Illustration: Johannes Pernerstorfer
Fortschritt geht immer weiter - doch manche Technologien haben es verdient, beschleunigt zu Grabe getragen zu werden. Der Science-Fiction-Autor Bruce Sterling nennt seine Kandidaten
Technologien kommen, Technologien gehen - oder wann haben Sie zuletzt einen Planwagen gesehen? –, aber selten werden sie gezielt ausgesucht und zum Tode verurteilt. Manche Technologien aber sind so offensichtlich widerwärtig, dass die Menschheit froh sein könnte, wenn es sie nicht gäbe. Eine kluge Gesellschaft würde junge Innovatoren belohnen, wenn sie sich um das Auslöschen von unnützen Technologien bemühen würden, die von früheren, weniger fortschrittlichen Generationen erfunden wurden.
1. ATOMWAFFEN: Es gibt gute Argumente für Kernforschung – medizinische Radioisotopen sind ziemlich nützlich und wirklich weite Reisen durch den Weltraum ohne Atomenergie kaum möglich. Aber es gibt keinen Grund für uns, weiterhin so zu tun, als ob wir halbe Kontinente am Stück plattmachen müssten.
Atomwaffen sind nicht nur technisch gesehen unelegant, sie verraten auch einen unverhohlenen Todeswunsch, der besser zu al-Qaida passt als zu einem zivilisierten Volk. Ein gut organisierter Staat kann heutzutage jedes denkbare Ziel mit GPS-Genauigkeit auslöschen. Konventionelle "daisy cutters" und Streubomben können in jeder vom Militär gewünschten Größe und Durchschlagskraft eingesetzt werden. Damit bleibt für Atombomben nur noch ein einziges Einsatzgebiet: Terrorismus. Sie eignen sich hervorragend für Angriffe von feindlichen Organisationen auf Regierungszentren, sind aber für Regierungen ziemlich nutzlos im Kampf gegen Terroristen.
Warum also bauen wir diese teuren, gefährlichen, leicht zu stehlenden Dinger immer noch? Wenn alle Nuklearwaffen morgen verschwunden wären, würde sich die militärische Lage keinen Deut verändern. Die USA wären immer noch die stärkste Streitmacht der Welt. Aber es wäre deutlich unwahrscheinlicher, dass wir eines Morgens aufwachen und feststellen, dass Paris oder Washington weg ist.
2. KOHLE-ENERGIE: Kohle ist keine einzelne Technologie, vielmehr eine ganze Gruppe - und sämtliche Mitglieder sind schlecht oder ziemlich schlecht. Kohle war der urzeitliche Brennstoff für die industrielle Revolution. Kohle trieb die ersten Dampfmaschinen an, deren Killerapplikation es war, Wasser aus Kohleminen zu pumpen. Kohle trieb auch die Eisenbahnen an, deren Killerapplikation es war, Kohle zu transportieren.
Dummerweise haben wir diese Spielchen jetzt 200 Jahre lang gemacht, und Kohle wird von Tag zu Tag hässlicher. Wenn Ihre Wirtschaftsprüfer so gut sind wie die von Enron, können Sie behaupten, Kohle sei eine billige Energiequelle. Aber wenn Sie sauren Regen, den Klimawandel und medizinische Kosten mit einbeziehen, wird ganz schnell klar, dass Kohle eine Landplage ist. Pro Einheit Energie verschmutzt Kohle die Luft stärker als jeder andere fossile Brennstoff. Die Kohle-Gewinnung zerstört riesige Landstriche. Kohle-Abbau gehört zu den gefährlichsten Jobs der Welt.
Wenn Kohle morgen verschwunden wäre, würden wir sie vermissen: Die USA würden ein Viertel ihrer Energieversorgung verlieren. Nicht schön, aber dieser Ausfall ist nichts im Vergleich zur Aussicht auf einen schwarzen Himmel über China und Meere, die sich aus ihrem Bett erheben. Je früher wir uns von dieser zerstörerischen Sucht lösen, desto weniger werden wir zu bereuen haben.
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