Harvard-Wissenschaftler David Sinclair will mit einer verbesserten Variante des Rotwein-Wirkstoffs Resveratrol das Altern verlangsamen.
TR: Dr. Sinclair, Sie wollen mit Ihren Medikamenten altersbedingte Krankheiten behandeln und so das Altern hinauszögern. Ist das aber nicht ein natürlicher Prozess, der sich nicht aufhalten lässt?
Sinclair:] Altern ist sehr wohl eine Krankheit. Es ist nur insofern eine Ausnahme, als fast jeder von uns daran erkrankt. Die Tatsache, dass Altern eine der tödlichsten Krankheiten auf diesem Planeten ist, sollte uns noch mehr anspornen, etwas zu tun. Wir können sie aber behandeln. Wir sind wahrscheinlich die letzte Generation mit einer normalen Lebenserwartung von 80 bis 85 Jahren. Allerdings glaube ich nicht, dass wir unsterblich sein werden. Die Lebenserwartung ist im Laufe der Geschichte doch ohnehin schon stark gestiegen – etwa durch bessere Hygiene und Impfungen.
In den nächsten zehn, höchstens 15 Jahren sehe ich weitere radikale Veränderungen in der Medizin auf uns zukommen, mit denen man mehrere Alterserkrankungen auf einmal behandeln kann. Junge Erwachsene und selbst Menschen im mittleren Alter werden davon profitieren. Unsere Kinder werden mit 95 noch mit ihren Enkeln Tennis spielen.
Muss man den Alterungsprozess nicht genau kennen, um etwas dagegen tun zu können?
Altern hat viele Ursachen, über die sich die Wissenschaftler immer noch uneins sind. Aber wir müssen gar nicht wissen, wie der Mechanismus bis ins letzte Detail funktioniert. Wir kennen nun einige wichtige Gene, die Alterungsprozesse regulieren, und können sie ins Visier nehmen. Ich will unsere Gesundheitsspanne verlängern und ein Medikament entwickeln, mit dem ich eine Krankheit – das Altern – behandeln kann, indem ich 20 andere verhindere.
Das klingt sehr ambitioniert. Wo setzt Ihre Forschung an?
Es wurden bislang mehr als zwanzig Gene identifiziert, die für ein langes Leben verantwortlich sind, und es wird immer deutlicher, dass viele dieser Gene auch unsere Gesundheit steuern. Diejenigen, an denen ich arbeite, heißen Sirtuine. Sie bilden sozusagen die Baupläne für Enzyme, die ebenfalls Sirtuine heißen. Bestimmte Substanzen wie der Rotwein-Bestandteil Resveratrol machen diese Enzyme aktiver, vor allem das „SIRT1“, ...
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