehr schön. Wir haben ein paar Basisfehler beheben können und konnten sehen, wo wir stehen.

Sie haben sich im Verlauf der drei Turniertage enorm gesteigert.

Bernhard Nebel: Wir hatten zuvor unsere gesamte Hardware erneuert und die Software entsprechend anpassen müssen. Dadurch gab es zu Beginn des Turniers noch einige Probleme, zum Beispiel bei der Bilderkennung. Da stimmte etwas nicht bei der Vergabe der Zeitstempel, sodass die Roboter den Ball dann immer an einer Stelle sahen, wo er eine Minute zuvor gelegen hatte. Nachdem wir das behoben hatten, lief das Spiel natürlich viel besser.

Haben Sie nach dem Turnier noch viel verändert?

Bernhard Nebel: Wir sind noch einmal in die Tiefen hinabgestiegen und haben eine Softwareschicht herausgenommen, die immer etwas unzuverlässig war. Die Motor Controller werden jetzt direkt angesteuert, dadurch können unsere Spieler flüssiger fahren und schneller reagieren.

Das Tempo wird immer wichtiger?

Bernhard Nebel: Im Verlauf der letzten drei Jahre haben wir uns ganz gut gesteigert. In Paris 1998 lagen wir noch bei maximal 80 Zentimeter pro Sekunde, jetzt fahren wir etwa doppelt so schnell.

Was halten Sie von der Idee, mit den kleinen Robotern der Small Size League aufs große Spielfeld zu gehen?

Bernhard Nebel: Das ist interessant. Auf den derzeitigen Feldern stehen sich die Spieler ja oft gegenseitig im Weg. Ob das allerdings in nächster Zeit über bloße Demonstrationsspiele hinausgehen kann, bezweifle ich. Bei elf Spielern pro Team würde sich ein großer Wartungsaufwand ergeben. Es fällt ja immer irgend etwas aus, so dass man wahrscheinlich ständig zwei oder drei Roboter hätte, die man am Spielfeldrand behandeln muss. Die Zuverlässigkeit der Hardware lässt noch zu wünschen übrig.

Sie sind auch Leiter der parallel zum RoboCup stattfindenden International Joint Conference on Artificial Intelligence (IJCAI). Können Sie da Schwerpunkte der gegenwärtigen Forschungen zur Künstlichen Intelligenz erkennen?

Bernhard Nebel: Dies ist ja die allgemeine KI-Konferenz, daneben gibt es eine ganze Menge spezialisierter Konferenzen, die sich auf bestimmte Themen wie Bildverarbeitung, Data Mining, Robotik oder natürliche Sprache konzentrieren. Von all diesen Spezialkonferenzen haben wir Vertreter eingeladen, um zu erfahren, was in den einzelnen Fachgebieten gerade Spitzenforschung ist. Dabei zeigt sich unter anderem, dass Multiagentensysteme, also kooperierende intelligente Computerprogramme, gerade ein sehr beliebtes und rasch wachsendes Forschungsgebiet sind.

In der Studie eines Marktforschungsinstituts wird dem Bereich "mobile Roboter" ein enormes Wachstumspotenzial prognostiziert. Bis zum Jahr 2005 sollen demnach weltweit über 800.000 mobile Roboter im Wert von mehreren Milliarden Dollar installiert werden.

Bernhard Nebel: Warten wir's mal ab. Man weiß nie, durch welche Interessen solche Studien motiviert sind.

Die konkreten Zahlen müssen uns hier auch nicht interessieren. Aber gibt es zwischen mobiler Robotik und Multiagentensystemen, zu denen jetzt viel geforscht wird, nicht enge Verbindungen?

Bernhard Nebel: Seltsamerweise nicht. Die Leute aus der Multirobotik, die sich mit Roboterteams beschäftigen, reden kaum mit den Multiagentenforschern. Das hat auch damit zu tun, dass in beiden Feldern derzeit noch unterschiedliche Probleme im Mittelpunkt stehen. Die Robotiker haben eher mit Fragen der Sensorik, der Selbstlokalisierung oder Exploration zu tun, typischen Robotikproblemen also, die wiederum die Multiagentenleute nicht so sehr interessieren. Die beschäftigen sich eher mit Interaktionsmöglichkeiten, mit Auktionen und der Verteilung von Aufgaben und so weiter. Aber es gibt natürlich auch Überschneidungen.

Ist das beim RoboCup ähnlich? Sind Simulationsliga und Hardwareligen eher isoliert von einander?

Bernhard Nebel: Ja, da passiert nicht so viel. Gelegentlich kommt es mal zu wechselseitigen Anregungen. So benutzen wir in unseren Robotern die Aktionsauswahlkomponente, die ein Freiburger Kollege für das Simulations-Team "Magma Freiburg" entwickelt hat, den Vizeweltmeister von 1999. Bei der Carnegie Mellon University gab es ähnliche Überschneidungen zwischen den Teams der Simulationsliga und der Small Size League. Aber das sind Ausnahmen.

Das Fernziel des RoboCup, der Gewinn der Fußball-WM in 50 Jahren, scheint von vielen nicht besonders ernst genommen zu werden. Kann das damit zusammenhängen, dass es ein Ziel ist, das in erster Linie dem Vergnügen dient?

Bernhard Nebel: Ich denke, das liegt eher daran, dass es noch so weit entfernt ist. Es wirkt auf den ersten Blick auch vermessen, mit humanoiden Robotern die Fußball-WM gewinnen zu wollen. Wenn man sich aber die rasante Entwicklung der Computer über die letzten 50 Jahre anschaut, rückt es schon eher in den Bereich des Vorstellbaren.

Bei den German Open sollen Vertreter des Philips-Konzerns unter den Zuschauern gewesen sein, die überlegen, sich mit einem eigenen Team zu beteiligen. Könnten Universitäts-Teams überhaupt noch mithalten, wenn die Industrie mit eigenen Mannschaften beim RoboCup einsteigt?

Bernhard Nebel: . Auch außeruniversitäre Forschungsinstitute kochen nur mit Wasser und es macht auch gegenwärtig kaum Sinn beliebig viel Geld in ein Team zu stecken. Mit 200.000 Mark sind die Kosten für den Aufbau einer Robotermannschaft ganz gut beziffert. Allerdings muss man die Roboter natürlich nach einigen Jahren runderneuern. Das haben wir gerade getan. Von den alten Modellen sind nur die Gehäuse, die Räder und die Laserscanner übrig geblieben. Ansonsten haben wir neue Motoren, neue Elektronik, neue Laptops, neue Kameras. Schließlich sind die Motivation und der Arbeitseinsatz der Entwicklermannschaft noch viel wichtiger als Geld und Material. Dazu kommen dann noch die Konzepte, die einen qualitativen Vorsprung bringen.

Ist der RoboCup für Sie reine Grundlagenforschung? Oder gibt es Verbindungen zu anderen Forschungsfeldern?

Bernhard Nebel: Im Wesentlichen ist das Grundlagenforschung. Über eine Dissertation, die ich betreue, gibt es jetzt aber auch einen Kontakt zu Siemens. Da geht es darum, Gruppen von Reinigungsrobotern zu steuern. Die Probleme, die dabei zu lösen sind, sind mit denen beim Roboterfußball zwar nicht identisch, aber doch so ähnlich, dass man sich davon inspirieren lassen kann.

Aus früheren Gesprächen habe ich den Eindruck, dass Ihre Kinder für Sie auch eine Inspirationsquelle sind. Spielen Sie mit denen manchmal Fußball oder sind sie dazu noch nicht alt genug?

Bernhard Nebel: Doch, mein Sohn ist sechs, meine Tochter neun Jahre alt. Die will jetzt zusammen mit den Mädchen in ihrer Klasse ein Fußballteam aufstellen. Es ist schon sehr beeindruckend zu beobachten, wie kleine, hilflose Babys rasch lernen, die Welt um sich herum zu begreifen und sich in ihr zu orientieren.

Wie wäre es für Sie, wenn Ihre Kinder lieber mit einem Roboter Fußball spielten als mit Ihnen?

Bernhard Nebel: (lacht) Ich glaube, das ist jetzt schon so. Wenn die Kinder mich an der Uni besuchen, schießen sie jedenfalls gerne aufs Robotertor. Die Roboter sind allemal beeindruckender als der Papa.

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