Bild: Joe Hastings (cc-by-sa 2.0)
Dieser Text ist der Print-Ausgabe 07/2009 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.
Politisches Hickhack hat Europas Satelliten-Navigationssystem Galileo um Jahre verzögert. China hingegen besitzt bereits zwei funktionierende Satelliten im Orbit.
Als die EU Ende der neunziger Jahre ihren Plan fasste, schien er vernünftig und, mehr noch, realistisch: Ein eigenes Satelliten-Navigationssystem würde Europa unabhängig vom Global Positioning System (GPS) des US-Militärs machen, dessen zivile Nutzung damals noch durch eine künstliche Störung eingeschränkt war. Längst hatte sich Europa da als dritter großer Player in der Raumfahrt etabliert. Nach fast zwanzig Jahren erfolgreicher Satellitentransporte mit den Ariane-Raketen der Europäischen Raumfahrtagentur Esa zweifelte niemand daran: Wir können das auch. Schließlich war mit Airbus schon einmal ein Hightech-Großprojekt erfolgreich durchgezogen worden.
Wäre alles nach Plan gegangen, würden seit einem Jahr 30 Satelliten um die Erde jagen und hochwertige Navigationssignale auf dem neuesten Stand der Technik nach unten funken. Die Realität ist eine andere: Bis heute sind nur zwei Testsatelliten des Galileo-Systems im Orbit, und nur Optimisten rechnen noch damit, dass es, wie derzeit geplant, ab 2013 einsatzbereit sein wird. Eher dürfte es 2015 werden. Noch schlimmer: China arbeitet bereits mit voller Kraft an einem eigenen System, "Compass" genannt (chinesisch: "Beidou"), und das, obwohl China zunächst als Partner ins Galileo-Projekt eingestiegen war.
Tatsächlich hat sich das Projekt längst zu einem Lehrstück für die Tücken der Innovation ausgewachsen. Denn die wäre Galileo allemal: Dank hochpräziser Wasserstoff-Maser-Atomuhren ("Microwave Amplification by Stimulated Emission of Radiation", die Mikrowellen-verstärkte Emission einer konstanten Schwingung) an Bord der Satelliten können die Sig- nallaufzeiten zwischen Erde und Orbit exakter gemessen und damit die Position genauer als beim heutigen GPS bestimmt werden. Eine Ungenauigkeit von einer Nanosekunde bedeutet dabei eine Abweichung von 30 Zentimetern. Galileo soll im frei zugänglichen Dienst eine horizontale Auflösung von vier Metern ermöglichen. Beim GPS liegt sie heute bei 10 bis 15 Metern.
Beim kommerziellen Dienst wäre Galileo gar bis auf einen Meter genau, womit etwa in der Luftfahrt der Landeanflug gesteuert werden soll. Die technische Umsetzung war es nicht, die Galileo verzögert hat: "Das System ist nicht komplizierter als die Ariane-Rakete oder das Labormodul Columbus der Internationalen Raumstation", sagt Hubert Reile, Programmdirektor Weltraum beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Als Haken haben sich die politische Gemengelage der EU-Staaten und das Projektmanagement erwiesen.
Obwohl bereits 1999 aus zunächst vier Konzepten ein gemeinsames herausdestilliert worden war, gaben EU und Esa den Startschuss erst 2003. Damals entschied man sich dafür, Aufbau und Betrieb des Systems in einer Public-Private-Partnership einem Industriekonsortium zu übertragen. Zunächst hatten sich zwei Konsortien um den Zuschlag beworben: das eine bestehend aus dem französischen Telekommunikationskonzern Alcatel und dem spanischen Flughafenbetreiber AENA, das andere von EADS Space (heute EADS Astrium) angeführt. Aus politischen Gründen entschied die EU, dass beide Gruppen ein gemeinsames Konsortium bilden sollten.
Zwar wurde bis 2006 ein Testsatellit, Giove A1, hochgeschossen, und die ersten Bodenstationen nahmen ihren Betrieb auf. Aber EU, Esa und Industriepartner konnten sich weder über die weitere Finanzierung einigen noch über die Frage, wer im späteren Betrieb für die Risiken haften würde. Das Industriekonsortium wies die Verantwortung zurück, da die Systemarchitektur von der Esa entworfen worden sei. "Da waren ganze Armeen von Juristen dran", erinnert sich Hubert Reile.
Als das Projekt Anfang 2007 auf der Kippe stand, drängte die Bundesregierung die Partnerländer in der EU-Kommission, die Notbremse zu ziehen. Ende 2007 dann die Neuordnung: Die EU übernahm die weitere Finanzierung von 3,4 Milliarden Euro allein und übertrug die Implementierung des Systems der Esa. Mit dem Wissen von heute "hätten wir die Public-Private-Partnership gar nicht gestartet", sagt Dominique Detain, der bis vor einigen Monaten bei der Esa für Galileo zuständig war.
Das Hickhack wundert Georg Erber, Innovationsforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, nicht besonders. Mit der großen EU-Osterweiterung von 2004 habe eine Renationalisierung der Interessenpolitik stattgefunden. Die EU-Länder waren nun mehr denn je bemüht, der heimischen Industrie ein dickes Stück vom Galileo-Kuchen zu sichern. In dieser Situation rächte sich, dass es keine EU-Institution gab, die ein solches Mammutprojekt koordinieren sowie eigenständig über ein Globalbudget verfügen und darin Prioritäten setzen konnte. "Es fehlte am Management aus einer Hand", sagt Erber.
Ein Problem, das China nicht hat. Das Reich der Mitte war 2003 mit einem Beitrag von 280 Millionen Euro bei Galileo eingestiegen – in der Hoffnung, ein gleichberechtigter Partner zu sein. Als sich abzeichnete, dass Galileo nicht nur zivil, sondern auch militärisch genutzt werden sollte, hätten die Europäer aber nicht mehr mit den Chinesen auf allen Ebenen zusammenarbeiten wollen, sagt DLR-Mann Hubert Reile. Die Reaktion: Die noch junge Raumfahrtnation beschloss, ein eigenes System aufzubauen. Zwar sind keine Details über Compass bekannt, das ebenfalls 30 Satelliten um- fassen soll. Aber Experten wie Reile sind sich sicher: "Technisch bekommen die Chinesen das hin."
Während China bereits zwei Satelliten ins All geschossen hat und bis 2010 zehn weitere folgen lassen will, ist in Europa noch nicht einmal die Neuausschreibung für die Galileo-Satelliten abgeschlossen. Die Bewerber OHB Technology aus Bremen und EADS Astrium rechnen mit einer Entscheidung bis zum Jahresende – vorausgesetzt, dass das geplante Budget für den Bau von 840 Millionen Euro einzuhalten ist. "Die ersten beiden Galileo-Satelliten werden dann voraussichtlich im August 2012 in ihre Umlaufbahn gebracht", sagt OHB-Sprecher Steffen Leuthold.
Wie schnell das System dann fertig gestellt werden kann, hängt aber nicht vom Bau der Satelliten ab, sondern von der Anzahl der Raketen, die pro Jahr gefertigt werden können. Mehr als sieben bis acht Raketen sind derzeit ohne zusätzliche Produktionsstätten nicht möglich – die würden aber nach Abschluss der Galileo-Implementierung nicht mehr gebraucht. Und mehr als zwei der 750 Kilogramm schweren Satelliten kann eine Trägerrakete nicht gleichzeitig an ihre Positionen in 24000 Kilometern Höhe bringen. Und dann ist da noch ein Problem: China hat für das Compass-System bei der International Telecommunication Union Frequenzbänder angemeldet, die sich teilweise mit denen von Galileo überschneiden. "Warum die Chinesen diesen Weg eingeschlagen haben, müssen Sie sie selbst fragen", ärgert sich EU-Kommissionssprecher Fabio Pirotta. Die Antwort ist wohl: Im Falle einer schweren Krise könnte die EU die chinesischen Frequenzen nicht stören, ohne Galileo zu beeinträchtigen.
Davon, dass Galileo noch scheitern könnte, will Fabio Pi- rotta aber nichts wissen: "Die Europäische Kommission und die Esa stehen voll und ganz dazu, das Galileo-Programm umzusetzen." Trotz aller Widrigkeiten ist auch Innovationsforscher Georg Erber überzeugt: "Galileo ist schon hinter dem Point of no return."
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 07/2009 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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