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Architekt der Zerstörung

Herbert W. Franke25.12.2008

In technischen Objekten gibt es singuläre Stellen, die für Zusammenhalt und Funktion höchst wichtig sind. Erfolgt dort ein Eingriff, kann es zu kritischen Situationen kommen. Man sollte versuchen, solche neuralgischen Punkte zu vermeiden, oder, wenn das nicht möglich ist, sie zumindest hinreichend zu schützen. Einer modernen Denkweise gemäß kann es allerdings wünschenswert sein, schon bei der Konstruktion daran zu denken, dass das Bauwerk unter Umständen eines Tages überflüssig werden könnte. Vielleicht sollte der vorausschauende Architekt dann einen neuralgischen Punkt gezielt vorsehen, um umständliche Abrissarbeiten zu vermeiden.

»Willst du nicht mit deinen Klötzchen spielen?« fragte die Mutter, aber Hänschen wollte nicht. Draußen war es kühl, die Sonne schien - ein wunderbares Wetter, um mit den anderen jungen herumzutollen, auf Bäume zu klettern oder im Buschwerk herumzustreifen.

Die Mutter sah ihm, nach, als er davon lief, quer durch die Blumenbeete, einen bunten Ball in den Händen. »Ist es schlimm?« fragte sie ihren Mann.

»Nicht so sehr«, antwortete der bekannte Architekt. »Es wird aber wieder einmal regnen - dann wird er gern zu Hause bleiben.«

»Und die neuen Projekte, der Entwurf für das Stadion?«

Der Architekt blickte hinunter ins Tal, über den modernen Stadtteil. Die wichtigsten Gebäude gingen auf seine Entwürfe zurück, und sie zeigten jenen Stil, für den er bekannt war: auf der einen Seite sachlich, funktionell, auf der anderen Seite aber von charakteristischer futuristischer Eleganz und Kühnheit. »Die Kunden können warten«, sagte er. »Im Moment habe ich andere Sorgen.«

In der Tat - er hatte Sorgen. In den letzten Monaten waren mehrere seiner Bauten zusammengefallen. Es geschah ganz plötzlich, von einem Tag zum andern. Eigentlich gab es keinen Grund dazu, die Konstruktion war einwandfrei. Das galt nicht nur für die Statik, sondern auch für Erderschütterungen und Winddruck. Alles war geprüft worden, und wo die Berechnungen zu kompliziert gewesen waren, hatte man mit Simulationen gearbeitet.

Eigentlich hätte es nicht geschehen dürfen - und es war doch geschehen.

Das Zimmer des Architekten war geräumig und hell. Eine Fensterwand bot Aussicht über die Stadt - so, als wolle der Schöpfer die Früchte seiner Arbeit stets vor Augen haben.

Am runden Tisch, mit einer dicken Glasplatte bedeckt, hatte sich der Architekt mit seinen beiden Gästen niedergelassen. Es war Dr. Breuning vom städtischen Bauamt, der einen leitenden Herrn der Stadtverwaltung, Regierungsrat Hell, mitgebracht hatte.

»Wir haben alles geprüft«, sagte Dr. Breuning, »die technischen Daten, aber auch die Mauerreste, das Stützwerk und die Verankerung. Das Ergebnis ist einwandfrei: Sie, lieber Kollege, trifft keine Schuld.«

Der Architekt blickte hinunter - hinter dem Theater hatte sich noch vor einer Woche ein Turm erhoben; jetzt war nichts mehr davon zu sehen. Und rechts davon, zwischen zwei Häusern gerade noch erkennbar, ein Rundbogen: der letzte Rest einer Brücke, die vor einer Woche noch die wichtigste Verbindung über den Fluss gewesen war. »Woran liegt es dann?«

»Es gibt nur eine Erklärung«, sagte Regierungsrat Hell. »An- schläge! Das Werk von Terroristen oder Erpressern - die einzige denkbare Möglichkeit.“

»Hat man irgend etwas in dieser Richtung festgestellt?«

»Bis jetzt noch nichts. Keine Drohung, keine Forderung... Natürlich war die Polizei nicht untätig, doch es ergab sich nicht der geringste Verdacht.«

»Wie kommen Sie dann auf Anschläge?«

Es war Dr. Breuning, der antwortete: »Wir haben nicht einmal Spuren von Sprengstoff gefunden, auch keine Anzeichen von Riss- oder Kornstrukturen, wie sie in der Nähe des Explosionsherds auftreten.«

„Worauf begründet sich dann der Verdacht?«

Dr. Breuning schien sich nicht ganz sicher zu sein, doch dann antwortete er: »Nach allem, was wir festgestellt haben, ging der Einsturz von einem festumrissenen Zentrum aus. Fragen Sie mich nicht, wie das geschehen konnte.«

Der Architekt hatte seinen Sohn den ganzen Tag über nicht mehr gesehen. Vielleicht war der junge inzwischen längst wieder zu Hause, in seinem Spielzimmer? Doch dort befand sich niemand. Wie üblich war nicht aufgeräumt, die Spielsteine lagen am Boden verstreut, die Modelle waren in eine Ecke geschoben, und einige der größten fehlten - vielleicht hatte sie Hänschen abgebaut, um Bauteile für weitere Konstruktionen zu gewinnen ...

Unwillkürlich dachte der Architekt an die Stadt, an die Pracht- bauten, deren Entwürfe hier entstanden waren. Würde es weitere Einstürze geben? Er hatte doch alles geprüft!

Er stand auf, ging an eines der Regale, nahm einen Fön vom obersten Fach. Er steckte ihn an, schaltete ein, ließ den Luftstrom über die Modelle streichen. Sie schwankten leicht, doch keiner der Steine löste sich aus dem Gefüge.

»Was machst du da, Papa?« Der Junge war leise ins Zimmer gekommen, der Vater hatte es nicht bemerkt und richtete sich jetzt fast verlegen au£ »Ich habe die Festigkeit geprüft«, sagte er. »Du weißt, du mußt die Modelle so bauen, dass sie fest zusammenhal- ten.«

»Ich weiß«, bestätigte Hänschen gelangweilt. „Es ist alles fest, du brauchst es nicht zu prüfen.«

»Wirst du bald wieder etwas bauen?« fragte der Architekt.

»Ich weiß nicht«, antwortete der Junge. »Eigentlich habe ich keine Lust mehr. Es wird mir langweilig.«

Es war ein blonder, ein wenig pummeliger Junge, neun oder zehn Jahre alt, und für sein Alter recht klug. Aber er war eben ein Kind, das wenig Ausdauer hatte und sich leicht ablenken ließ.

»Im Winter ... „, sagte der Vater, »im Winter wird es dir sicher wieder Spaß machen. Und du wirst viele neue Modelle bauen!“

Hänschen hatte sich vor eine der Konstruktionen gesetzt, ließ die Hand über die glatten Flächen streichen. Es waren Flächen in Rosa, Weiß, Grau und Schwarz - dieselben Farben, die das Bild der Stadt bestimmten.

»Es wird dir wieder Spaß machen«, sagte der Architekt fast beschwörend. Es wäre gut, wenn er sich wieder mit den Steinen beschäftigen würde, dachte er. Wie er den jungen so dasitzen sah, spürte er plötzlich wieder Hoffnung. Vielleicht hatte Hänschen gerade eine Idee für einen phantastischen Bau? Er wollte ihn nicht stören und ging leise hinaus.

Hänschen aber hatte jene Stelle gefunden - jene Stelle im Modell, wo ein einziger Stein die ganze Konstruktion zusammenhielt. Die Konstruktion war stabil, gewiss, doch wenn man diesen einen Stein herauszog...

Und er zog den Stein heraus.

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