Das von der US-Regierung vorgeschlagene Budget 2011 erzwingt einen radikalen Kurswechsel der NASA.
Am Montag hat die US-Regierung den Haushalt 2011 für die Raumfahrtagentur NASA vorgestellt. Mit diesem Entwurf wird das ehrgeizige Programm für bemannte Raumflüge, das die Vorgängerregierung unter Präsident George W. Bush im Januar 2004 beschlossen hatte, endgültig zu Grabe getragen.
Die Obama-Regierung weist der NASA für 2011 19 Milliarden US-Dollar zu, das ist eine geringfügige Steigerung um 300 Millionen gegenüber 2010. Auch in den kommenden Jahren soll der Haushalt weiter leicht steigen – insgesamt will die US-Regierung in den kommenden fünf Jahren mehr als 100 Milliarden Dollar für die Raumfahrt ausgeben. Doch auf der anderen Seite ist genauso klar: Mit diesem Haushalt wird das so genannte Constellation-Programm beendet, dessen zentrales Ziel eine erneute bemannte Mondlandung bis 2020 war. Dafür sollte sowohl ein neues Trägerraketen-System, die Ares I und die Ares V, entwickelt werden, als auch das so genannte Orion-Raumschiff.
Das Constellation-Programm „war teuerer als geplant und hinter dem Zeitplan“ erklärt die US-Regierung zum jetzt vorgestellten NASA-Budget. Aber selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, sei „die Idee, viele der Errungenschaften des Apollo-Programms 50 Jahre später noch einmal zu wiederholen“, gemessen an den Alternativen, die „am wenigsten attraktive Möglichkeit“ der Erkundung des Weltalls.
Ein wesentlicher Teil des Kurswechsels wird die Zusammenarbeit der NASA mit privaten Unternehmen sein. „Kommerzielle Trägerraketen haben seit Jahren die meisten US-Satelliten, sowohl private als auch militärische und wissenschaftliche Satelliten, ins All befördert“, schreibt die US-Regierung. Diese Tendenz will man nun stärker forcieren - die privatwirtschaftliche Entwicklung eines Spaceshuttle-Nachfolgers, mit dem Astronauten zur internationalen Raumstation ISS befördert werden können, ist einer der Ecksteine der neuen NASA-Ausrichtung. Die Agentur soll zu diesem Zweck insgesamt sechs Milliarden Dollar bereitstellen; 500 Millionen davon sind im Haushalt 2011 eingeplant.
Der Haushaltsplan enthält zudem 7,8 Milliarden Dollar für die Entwicklung „kritischer Technologien“, die für kommende Missionen essentiell sind. Als Beispiel nannte die NASA unter anderem Systeme, die die Betankung von Raumschiffen im All ermöglichen, automatisierte Andock- und Rendevous-Systeme sowie vollständig in sich geschlossene Lebenserhaltungs-Systeme für Langzeit-Missionen. All diese Technologien könnten nicht nur in späteren NASA-Missionen verwendet werden, sondern auch in privaten Raumflügen von Unternehmen wie Bigelow Aerospace, Orbital Sciences oder SpaceX. Für Missionen über die niedrige Erdumlaufbahn hinaus sollen zudem Schwerlast-Trägerraketen entwickelt werden; ein Zeitplan für diese Entwicklung ist allerdings noch nicht festgeschrieben.
Sowohl die NASA als auch die US-Regierung scheinen sich im wesentlichen an der Empfehlung eines „flexiblen Pfades“ der so genannten Augustine-Kommission zu orientieren. Das unabhängige Expertengremium hatte im vergangenen Herbst eine Analyse der NASA-Pläne vorgelegt, und verschiedene Alternativen dazu diskutiert. Der „flexible Pfad“ sieht keine Mondlandung bis 2020 vor; die Möglichkeit späterer interplanetarer Missionen soll aber offen gehalten werden. Die dafür notwendigen Meilensteile technischer Entwicklung will man stattdessen in Flügen zu erdnahen Asteroiden oder den Lagrange-Punkten entwickeln. Der massive Aufwand, den eine bemannte Mission zum Mond, oder gar eine Mondbasis bedeuten würde, sei für die Vorbereitung interplanetarer Missionen nicht unbedingt notwendig.
Welche Ziele das konkret sind, darüber schweigt sich der Entwurf allerdings aus. Auch wann die NASA bereit ist, über den niedrigen Orbit hinaus zu gehen, ist dem Haushalt nicht zu entnehmen. „Statt fester Missionsziele und Zeitpläne definieren wir jetzt technische Fertigkeiten“, die solche Missionen ermöglichen, erklärte der stellvertretende Leiter der NASA Lori Garver am gestrigen Montag auf einer Pressekonferenz.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Veröffentlichung der neuen NASA-Strategie auf den siebten Jahrestag des Columbia-Absturzes fällt – bei dem missglückten Wiedereintritt in die Atmosphäre waren alle sieben Astronauten an Bord zu Tode gekommen. Letztendlich hat aber genau diese Katastrophe eine Entwicklung in Gang gesetzt, die logischerweise in die aktuellen Vorschläge mündet. Es gilt allerdings als wahrscheinlich, dass der Haushaltsplan im US-Kongress auf energische Gegenwehr stoßen wird, besonders von den Abgeordneten, in deren Wahlkreis Arbeitsplätze verloren gehen sollen. Senator Richard Shelby etwa, Vorsitzender des Ausschusses, in dem das NASA-Budget beraten wird, hat seine Haltung bereits klar gemacht: „Das vom Präsidenten vorgeschlagene NASA-Budget läutet das Ende für die Zukunft der US-Raumfahrt“, erklärte er. Einem solchen Budget werde er niemals zustimmen.
Die Befürworter der kommerziellen Raumfahrt dagegen sind sehr zufrieden. „Das NASA-Investment in den kommerziellen Raumflug schafft eine Win-Win-Situation“, sagt Brett Alexander, Präsident der Lobbygruppe Commercial Spacefligth Federation. „Das schafft tausende von Hightech-Arbeitsplätzen in den USA, und verhindert, dass wir den Russen Milliarden von Dollar zahlen müssen“.
Permalink: http://heise.de/-920210