Die Technik liefert die Sicherheit nicht
Gabriele Hooffacker 03.10.2001
Die Diskussion über die Terroranschläge beherrschte auch die Jahrestagung des "Forum Informatiker für den Frieden" (FIfF)
Verantwortung für gesellschaftliche Folgen des Technik-Einsatzes kennzeichnet die im
FifF engagierten Informatiker. So schnellten im Vorfeld der Tagung, kurz nach dem Anschlag auf das World Trade Center, die Anmeldezahlen hoch: "50 % mehr Teilnehmer als sonst", konstatierte der Informatiker Ralf Streibl, der die Tagung organisiert hatte. Die Sorge, "dass die Terroranschläge vom 11. September als Vorwand dienen werden, die Grund- und Freiheitsrechte einzuschränken", trieb mehr als zweihundert ältere wie junge FifF-Mitglieder am vergangenen Wochenende nach Bremen. Das Tagungsthema
Odyssee im Cyberspace - Wege und Irrwege der Informationstechnik geriet zwar in den Hintergrund, gewann gleichzeitig jedoch brisante Aktualität.
Mit dieser Antwort stehen die Informatiker in der Tradition der internationalen Friedensbewegung, die sich am selben Wochenende von Berlin bis New York mit Demonstrationen zurück meldete.
Die Gewaltspirale durchbrechen, lautet die konkreteste Forderung, mit der zu einer Großdemo am 13. Oktober in Berlin und Stuttgart aufgerufen wird. Dieser Forderung gegenüber böeibt die
FifF-Erklärung eher allgemein.
Ein längerer, differenzierter Vorschlag zur Erklärung, der auch eigene Zweifel und Unsicherheiten zur Sprache brachte, unterlag in der Schlussabstimmung. Auf der Live-Diskussion am 30.9., die von Radio Bremen übertragen wurde und online als MP3-Datei
verfügbar ist, wurden die Brüche sichtbar.
Preisträger Parnas fordert höhere Software-Standards
Ausgerechnet der diesjährige
FifF-Preisträger David L. Parnas fordert höhere Standards für Technik, die im militärischen Bereich eingesetzt wird. Der kanadische Professor für Software-Engeneering weiß, wovon er spricht: Er verließ 1985 den vom damaligen Präsidenten initiierten SDI-Ausschuss und begründete seine Kritik mit technischen Argumenten.
Seine Forderung, dass nur noch geprüfte oder zertifizierte Unternehmen Software vertreiben dürfen, blieb nicht unwidersprochen: Ob der technische Standard höher wäre, wenn Software nur von Microsoft und vergleichbar großen Unternehmen geliefert würde, bezweifelte der Berliner Politologe Ralf Bendrath und wies darauf hin, dass solche Standards in der Regel von marktführenden Unternehmen gesetzt werden.
Lösungen: nicht technisch, sondern sozial
"Wir bauen Systeme, die weit über unsere Möglichkeiten hinausgehen", konstatierte Wolfgang Coy, Informatikprofessor an der Humboldt-Universität, Berlin. Er erinnerte an den Konsens, dass im Regelfall niemand absichtlich diese Systeme zerschlägt und warnte: "Wir können diese Probleme nicht technisch lösen, sondern nur sozial."
"Ich glaube nicht, dass eine gerechte Weltordnung diesen Anschlag verhindert hätte", konterte Ralf Bendrath. Bin Ladin sei Millionär, seine Anhänger stammten oft aus wohlhabenden Familien.
Beistand erhielt Wolfgang Coy von seinem Bremer Kollegen Hans-Jörg Kreowski. "Jetzt sind Massenvernichtungswaffen privatisiert, und wir müssen entsprechende Lösungen finden." Kreowski forderte eine Bestrafung der Schuldigen, jedoch "in einem Verfahren, in dem das auch überprüfbar ist", und verwies auf die UNO. Er warnte davor, "ein Volk als Geisel" zu nehmen.
Kreowski verteidigte die Informatiker, die immer wieder darauf hinwiesen, dass die Technik fehleranfällig sei: "Die Technik liefert die Sicherheit nicht." Dem stimmte Wolfgang Coy zu und erinnerte daran, dass das Attentat vom 11. September mit Informatik wenig zu tun habe: "Das war ein konventioneller Angriff." Auch die sehr gute Luftüberwachungssoftware habe ihn nicht verhindern können, weil niemand damit hätte rechnen können, dass sie jemand gegen die Regeln verwenden werde. Coy warnte: "Das Schlimme ist: Die Informatik kann zu genau solchen Attentaten verwendet werden. Wir müssen Angst haben, dass Leute diese Technik bösartig einsetzen."
Vier Türme statt zwei
Bilder und ihre Argumentationskraft waren Thema des Eröffnungsvortrags von Wolfgang Coy gewesen, und eine hilfreiche Metapher fanden die Diskutanten am Schluss des Disputs. Der Erbauer des World Trade Centers habe angekündigt, bei einem Neubau vier kleinere Türme statt der zwei riesigen zu konstruieren. Hans-Jörg Kreowski sah darin einen Lösungsansatz für die Informatik: Downsizing, mehr verteilte Intelligenz und Rechenleistung nach dem Vorbild des Internet, um das Gesamtsystem weniger störungsanfällig zu halten.
Dem schloss sich Nazir Peroz, in Kabul, Afghanistan, geborener Informatiker an der TU Berlin, in seinem Schlusswort an: "Die Politik möge nicht kurzfristig, sondern langfristig handeln - das ist meine große Bitte."