Vergeltung für Vergeltung für Vergeltung
Harald Neuber 12.09.2001
Hauptstadtimpressionen, wenige Stunden nach der Anschlagsserie in den Vereinigten Staaten. Berlin im Ausnahmezustand
Schon von weitem sieht man die angestrahlten Fahnen des Reichstagsgebäudes in Berlin. Gestern, Dienstag Mittag wurden sie auf Halbmast gesetzt. Der Bundestag hatte um 15.40 Uhr die Debatte um den Haushaltsplan 2002 unterbrochen, nachdem zahlreiche Abgeordnete das Plenum nach Eintreffen der Nachricht von der Anschlagswelle in den Vereinigten Staaten verlassen hatten. Wenig später stand Berlin wie alle europäischen Hauptstädte unter Sicherheitsstufe 1. Nach Auskunft des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) wurden nicht nur amerikanische, sondern auch israelische und jüdische Institutionen und Persönlichkeiten unter Schutz gestellt. Während sich politische Stimmen moderat äußerten, zeigte sich auf der Straße ein anderes Bild.
Vor der noch weiträumiger als sonst abgesperrten US-amerikanischen Botschaft zwischen Friedrichstraße und Brandenburger Tor hatte sich eine kleine Menschengruppe versammelt. Mit Kerzen wollten sie der Toten von New York und Washington gedenken. Aufgerufen hatte eine "Mahnwache Brandenburger Tor". Die "renommierte Organisation" demonstriere schon seit Jahrzehnten für den Frieden, informiert mich ein Mittvierziger, in einer Hand die Kerze, in der anderen die Bierdose. "Ganz unpolitisch", fügt er nach. Auf die Frage, von wem die Initiative zu dem Gedenken stamme, erklärt er, von einem privaten Lokalsender angerufen worden zu sein: "Sie haben gefragt, ob denn etwas laufe." Und weil die Gruppe schon gegen Nazis, Mauerbau "und Gewalt so allgemein" demonstriert habe, sei man nun also vor die US-Botschaft gekommen.
Weniger pazifistisch argumentiert ein Mitstreiter vor einer Kamera wenige Meter weiter. Die ganze Welt, fordert der nach eigenen Angaben ehemalige GI, müsse sich nun gegen die Terroristen vereinen. Wer die Terroristen seien? Die Araber. Und denen gehöre allesamt der Kopf ab: "Kurzer Prozess!"
Diese Stimmung bekam auch ein Palästina stammender Mann zu spüren, der mit dem typischen schwarz-weißen Halstuch in der S-Bahn fährt. Am Bahnhof sei er von Passanten angesprochen worden, sagt der aus Hebron stammende Mann. Man hätte ihn gefragt, "warum wir das gemacht haben". Schließlich trage er doch ein Araberschal. Er zuckt mit den Schultern: "Ich bin immer dagegen, wenn Zivilisten betroffen sind." Aber die USA hätten so vielen Menschen Leid zugefügt, dass die Reaktion heraufbeschworen worden sei.
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Poll: Americans Willing to Go to War ( Washington Post)
The overwhelming majority of Americans are willing to risk war to hunt down and punish the terrorist groups that plotted Tuesday's deadly attacks on the Pentagon and World Trade Center, according to a new Washington Post-ABC News poll.
Nine in 10 - 94 percent - supported taking military action against the groups or nations responsible for the attacks. More than eight in 10 favored military strikes even if they led to war.
So great was the desire for swift and sure retaliation that two in three said they were willing to "give up some of the liberties we have" to crack down on terrorism. The survey also found that 84 percent supported taking military action against any countries that assisted or harbored the terrorists, a view echoed by President Bush in his speech to the nation that the United States "will make no distinction between the terrorists who committed these acts and those who harbor them."
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Die Meinung der Straße aber spiegelt sich auch im abendlichen Nachrichtenprogramm wieder. Bundeskanzler Gerhard Schröders Rechnung ist einfach: "Es ist ein Krieg gegen die Zivilisation." Ergo: Wer nicht mit uns ist, gehört nicht zur zivilisierten Gemeinschaft. Doch geht diese Rechnung schwerlich auf, bezeichnet Zivilisation nach allgemein akzeptierter Definition die Gesamtheit der durch den Fortschritt der Wissenschaft und Ethik verbesserten Lebensbedingungen. Was aber seit dem Ende des Kalten Krieges gerade von den USA außenpolitisch praktiziert wurde, lief und läuft dieser Dogma der friedlichen Koexistenz diametral entgegen. Eine These, die nicht von unverbesserlichen Antiamerikanisten, sondern von durchaus anerkannten Köpfen vertreten wird. Der Krieg des weißen und reichen Nordens würde eines Tages vom armen und schwarzen Süden in die Zentren der Macht zurückkehren. Ansichten, die wenige Tage nach der Antirassismuskonferenz der Vereinten Nationen im südafrikanischen Durban nachhallen. Vor Attentaten wie denen, die am Dienstag einer Kriegserklärung gleich die Vereinigten Staaten von Amerika überzogen, wurden von Frantz Fanon über Kenneth Kaudna bis Nelson Mandela gewarnt.
Die Gewaltspirale wird sich aber, getrieben von emotionaler Energi,e weiterdrehen. Nein, versicherte am frühen Mittwoch morgen ein Fernsehreporter, die Explosionen in der afghanischen Hauptstadt Kabul seien kein Vergeltungsschlag der USA, denn der werde "größer und mächtiger" werden. Vorboten einer NATO-weiten Aktion, der Militärpakt hat bereits volle Solidarität zugesichert. Bevor stehen militärische Gegenschläge auf Stützpunkte vermeintlicher oder tatsächlicher Urheber. Kolalateralschaden eingerechnet. Die Politik unter der Bush-Administration folgt einmal mehr der Doktrin der Nationalen Sicherheit, die im Süden des amerikanischen Kontinentes so tiefe Narben hinterlassen hat, wie nun auch die USA davontragen. Zum ersten Mal wurde das von Washington etablierte Faustrecht von anderen in die Hand beansprucht. Das macht Angst. Nun auch im "Westen".
Fast unglaublich, dass an diesem 11. September der Tag des Friedens gefeiert werden sollte. Ein Festakt war auch in der Zentrale der Vereinten Nationen in Manhattan zum Auftakt der Jahrestagung der Generalversammlung geplant. UN-Generalsekretär Kofi Annan
erklärte noch vor wenigen Tagen:
Was werden die Konsequenzen sein? Am Wahrscheinlichsten ist eine Verschärfung der im wahrsten Sinne des Wortes eigenmächtigen Militärpolitik der USA, was den Abschied von sicherheitspolitischen Konstrukten bedeutet. Die Konventionen zum Schutz von biologischen und chemischen Waffen sind hierfür prominente, wenn auch historisch verkannte Beispiele. Mit klaren Worten wandte sich George W. Bush am Dienstag Abend (Ortszeit) in seiner Ansprache an die Nation. Man werde die Verantwortlichen bestrafen, ohne dabei zwischen Tätern und denen zu unterscheiden, die sie schützen. "Amerika hatte schon ganz andere Feinde", wurde der US-Präsident von dem Nachrichtensender N24 zitiert.
Die Suche nach den Verantwortlichen läuft, und sie gestaltet sich schwierig. Nicht weil der Angriff aus dem Nirgendwo kam, sondern weil er von überall kommen könnte. Auf die anwaltliche Standardfrage, mit wem das Opfer Streit hatte, gäbe es im Fall dieser einzig verbliebenen Weltmacht viele Antworten. Am 11. September brannten in Berlin Kerzen zum Gedenken an die Toten. Kerzen brannten aber auch weiter südlich in Chile. In dessen Hauptstadt Santiago flogen an diesem Tag schon einmal Flugzeuge Angriffe auf ein Machtzentrum. Bei den Attacken auf den Präsidenten-Palast, die Moneda, waren am 11. September 1973 aber nicht die USA betroffen. Damals standen sie auf der Seite der Angreifer.