Als wärst du bei mir
19.12.12 – Ben Schwan
Roboter auf Visite: Der von InTouch Health entwickelte RP-7i macht es Ärzten möglich, sich um ihre Patienten zu kümmern, ohne in der Klinik zu sein.
Jahrzehntelang versuchte die Industrie, Kunden die Bildtelefonie schmackhaft zu machen. Erst jetzt setzen sich Videopräsenzsysteme im privaten Umfeld durch. Dahinter stecken IT-Riesen wie Apple, Google und Microsoft.
Der junge US-Soldat in der Apple-Werbung sieht glücklich aus. Seine schwangere Frau, die gerade bei ihrer Ultraschalluntersuchung ist, lächelt in die Kamera, zeigt ihren runden Bauch und das erste Bild des Ungeborenen. Der Mann ist den Tränen nahe, obwohl er viele Tausend Kilometer entfernt an seinem Einsatzort sitzt. Der TV-Spot, zu dem im Hintergrund Louis Armstrong sein „When You’re Smiling“ knarzt, soll dem Zuseher vermitteln: Der Dienst „FaceTime“ des Elektronikriesen verbindet Menschen über Grenzen hinweg – und lässt dabei auch die Emotionen nicht zu kurz kommen.
Schafft Apple nun, was allen anderen Konzernen zuvor gründlich missglückt ist? Werden die Menschen endlich Bildtelefonierer? Erste Versuche, die Bildtelefonie zu kommerzialisieren, gab es schon im Jahr 1936. Damals konnten sich Menschen in sogenannten Fernsehsprechstellen zwischen Großstädten wie Berlin oder München über große Distanzen austauschen – Fern-Sehen eben. In den 1980er-Jahren dann erlaubten technische Großversuche wie das in den achtziger Jahren von der Bundespost aufgebaute alte Glasfasernetz Unternehmen, miteinander in hoher Bildqualität zu kommunizieren. Doch über einen Probebetrieb kam die teure Technik kaum hinaus – und Privatleute hatten gar keinen Zugriff.
Etwas später sollte die ISDN-Bildtelefonie, ebenfalls vorangetrieben durch die Bundespost, die Wohnzimmer erobern. Doch kaum jemand nutzte sie – was vermutlich an den hohen Minuten- und Gerätepreisen lag. Genauso wenig Zuspruch fand die mobile Bildtelefonie, die nach dem kommerziellen Start der schnellen Mobilfunktechnik UMTS im Jahr 2004 großflächig eingeführt werden sollte. Doch die damals mit 384 Kilobit pro Sekunde sehr bescheidene Bandbreite übertrug lediglich briefmarkengroße Bilder, dazu kamen teure Tarife, und so biss kaum ein Kunde an. Auch sahen viele potenzielle Anwender keinen zusätzlichen Nutzen in der neuen Technologie. Erstens ist es oft nicht sinnvoll, den Gesprächspartner während der Konversation zu sehen. Zweitens durften sich die Teilnehmer während des Telefonats wegen der schlechten Übertragungsqualität kaum bewegen, was vom Gespräch ablenkte. Und drittens wollten längst nicht alle jedes Videogespräch annehmen und sich vor teilweise völlig Unbekannten zeigen. Vor allem Letzteres sei der Pferdefuß gewesen, meint Alexander Raake, der am Institut für Telekommunikationssysteme der TU Berlin internetbasierte Anwendungen erforscht und sich seit Langem mit der Technik beschäftigt. Anders sieht es ihm zufolge bei Personen aus, die sich näherstehen. Zwischen ihnen vermittele ein Video zusätzlich Emotionen und nonverbale Elemente.
(grh)
