heise online · c't · iX · Technology Review · Telepolis · mobil · Security · c't-TV · Jobs ·IT-Markt · Kiosk
homepagemagazinliteratur rätselnetzkunst

Arbeitsamt

Twister (Bettina Winsemann)23.01.2010

Die irritierten Blicke der anderen Wartenden ignorierte ich, als ich mich zum Card-Distribution-Panel begab und mein Service-Ticket zog. Ach, ich liebte diese neuen Arbeitsämter. Nicht nur, dass es die Tickets mit der Aufrufsnummer jetzt in dem, in einem patriotisch schwarz-rot-gold lackierten, Card-Distribution-Panel gab, nein, sobald man sein Ticktet erhielt, ertönte auch noch ein motivierendes "nice to help you".

Ich setzte mich und sah auf einen Jugendlichen vor mir, auf dessen Jackenrücken die Worte "Back to the Mediereview Age" zu lesen waren, ohne Zweifel also ein Yahoo-User, wie auch seine folgenden Worte, die er in sein Handy sprach, bewiesen: "Hey, das ist doch voll xlink, wie die mich behandeln."

Während die Hintergrundmusik zu einem Remix eines Faith-No-More-Songs wechselte (Remix bedeutete in diesem Fall, dass der Song bis auf den Refrain "It is a dirty job but someone's gotta do it" verfremdet worden war), suchte ich meine Unterlagen zusammen und bereitete mich mental auf die unvermeidliche Konfrontation mit dem WOA! vor. "WOA!", so hatte ich erst gestern erfahren, war nun die trendy Bezeichnung für den Arbeitsamtangestellten. "Der Begriff WOA! zeigt einerseits die Trendyness des Arbeitsamtes, und andererseits wird durch seinen positiv-motivierenden Klang für den WOV (Work Office Visitor) sofort klar, dass der Arbeitsamtangestellte ein engagierter und vor allen Dingen voller positiver Energie steckender Helfer ist. WOA! - das steht für Work Office Agent - wird somit den veralteten Begriff des Arbeitsvermittlers ablösen. "Ich als WOV (für mich klang das, als hätte jemand beim Suchen eines passenden Begriffes versehentlich seine Wohnung angezündet und das dabei entstehende Geräusch als Inspiration genommen) musste zugeben, dass mir die neue "trendy Art" der Behörden ein wenig suspekt vorkam - würde man demnächst vielleicht auch die Wahlbenachrichtigung in "Decision Paper" umbenennen? Zuzutrauen war es den Verantwortlichen jedenfalls.

Meine Nummer leuchtete auf, begleitet von einem herb-markanten "Come get some" (Ich fragte mich, ob man die Duke Nukem-Entwickler wegen des Copyrights gefragt hatte). So stand ich auf und begab mich als WOV zum WOB (Work Office Bureau) und dem WOA! Meine Unterlagen hilfesuchend an mich gedrückt wie ein Kind seinen Teddy, trat ich ein.

"Hallo." Der weibliche WOA! begrüßte mich und schickte ein perfekt moduliertes trällerndes Lachen hinterher. "Na, dann wollen wir mal. Sie sind also hier, um ein wenig über freie Stellen zu plaudern?"

Nun, eigentlich wollte ich a) eine freie Stelle bekommen und b) Geld bekommen, bis ich a) bekam. Aber das klang so negativ. Ein wenig plaudern über freie Stellen, klang viel schöner - so als wäre ich auf einer Insel und schlürfte meinen Cocktail, während ich über Dinge wie Martini, Perlenketten für die Freundin und freie Stellen sinnierte. Vorsichtig schob ich meine Unterlagen der WOA! entgegen.

"Ich habe alles mitgebracht," sagte ich schwach.

"Oh, das ist ja toll." Sie klang jetzt wie ein Cheerleader nach einem erfolgreichen Spiel und nahm dementsprechend auch den Kugelschreiber zur Hand wie einen dieser Stäbe, mit denen Cheerleader immer jonglierten.

"Und wenn Sie mir denn ein wenig über Sich sagen würden..."

Natürlich würde ich das. Ich bemühte mich also, die von ihr gestellten Fragen möglichst so zu beantworten, dass die Antworten noch der Wahrheit entsprachen, aber dennoch meine Kreativität und Leistungsbereitschaft unter Beweis stellten.

"Kinder?"

"5," sagte ich lässig und lächelte. Nun, natürlich jetzt noch nicht, aber da man ja auch den Kommentar "ich mache gerade einen Kurs zum Web-Designer" mit den Worten "Also Web-Designer" begleitet hatte, konnte man meine allabendliche Matratzen-Akrobatik also als "Kurs zu den 5 Kindern" ansehen.

Die anderen Fragen beantwortete ich wahrheitsgemäß - ja, ich bemühte mich intensiv um Arbeit, immerhin besuchte ich jeden Tag die Stellenanzeigen-Seiten (Oh, Sie haben einen Computer? Nun, das müssen wir natürlich dann als Vermögen bei Ihrem Anspruch mit einbeziehen); ja, ich war voll arbeitsfähig.

Nach einer Stunde intensivster Frage-und-Antwort-Spielchen sowie etlicher Demonstrationen meines Könnens in Bezug auf Web-Design, Textverarbeitung, Stenographie etc. setzte ich mich ein wenig erschöpft wieder auf den Stuhl gegenüber des WOA! und seufzte.

"Nun," sagte der WOA! und lächelte strahlend. "Sie können ja eine beeindruckende Menge." Sie drückte auf einen Knopf, und der Computer vor ihr begann leise zu summen, während sie mir erklärte, dass ich nunmehr die neue innovative Work-Office-Card bekommen würde.

Diese, so erläuterte sie mir, würde neben

* meinen Krankendaten (wann ich krank war, wie lange und weshalb)
* auch meine Fähigkeiten
* meine Religionszugehörigkeit (Nicht, dass Sie sich bei einer katholischen Institution einschleichen, Sie Schlingel...)
* meine Kreditwürdigkeit (nun, wenn Sie bei einer Bank arbeiten möchten, so muss die Bank doch wissen, dass Sie kein Sicherheitsrisiko sind, oui?)
* die Vorstrafen (alles aus Gründen der Sicherheit)
* die Blutgruppe (falls Ihnen etwas passiert, wenn Sie in einem Sägewerk anfangen, mon ami)
* und das Ergebnis des HIV-Testes enthalten (nicht, dass Sie in einem Krankenhaus anfangen, und niemand weiß etwas davon, dass Sie ein kleines bisschen AIDS haben, oui? --- bei ihr klang es wie ein Mückenstich)

Sie fuhr fort, mir die gespeicherten Daten zu erklären:

* Einkaufsverhalten (nun ja, wenn Sie etwas viel rauchen, so ist dies doch ein Risiko, oui? Oder dieser fette Käse... aber wenn Sie Ihr Einkaufsverhalten ein wenig ändern, bekommen Sie gleich nach drei Monaten einen Health-Punkt auf Ihrer Karte)
* Gewichtsentwicklung innerhalb der letzten drei Jahre (Ja, manche Positionen erfordern hohe Disziplin, da muss man schon wissen, wer diese mitbringt, non?), Bußgelder (ja, auch das gehört zur Offenheit gegenüber dem Arbeitgeber, mon chere...)...

Mir schwirrte der Kopf.

Als sie endlich endete, hatte der Computer die kleine schwarz-rot-goldene Karte ausgespuckt, die mir nun wie ein kleiner Dämon vorkam. Mir schien es, als flüstere sie mir zu: "Du bekommst nie einen Job." Ich fragte mich, welchen Vorteil mir nun die Karte brachte - es musste doch einen geben.

"Oh, natürlich." flötete der WOA! und gab mir die Karte, als wäre sie ein Pokal oder der Preis eines Wettbewerbes. "Erstmal können Sie damit ganz klar nachweisen, dass Sie arbeitslos sind. Dann können Sie sich Ihr Ticket jetzt im Service-Bereich abholen. Und für jeden Besuch bekommen Sie einen WOPu (Work Office Punkt). Fuer 20 WOPus bekommen Sie übrigens einen Zuschuss zu Ihren Bewerbungskosten in Höhe von 2 Briefmarken. Und nach sechs Monaten bekommen Sie, wenn Sie bis dahin 12 Mal hier waren, um sich zu erkundigen, sogar eine goldene Work-Office-Card. Na, ist das nichts?"

Ich sah sie irritiert an und nahm die kleine Karte entgegen - meiner Meinung nach war das "nichts", aber ich war ja auch nur ein kleiner WOV. Der WOA! sah mich an und schüttelte mir die Hand, sie war zufrieden.

"Oh", sagte sie und beugte sich vertraulich zu mir. "Ich habe ja noch etwas vergessen. Mit dieser wunderbaren innovativen WO-Card können Sie übrigens auch viel schneller Zugriff auf den, aus Sicherheitsgründen nicht mehr an das Internet angeschlossenen, WO-Rechner nehmen. So können Sie dann schon innerhalb von wenigen Minuten wissen, dass wir zur Zeit keine freien Stellen anbieten können."

Ich nahm meine Karte und ging hinaus. Draußen hatte der Remix von "Faith no More" aufgehört und stattdessen hörte ich Beck "I am a Loser, Baby, so why don't you kill me?". Der WOA! sauste an mir vorbei und murmelte etwas von einem "Hacker", der schon wieder das Musik-System geknackt hatte.

politik wissenschaft kultur medien
datenschutzhinweise impressum kontakt