Die Immortalitäts-Technosophie des Transhumanismus
Hubert Mania 19.08.2001
Es muss nicht immer Gentechnik sein
Das Menschenbild des Transhumanismus (TH) stützt sich auf eine naturwissenschaftlich geprägte und auf Vernunft gegründete Definition von Homo sapiens<Font Size=-1>2 mit dem ausdrücklichen Anliegen, den anatomischen Status Quo mit Hilfe von Wissenschaft und Technik verbessern zu wollen. Religiöse und esoterische Einflüsse lehnt der TH ab. Der Transhumanismus ist also keine neue Heilslehre oder Erlösungsphilosophie, sondern eine junge, säkulare Immortalitäts-Technosophie. Ihr visionärer Ideenfluss wird aus naturwissenschaftlichen Quellen und deren technischen Anwendungen gespeist. So ist beispielsweise der PC eine Anwendung der Quantentheorie, die die Bewegungen von Elektronen aufs Genaueste erklärt. Und die explodierende Leistungsfähigkeit des Computers inspiriert augenblicklich transhumanistische Visionen von der Digitalisierung des menschlichen Bewusstseins, was zu individueller relativer Unsterblichkeit führen könnte. Ein ernsthafter Transhumanist ist deshalb daran interessiert, seine Ideale auf der Goldwaage der Falsifikation steigen oder fallen zu sehen. Eine mit dieser Verpflichtung zu positivistischer Wahrhaftigkeit ausgestattete Technosophie sollte eine angemessene Rahmentheorie für die schrittweise Abschaffung des Todes und die Verwirklichung persönlicher Unsterblichkeit sein.
Ein Gespenst geht um auf dem Planeten . . . sein Name ist Immortalitätsphobie - die Angst vor einem relativ ewigen Leben. Je schneller sich die TH-Gedanken nun auch in
Deutschland ausbreiten, umso mehr Menschen bekennen sich zur ihnen vertrauten Todesergebenheit, halten den Tod also für unüberwindlich oder gar sinnvoll. Noch drohen ihre Hirnschaltkreise durchzubrennen, wenn sie mit ewigem Leben VOR dem Tode konfrontiert werden. In ihrer Todesergebenheit bündeln sich all die Eigenschaften für ein fremdbestimmtes, entropielastiges Leben: Demut, Fatalismus, Akzeptanz des sogenannten Schicksals und das klaglose Ertragen von Krankheit, Alter, Schmerz und Tod. Transhumanisten mögen sich noch so sehr in den Einzelheiten ihrer Vorstellungen und Ziele voneinander unterscheiden. Eines aber verbindet sie alle: Sie haben die Todesergebenheit aus ihrem Leben verbannt und halten es für möglich, dass der Tod besiegt werden kann.
Das Erbe von Aufklärung und Humanismus
Die Berufung mancher TH-Kritiker auf die Eminenzen minimalmoralischer Sprachabstraktanzen zwecks ethisch hochwertiger Ausdeutung transhumanistischer Ambitionen ist zum Scheitern verurteilt. Was sollten Adorno und Horkheimer samt ihrer unkuhlen Mixtur aus Hegel, Marx und Freud zu den Herausforderungen von heute schon noch zu sagen haben? Wollte etwa ein Physikstudent des Jahres 2001 bei Isaac Newtons Prismaversuchen nachschlagen, um herauszufinden, was es mit der Quantenchromodynamik der Quarks oder der elfdimensionalen Stringtheorie auf sich habe, käme er zu ähnlich absurden Resultaten.
Die intellektuellen Instrumente und Techniken von gestern und vorgestern können höchstens noch von musealem Wert sein und uns den beschränkten Stand des Wissens jener Zeiten vorführen. So mag z. B. Kant ein genialer Senfsoßenanrührer gewesen sein, doch taugen seine obskuren Sprachwirrnise höchstens noch als Anschauungsmaterial für maximale Kommunikabilitätsdesaster. Zur individuellen Bewusstseinskontinuität über den Tod des Primatenkörpers hinaus kann uns der sympathische Laberfranz aus Königsberg nicht einen einzigen heißen Tipp geben.
Bleibt als Essenz von Aufklärung und Humanismus die Kindergartenversion von Kants Kategorischem Imperativ übrig: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu." Kants Imperativ und die Win/Win-Strategie der Spieltheorie sind letztlich die säkularen, von Aberglauben und religiösem Wahn befreiten Varianten des heiklen LDN-WDS-Axioms ("Liebe Deinen Nächsten-Wie Dich Selbst"), das der unglücklich geendete Jesus formuliert haben soll - wobei die WDS-Konstituente am schwersten zu verwirklichen ist. Ein Transhumanist hat - je nach Temperament und Sozialisation - die Wahl, welche dieser drei Versionen er als moralisches Passepartout und humanistisches Erbe für seine diamantene Technosophie bevorzugt.
Der Transhumanist als KybOrg
Der TH ist also die vermutlich erste weltliche Aufbrezelungstheorie für das Körper-Geist-Kontinuum namens Homo sapiens<Font Size=-1>2. Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu diesem Ziel ist der Neurotransistor als Voraussetzung für eine gut funktionierende Kommunikation zwischen Nervenzelle und Mikroelektronik. Die sogenannte
Neuron-Silizium-Kopplung ist längst gelungen, erstmals übrigens am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried.
Selbstverständlich muss noch an einer größeren Bandbreite mit verlässlichem bidirektionalen Informationsaustausch gearbeitet werden. Doch ist bereits heute im Bereich der "bewusstseinsfähigen" Neuroprothesen für Menschen die Entwicklung atemberaubend. So können Beinamputierte auf elektronischen Fußsohlen, die den Bodendruck "fühlen", wieder laufen lernen; die Stimulation der in den Thalamus eines Parkinson-Patienten implantierten Elektroden stoppt dessen sonst unkontrollierbares Gliederzittern; Gelähmte bedienen einen Computer mit ihren Gehirnströmen und können dadurch mit ihrer Umwelt kommunizieren.
Beim Schritt von der medizinischen Notwendigkeit zur elektronischen Optimierung des gesunden Körpers aus hedonistischen Motiven wollen wir Transhumanisten ganz vorn mit dabei sein. So geht es beispielsweise um implantierbare Kortex-Universitäten, Intelligenzerweiterung durch artifizielle neuronale Inloads, die mit ihren In-vivo-Cousins im Gehirn ins Gespräch kommen und deren Sprache entziffern sollen, oder die Installation eines leistungsfähigen Erinnerungsrekorders als Nachfolger unseres augenblicklichen, mit instabilen Proteinen und Peptiden jonglierenden Langzeitgedächtnisses.
Die Entdeckung einer neuen Tiefendimension der Körpererfahrung steht bevor, wie etwa das Belauschen der eigenen interzellulären Kommunikation mit Hilfe von
Faseroptikimplantaten, die Erweiterung der Sinneswahrnehmung (wie wär's mal mit Infrarot?) und noch ungeahnte Kommunikationsschnittstellen. Ein Transhumanist wird seinen zum kybernetischen Organismus (KybOrg) mutierten Primatenkörper sorgsam pflegen und gegen den Verfall gesund zu halten versuchen. Denn er wartet auf den alles entscheidenden Bifurkationspunkt in der Evolution von Homo sapiens ², wo er endgültig vom Kohlenwasserstoff-Chauvinismus seiner Artgenossen Abschied nehmen kann. Es geht um nichts Geringeres als den Ausstieg aus dem biologischen Säugetierprogramm und um den verantwortungsvollen Einstieg in die Autoevolution des postbiologischen Menschen.
Topinamburfritten mit Karumbasisoße
Welche Schritte führen zu dieser erstaunlichen Entwicklung?
Ray Kurzweil behauptet, dass bei Fortschreibung des exponentiellen Wachstums der Rechenleistung ein Personal Computer etwa Mitte der zwanziger Jahre über die Kapazität verfügen wird, das Kontinuum jener 100 Billionen Synapsen aufzunehmen, das man früher ehrfürchtig "unsterbliche Seele" nannte - mit dem signifikanten Unterschied, dass dieses künstliche Äquivalent des menschlichen Gehirns eine Kortex-Rakete aus Silizium mit dem milliardenfachen Tempo unserer jetzigen Denkgeschwindigkeit sein wird. Man liest also ein 500-Seiten-Buch über Quantengravitation in - konservativ geschätzt - dreieinhalb Sekunden durch, kapiert und memoriert tatsächlich jeden Satz und hat gleichzeitig den Eindruck, zehn Jahre Zeit dafür zu haben.
Den Wissenschaftlern unter den TH-Opponenten, die griesgrämig an der Nichtswürdigkeit von Exponentialfunktionen oder an ein, zwei Nullen hinter der Eins herummäkeln, möchte man ein wenig mehr Großzügigkeit, Fantasie und Optimismus gönnen. Sie seien an die ungezählten, nie für möglich gehaltenen Projekte erinnert, die gegen das Lamentieren aller Miesepeter der Menschheitsgeschichte durchgesetzt wurden: Da war zum Beispiel die junge prälevantinische Hilfsköchin, die als Erste auf die Idee kam, den Kartoffelvorläufer Topinambur nicht nur zu schälen, sondern eine halbe Stunde lang in heißem Wasser liegen zu lassen. Viel Applaus und ein Riesenerfolg, der Aufruhr in den noch unausgereiften Großhirnschaltkreisen ihrer Stammesgenossen erregte, so dass sich eine kreischende Mama zu der von Neid und Missgunst angetriebenen Bemerkung hinreißen ließ: "Demnächst schnitzt sie noch Stifte aus der Knolle, wirft sie in siedendes Olivenöl und tut nen Klecks Karumbasisoße (ein Tomatenvorläufer) drauf."
Eine völlig durchgeknallte These, die natürlich spöttisches Gelächter bei allen Bronzezeit-Unken provozierte. Aber wir müssen gar nicht so weit zurückgehen. So bewiesen hoch dekorierte und vermeintlich führende Wissenschaftler Anfang des 20. Jahrhunderts, allesamt professionelle Schwarzseher und geistige Kleinkrämer, eine Schwereralsluft-Flugmaschine sei unmöglich.
Moravec-Transfer und Kurzweil-Kontinuum
Wie kriege ich nun mein langweiliges Bewusstsein in diese Rakete von Denkbeschleuniger? Es gibt zwei populäre Modelle des Bewusstseinstransfers, die im Amerikanischen "uploading" genannt werden. Das erste hat
Hans Moravec 1989 entworfen (
Die Evolution postbiologischen Lebens). Darin wird das Gehirn, Neuron für Neuron, mit der genauen Position jedes Neurotransmitters und jeder Synapse eingescannt und auf das digitale Gehirnäquivalent übertragen. Bei diesem Transfer sei nicht der Körper als Identitätsträger zu betrachten, sagt Moravec, sondern vielmehr die zu übertragende Informationsstruktur des jeweiligen Bewusstseins. Deshalb könne auch der zurückbleibende Körper - die Sülze - vernachlässigt und auf den Kompost geworfen werden.
Die Irreversibilität des Moravec-Transfers und ihre destruktive Einstellung zum Kohlenwasserstoff-Original stürzt die Zaghaften unter den am Transfer Interessierten in tiefe Zweifel. Inzwischen gibt es ein eleganteres Modell, das den alten Körper am Leben erhält. So stellt sich Ray Kurzweil die Übertragung des Bewusstseins etwas relaxter vor. Wenn jemand den Scanner betrete und eingelesen werde, dann wache anschließend jemand in der Maschine auf, der sich als das Original betrachte, obwohl es den Menschen mit seinem altmodischen, auf Kohlenwasserstoffbasis gegründeten Gehirn ja auch noch gäbe. Hier weicht er vom Moravec-Modell ab, das die Sülze einfach vernichtet. Vielleicht möchte Kurzweil sich ein Hintertürchen offen lassen. Es könnte ja etwas schief gehen beim Bewusstseinstransfer.
Wirklich heikel an diesem Kurzweil-Kontinuum könnte die Begegnung mit dem Software-Doppelgänger werden. Sie bietet Stoff für jede Menge Identitätskrisen und Paradoxa auf beiden Seiten. Wer von uns ist das Original, wer die Kopie? Welche Persönlichkeitsrechte haben meine Sicherheitskopien, die mir die relative Unsterblichkeit ermöglichen sollen? Wer von ihnen kriegt die Frau, das Haus, das Boot, die Pferde, die Pferdepflegerin? Oder treffen sich alle am neuen Komplett-Ich Beteiligten regelmäßig und tauschen ganz entspannt ihre Erfahrungen aus? Nicht nur der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, sondern Heideggers subironisches "In-Sein" ersetzt durch das postkonfrontative "Irre-Sein" (Intentional relaxtes relativ ewiges Sein)? Jedenfalls bleibt im Kurzweil-Kontinuum die Option auf eine freundschaftlich-kritische Koexistenz zwischen Silizium und Sülze eindeutig erhalten.
Kein Abschied für immer
Noch aber gibt es kein ausreichend feinkörniges Modell des Bewusstseins, mit dessen Hilfe wir auch die Inhalte der Informationsverarbeitung im Gehirn inklusive Zentralnervensystem einlesen könnten. Vom rohen physiologischen Datenstrom einer sinnlichen Wahrnehmung oder eines komplexen Gedankens mag es ein weiter Weg bis zur High-Fidelity-Simulation des Gesamtbewusstseins eines einzelnen Menschen sein. Sollte jedoch eines Tages dieses kostbare Substrat des menschlichen Geistes im synaptischen Geflüster und in den elektrochemischen Dialogen neuronaler Aggregationen nachweisbar aufschimmern, sich in messbaren Kalziumkonzentrationen niederschlagen und somit zu einer materiellen Gewissheit werden, dann ist der erste Schritt zum Aufspannen des individuellen Bewusstseinskontinuums über den Säugetiertod hinaus getan.
Ob der Durchbruch in einem KI-Labor des MIT, in einem Max-Planck-Institut für Neuroinformatik oder in einer Garage in Kirgisien gelingt ("Babuschka, wo chchast du dään verfluchten Fluxgeneratorrr värrstääckt"), ist von zweitrangiger Bedeutung. Wenn es so weit ist, fordern wir Transhumanisten die durch keine Gesetze eingeschränkte Verfügungsgewalt über UNSERE Körper. Aber selbst dieser Abschied vom Säugetierprogramm muss kein endgültiger sein. Denn die Starrheit des Entweder/Oder-Denkens weicht im Transhumanismus einem entspannten Sowohlalsauch. Wenn erst die
molekulare Nanotechnologie aus den Kinderschuhen herausgewachsen sein wird, können Nanoassembler in Sekundenschnelle auf molekularer Ebene Atome zu beliebigen Anordnungen arrangieren und mir einen Instantkörper ohne Bluthochdruck, Herzschwäche und Geheimratsecken zusammensetzen. Wenn's denn aus reiner Nostalgie unbedingt mal wieder Fortpflanzungsgefühle, Schweinebraten oder ein Glas Bier sein sollen. Bis dahin aber gesteht uns das Recht zu, uns so sinnvoll elektronisch aufzubrezeln wie wir es für nötig halten.
Solltet ihr nichts damit zu tun haben wollen, dann werdet selig mit dem Primatenerbe und sterbt irgendwann schmerzfrei und in Frieden. Während aber die Unerschrockensten unter uns ihr aus der Großhirnsülze herausgelesenes, digital kopiertes und unvergleichlich flexibleres Denken in einem windschnittigen postbiologischen Bewegungsapparat genießen und sich auf ihre relative Unsterblichkeit verlangenden Großprojekte freuen, werden sie sich mit Blick auf euch Zurückbleibende mit schönstem Softwarelächeln zuflüstern: "Gönnt ihnen ihre Küsse, die Pasta und den Wein. Es muss ja nicht immer Gentechnik sein."