Die Zahlen, die Angst machen
Nathalie Roller 14.08.2001
Frankreich wird vom Virus der Unsicherheit heimgesucht, das Böse haust vor allem in den Vorstädten
L' insécurité – Unsicherheit. Wer zur Zeit in Frankreich das Radio aufdreht, das TV-Gerät einschaltet oder Zeitungen liest, wird kaum diesem Begriff entkommen können. Selbst hochseriöse Tageszeitungen wie Le Monde haben sich vom Unsicherheitsvirus anstecken lassen und widmen dem Modethema am Internet gleich eine ganze Sonderausgabe:
L'enjeu de l' insécurité - frei übersetzt: die Sicherheit steht auf dem Spiel. Die mitten im Sommer veröffentlichten Kriminalitätsstatistiken des Innenministeriums – man hatte wohl gehofft, sonnenbadende Franzosen hätten besseres zu tun, als sich Zahlen anzusehen - liefern der Heerschar von selbsternannten Sicherheitsexperten neuen Zündstoff. Nimmt man allerdings die Zahlen etwas genauer unter die Lupe, bleibt wenig übrig von der angeblich um sich greifenden Unsicherheit.
Das Gros der für das erste Halbjahr 2001 gemessenen Zunahme von 9,58% der kriminellen Aktivitäten wird laut
Innenministerium von Diebstählen ausgemacht: 63%, um genau zu sein. Dabei handelt es sich meist um mittlere und kleinere Diebstähle, wie bspw. Handys, die offenbar derart begehrt sind, dass man dafür sogar den Gang vors Tribunal riskiert. Dass allerdings schwere Delikte wie Mord sich weiterhin in einer abnehmenden Tendenz befinden, das wurde in den letzten Tagen von den Massenmedien geflissentlich übergangen. Eine Zahl mit einem Minus davor entsprach wohl nicht dem derzeit so rege betriebenen Sicherheitsdiskurs.
Nur wenige bewahren einen kühlen Kopf und weisen darauf hin, dass Statistiken eine ganze Menge an Paradoxa aufzuweisen haben, wie der Soziologe Dominique Monjardet. Die Zahlen würden in Wirklichkeit nur die Effizienz der Polizeiarbeit messen. Je höher die Prozentzahlen in den Statistiken, desto besser wurde gearbeitet. Außerdem verfüge man jetzt über einen besser mobilisierten Polizeiapparat und mehr Vertrauen in der Bevölkerung, was sich zwangsweise in der Zunahme von Anzeigen spiegeln müsse, beeilt sich das Innenministerium in seiner Aussendung zu betonen.
Doch wer zur Zeit öffentlich versucht, das Thema Unsicherheit nüchtern zu betrachten oder gar abzuwiegeln, handelt sich zwangsweise die Häme der konservativen Opposition und der Boulevardpresse ein. Nicht nur in Frankreich versucht sich die europäische Rechte in Sicherheitsfragen zu profilieren und den regierenden Sozialisten zuviel Nachgiebigkeit im Umgang mit "Kriminellen" zu unterstellen: auch Tony Blair oder Gerhard Schröder lassen und ließen sich vom bürgerlichen Lager vor den Sicherheitskarren spannen. In neun Monaten wird in Frankreich der Staatspräsident und das Parlament gewählt. Wahlgekämpft wird weniger mit dem klassischen Thema Arbeitslosigkeit als mit der Sicherheit. Daher wundert es nicht weiter, wenn der sozialistische Innenminister Daniel Vaillant härtere Maßnahmen und "eine blaue Welle" - gemeint sind Polizeiuniformen – in den Vorstädten verspricht.
Das Böse haust in der Vorstadt
Denn darum geht es in der ganzen Sicherheitsdebatte eigentlich: um die sogenannten "sensiblen Zonen" in der urbanen Peripherie, die von den Bürgermeistern in den Lokalen Verträgen für die Sicherheit (Contrats locaux de sécurité) bestimmt und dann mit erhöhter staatlicher Aufmerksamkeit zwangsbeglückt werden. Wie beispielsweise die kürzlich verhängten nächtlichen Ausgangssperre für unter 13-Jährige in Orleans, Nizza und Cannes.
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Für die sensiblen Zonen wurde sogar eine neue Polizeitruppe geschaffen: la police de proximité, die Nahbereichspolizei. Einerseits soll die verunsicherte Bevölkerung durch die erhöhte Polizeipräsenz beruhigt werden, andererseits soll ein besserer Kontakt zwischen Bewohnern und Polizeiapparat gewährleistet werden. In der Regel arbeitslose Jugendliche – die sensiblen Zonen glänzen weniger durch erhöhte Unsicherheit, denn durch erhöhte Jugendarbeitslosigkeit – lassen sich Crashkurse im freundlichen Umgang mit der Polizei erteilen - auf dass weitere Zwischenfälle zwischen verschreckten Polizisten und ebenso verschreckten Jugendlichen vermieden werden, auch wenn sich derlei in den Abendschlagzeilen der TV-Nachrichten immer gut ausmacht. So mancher Politiker ließ sich schon mediengerecht dazu hinreißen, Frankreichs "Problemzonen" mit der Bronx (ein ehemaliger Innenminister) oder dem Klassiker aller Sicherheitsapostel, Chicago, zu vergleichen.
Loïc Wacquant, französischer Soziologieprofessor in Berkeley, warnt davor, die Satellitenstädte durch unzulässige Vergleiche mit "amerikanischen Zuständen" zum Mittelpunkt medialer Aufmerksamkeit hoch zu stilisieren: in einem
Artikel für die Zeitschrift Le Monde Diplomatique weist Wacquant darauf hin, dass sich der französische Sozialstaat – im Gegensatz zum amerikanischen - nicht von den Problemen der arbeitslosen Jugendlichen in den Vorstädten abgewendet hätte, auch wenn die staatlichen Mühlen manchmal langsam mahlen würden. Das sprungartig angestiegene Interesse der Medien für die sensiblen Zonen ist für ihn leicht erklärt:
Die Schlagzeilen werden quasi frei Haus geliefert, man braucht sich bloß noch in ein Taxi oder in die Metro zu setzen, um die urbane Misere zu filmen. Und dem Fernsehzuschauer laufen beim allabendlichen Nachrichtenritual wohlige Schauer über den Rücken.
Auch Staatspräsident Jacques Chirac scheint das Prinzip, wie man wertvolle Aufmerksamkeit mit den Themen Unsicherheit, Jugendliche und Vorstädte erregt, nur allzu gut verstanden zu haben: in seiner traditionellen Fernsehansprache zum Staatfeiertag am 14. Juli, verlangte er eine "Zero-Tolerance-Politik", da die Justiz die sturmflutartig zunehmende Delinquenz - vor allem hätte man es mit jugendlichen Straftätern zu tun - nicht entsprechend beantworte. Zu viele gingen straffrei aus. Die Situation sei unerträglich geworden.
Zero Tolerance
Erfolgreich von einem NewYorker Bürgermeister in der Hitze des Gefechts gegen das Böse eingeführt, bedeutet dieses Schlagwort amerikanischer Sicherheitspolitik nichts anderes, als dass nach dem dritten Delikt – wie klein es auch gewesen sein mag – eine Gefängnisstrafe abzusitzen ist. Seitdem hat diese schlagzeilenträchtige Wortkombination ihren Siegeszug um die Welt angetreten, ist sozusagen "globalisiert" worden. In der französischen Version zu "tolérance zero" geworden, feierte kürzlich ein aufrechter französischer Richter genau mit diesem Titel Bestsellererfolge. Untertitel: Schluss mit der Kriminalität und der urbanen Gewalt! (Georges Fenech: "Tolérance Zero") Der Mann steht übrigens zur Zeit wegen Missbrauchs von Staatsgeldern vor Gericht.
Starsoziologe
Pierre Bourdieu hat gemeinsam mit Loïc Wacquant versucht, diesen neuen internationalen Schlagworten, wie "Globalisierung", "Flexibilität", "Shareholder-Value" oder eben "Zero Tolerance" auf den Grund zu gehen. Begriffe wie Kapitalismus, Klasse oder Ausbeutung hingegen glänzten durch ihre Abwesenheit, weil sie angeblich obsolet geworden seien. In ihrem Text
Neoliberal Newspeak: notes on the new planetary vulgate bezeichnen die beiden Soziologen diese Modeworte als klassische Gemeinplätze, mit denen zwar gerne argumentiert werde, aber über die selbst niemals argumentiert werde. Sie seien Ausdruck "eines neuen Typus von Imperialismus, der so erfolgreich ist, weil er nicht nur von den Partisanen des Neoliberalismus propagiert wird, sondern auch (...) von Forschern, Autoren, Künstlern und linken Aktivisten, die noch immer glauben, sie seien progressiv (...)". Es handle sich um eine Form von erzwungener Kommunikation. Durch die permanente Wiederholung über alle verfügbaren Kommunikationskanäle werde neoliberales Gedankengut über den ganzen Globus verbreitet. Die Analyse von Strukturen werde durch Populismus ersetzt.
In einem weiteren
Text für den Monde Diplomatique über die "Essenz des Neoliberalismus" geht Bourdieu noch einen Schritt weiter: Gerade die soziale wie physische Unsicherheit, Leid und Stress, die ständig drohende Arbeitslosigkeit beim gleichzeitigen Vorhandensein von "Ersatzkräften" sorgten auf allen Hierarchieebenen für geflissentliche Pflichterfüllung in der Firma und Gesellschaft. Das Gefühl von Unsicherheit, das sich derzeit in den westlichen Gesellschaften wie eine Epidemie auszubreiten scheint, lässt sich also wunderbar instrumentalisieren. Und sich wunderbar medial vermarkten. Was vielleicht nicht ohne Folgen bleibt.
Self-fulfilling Prophecies?
Denn schon seit einiger Zeit versuchen französische Sozialarbeiter darauf aufmerksam zu machen, dass es für Jugendliche aus der falschen Gegend, jenen Gegenden also, die immer wieder als Problemzonen im medialen Rampenlicht stehen, zunehmend schwieriger wird, einen Job zu finden. Gewisse Wohnadressen, wie etwa die nördliche Peripherie von Paris, machen sich auf einem Lebenslauf gar nicht gut aus.
Und wer sich mit dem Gedanken trägt, ein Mofa zu stehlen, sollte dies lieber im Stadtzentrum tun, denn wer in einem als sensibel eingestuften Viertel bei frischer Tat ertappt wird, hat höhere Chancen ein Gefängnis von innen zu sehen, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie zur Rechtssprechung in Frankreich verdeutlichte.
Selbst Premier Jospin gab kürzlich in einer öffentlichen Rede zu, dass man Gewalt, die von Jugendlichen käme anders wahrnehme als z.B. die von den verärgerten Bauern, die letztes Jahr das Büro der Umweltministerin zerstört hatten. Und verspricht derweilen ein neues und genaueres Messinstrument für die Kriminalitätsstatistiken.
Loïs Wacquant befürchtet, dass dieser Tunnelblick der französischen Gesellschaft und sein mediales Echo, das den Jugendlichen aus den Satellitenstädten ständig einhämmert, sie seien einerseits gefährlich und andererseits diskriminiert, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden könnte: