Alles, was Sie von jetzt an denken ...
29.08.12 – Susanne Donner
... kann künftig vor Gericht für oder gegen Sie verwendet werden. Forscher können mittels Hirnscans immer genauer sagen, wer lügt und wer die Wahrheit sagt. Wissenschaftler halten die Methode zwar noch für unausgereift, aber das hindert Forensiker nicht am Einsatz in einem Prozess.
Der Vorwurf der US-Justiz gegen Lorne Allan Semrau aus Tennessee wiegt schwer. Er betreibt ambulante Pflegedienste, die über fingierte Rechnungen drei Millionen Dollar bei den Krankenkassen erschlichen haben sollen. Im Juni 2007 wird Semrau in sechzig Fällen des Betrugs angeklagt.
Er streitet alles ab – die Buchungen seien auf Fehler bei der komplizierten Abrechnung zurückzuführen. Um seine Unschuld zu beweisen, greift Semrau zu einer völlig neuen Waffe: Er lässt sein Gehirn per funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT, siehe Kasten S. 28) durchleuchten. Und tatsächlich glauben hinzugezogene Experten, aus dem Hirnscan Semraus Unschuld herauslesen zu können.
So irritierend die Methode auf Außenstehende wirken mag – für den Bielefelder Neurophysiologen Hans J. Markowitsch hat das Zeitalter der forensischen MRT schon begonnen. „Verfahren des Neuroimagings zur Klärung der Wahrhaftigkeit von Aussagen werden sich künftig wohl kaum aus der strafprozessualen Beweiserhebung heraushalten lassen“, schreibt er gemeinsam mit dem Strafrechtsprofessor Reinhard Merkel in einem Aufsatz. Markowitschs Wort hat Gewicht, ist er doch Deutschlands führender Gerichtsgutachter aus dem Bereich der Neurowissenschaften. Auch im Kachelmann-Prozess war seine Expertise gefragt.
Damit steht eine Frage im Raum, die am Selbstverständnis des Menschen rüttelt: Ist Gedankenlesen doch möglich? Beinahe monatlich melden Forscher spektakuläre Erfolge beim Versuch, Überlegungen und Erinnerungen aus den Hirnaktivitäten herauszulesen. Lange waren die Experimente wenig mehr als ein Faszinosum. Sollten die derart gewonnenen Daten nun aber vor Gericht Bestand haben, wird es ziemlich ernst: Fortan würden Hirnscans mitentscheiden über Schuld oder Unschuld, Gefängnis oder Freiheit – und im Extremfall sogar über Tod oder Leben.
(grh)
