Der Begriff Web Services wurde ein Marketing-Werkzeug, lange bevor die dafür nötige Technologie reif war. Im Prinzip geht es dabei um die einfache, aber mächtige Idee, dass das Web mehr sein sollte als ein Medium, in dem die Nutzer vorformatierte Dokumente abrufen können: Es soll auch die Möglichkeit bieten, dass Programme untereinander kommunizieren und Daten austauschen. Mit der offenen Extensible Markup Language kann ein Datensatz nach seinem Inhalt gekennzeichnet werden - zum Beispiel als Telefonnummer, Preis oder Buchtitel. Web-Software kann diese Daten dann von einer anderen Site abrufen und sie dem Endnutzer auf beliebige Weise präsentieren.
Ein Unternehmen, das seinen reichen Datenschatz teilen will, muss ihn also nur in das öffentliche Web stellen und Programmierern ein paar Werkzeuge an die Hand geben, um darauf zuzugreifen. Diese Werkzeuge haben einen komplizierten und für Nicht-Fachleute einschüchternden Namen: Application Programing Interfaces oder kurz APIs. Aber ihre Funktion ist leicht zu verstehen. Sie bestehen aus kleinen Stücken Computercode, mit deren Hilfe kleine Programme mit großen Systemen wie etwa Microsofts Windows kommunizieren können. Im Fall von Web Services ist ein API eine Sammlung von Befehlen, über die Programmierer mit großen, datenbankbasierten Websites interagieren können.
Über die Wandlung von Amazon zum Web-Service-Unternehmen gibt es zwei Versionen. Eine stammt von Tim O'Reilly, einem bekannten Vordenker und Verleger. Er habe im Jahr 2000 damit begonnen, für Web Services zu werben, sagt O'Reilly. "Ich habe Jeff Bezos getroffen, um ihn für Web Services zu gewinnen", schrieb er im Juli 2002 in seinem Weblog. Als er die Vorteile ausmalte, habe er Bezos' Interesse geweckt - und der habe wenig später festgestellt, dass es in seinem Haus bereits ein Geheimprojekt dieser Art gab.
Zu dem Team gehörte Robert Frederick, ein 31-jähriger leitender Techniker - und der datiert den Beginn des Projekts zurück bis zu seiner Einstellung im Jahr 1999. Er sollte einen Weg finden, wie die vielen Informationen der Amazon-Website vereinfacht auch auf den Bildschirmen von Mobiltelefonen, PDAs und Pagern dargestellt werden können, die alle nach anderen Formaten verlangten. Das Team entwickelte eine Webserver-Software, die Produktdaten abrufen und zumindest für ein paar dieser Geräte aufbereiten konnte.
Das Projekt, genannt Amazon anywhere, war so erfolgreich, dass Frederick beauftragt wurde, alle Webserver mit der Software auszustatten, damit Partner Amazon-Daten besser darstellen könnten. "Um das umzusetzen", sagt Frederick, "setzte ich mich für die Trennung der Darstellungslogik von unserer Geschäftslogik ein." Klingt nach Programmier-Sprech - aber diese Einsicht war womöglich tatsächlich der Schlüssel zu Web Services bei Amazon. Sie lief darauf hinaus, dass das Unternehmen seine Website nicht mehr als riesige Einzelapplikation betrachtete, die Produktinformationen speichert, Kundenkonten verwaltet, Informationen an Webbrowser schickt, Käufe abwickelt und so weiter.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 02/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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