Dies ist ja nicht der erste Generationenwechsel, den die Informationstechnologie erlebt. 1961 bekam das Massachusetts Institute of Technology einen PDP-1-Rechner, und der MIT-Modelleisenbahnbastlerclub machte ihn zu seinem Lieblingsspielzeug. Das war die Zeit der echten Programmierer. Der Ur-Hacker. Von Männern wie Joseph Weizenbaum, der mit Eliza den ersten synthetischen Psychoanalytiker der Welt programmiert hat – obwohl er doch eigentlich nur beweisen wollte, dass seine Studenten zu leichtgläubig auf die Maschinen reagieren. Oder Seymour Cray, dem späteren Vater der legendären Supercomputer-Schmiede Cray. Von ihm wird erzählt, er habe einmal ein selbst entwickeltes Betriebssystem per Kippschalter fehlerlos in den Rechner eingegeben. Damals konnten echte Informatiker noch ungestört durch die unendlichen Weiten des Cyberspace reiten. Männer, die wussten, wie man Superuser im Zentralrechner der Nasa wird. Für die echten Programmierer waren die jungen Leute, die ihnen in den siebziger Jahren nachfolgten, Grünschnäbel, die kleine "persönliche Computer" benutzten und von "digitaler Revolution" schwadronierten.
Die fand dann aber erstaunlicherweise tatsächlich statt. In den neunziger Jahren brachte das Internet neue Stars hervor – Menschen wie Tim Berners-Lee, der das WWW erfunden hat, oder Marc Andreessen. Am 22. April 1993 stellte Andreessen ein Programm ins Internet, das NCSA Mosaic 1.0 hieß (und bald in Netscape umbenannt wurde). Es war der erste frei verfügbare Browser fürs WWW und brachte manchen Nerd ins Sinnieren. Bis dato musste, wer sich durch das Netz bewegen wollte, die komplexen Befehle des Betriebssystems Unix beherrschen. Dank Mosaic ging das nun mit ein paar Mausklicks.
Zusammen mit Jim Clark gründete Andreessen 1994 die Firma Netscape Communications. Was heute im Netz gang und gäbe ist, war damals sehr ungewöhnlich: Der Browser, das Hauptprodukt der Firma, wurde verschenkt – und verbreitete sich dadurch schneller als ein Steppenbrand. Als Netscape 1995 an die Börse ging, schoss der Kurs noch am selben Tag in schwindelerregende Höhen und löste einen fünf Jahre andauernden Run auf Technologie-Aktien aus...
Die Aufregung, mit der die neue Ära einst begonnen hatte, ist verklungen. Betriebssysteme stürzen immer noch ab, aber wir haben uns daran gewöhnt wie an Schlechtwetterlagen. Nach wie vor folgt die Hardware brav dem Mooreschen Gesetz: Sie wird immer kleiner, schneller, billiger, smarter. Aber ständig vom Neuen fasziniert zu sein, ist nicht möglich. Erstaunlichkeit ist keine Qualität, sondern immer nur ein Augenblick der Verwandlung. Das Neue erhebt sich für ein paar Momente aus der Unendlichkeit des Beständigen, dann verschwindet es wieder, oder es wird alltäglich.
Und das bedeutet: Ja, Computer sind unspektakulär geworden. Sie können jetzt endlich (fast) all das, was sie uns schon so lange versprochen haben. Und längst ist eine User-Generation herangewachsen, für die diese Errungenschaften ganz selbstverständlich sind. Große Innovationen wie der PC, Benutzeroberflächen oder Suchmaschinen werden spärlicher. Langweilig wird uns Anwendern deshalb keineswegs werden. So, wie beispielsweise die Internet-Browser nicht langweiliger geworden sind, als Netscape von Microsoft aus dem Rennen gedrängt wurde. Heute, nach einer Phase, in der Microsofts Internet Explorer allgegenwärtig schien, bringen Firefox und Safari die Browser-Welt wieder heftig in Bewegung. Aber wer kennt die Namen der Chefentwickler?
Der auf den vermeintlichen Titanenkampf zwischen Bill Gates und Steve Jobs ausgerichtete Blick auf die Technologieentwicklung im 21. Jahrhundert hat viel mit unserer Freude an vereinfachten Welten zu tun, aber wenig mit der Realität – ein Unternehmen wie Microsoft mit fast 90000 Mitarbeitern lässt sich ebenso wenig auf eine Person reduzieren wie Apple mit seinen 32000 Mitarbeitern. Man fühlt sich an Bert Brecht erinnert, der über die Frage nachdachte, ob historische Helden ihre Großtaten ganz allein vollbringen: "Cäsar schlug die Gallier – hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?"
Vielleicht ist es einfach so: Wir brauchen die großen Popstars der Computerwelt – als Icons, Bilder und Symbole. Sie verkörpern Images und Gefühlsbotschaften und machen die immer ununterscheidbarere Technik für uns unterscheidbar. Ihr individueller Einfluss aber wird zunehmend hinter die Technologie zurücktreten, die sie auf den Weg gebracht haben. Die großen Tage der Computerei scheinen fürs Erste vorbei zu sein. Aber was die Möglichkeit betrifft, dass es vielleicht doch wieder grundlegende und umwerfende Neuigkeiten in der digitalen Welt geben könnte, wusste schon Einstein, worauf es ankommt: "Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen scheint." Ob es sich nun um kleine Mülltonnen mit Spielmatsch handelt oder um kleine digitale Maschinen für alle, mit denen wir unsere Welt nach wie vor auf fantastische und tiefgreifende Weise verändern.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 03/2009 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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