Stattdessen, sagt Frederick, wurde Amazon.com als Satz von Bausteinen gesehen: der Datenbank, den APIs für den Zugriff darauf und die Umwandlung in das XML-Format sowie Vorlagen für die Gestaltung der Seiten in den Web-Browsern der Kunden. Für Partner wäre es umso leichter, ihre eigenen Web-Schaufenster auf der Basis von Amazon-Daten zu bauen, je konsequenter diese Trennung angegangen würde, argumentierte Fredericks - und schaffte es, seine Vorgesetzten zu überzeugen.
"Als wir XML umgesetzt hatten, dachten wir: Wow, die Zukunft ist da", sagt Jeff Barr, Programm-Manager für Amazon WebServices. "Also entschlossen wir uns, das zu formalisieren und die Entwicklerwelt dazu einzuladen, es sich anzuschauen. Sie sollten sehen, worum es geht, und damit etwas Neues schaffen."
Die Entwickler nahmen die Einladung an. Bis November 2004 wurden die WebServices-APIs 65.000-mal heruntergeladen. Wie viele Kaufvorgänge jeden Tag über eine der wachsenden Zahl von Satellitenseiten ausgelöst werden, will Amazon nicht sagen. Experten schätzen die Zahl der Anfragen auf täglich zehn Millionen.
Amazon ist bei weitem nicht das einzige Unternehmen, das Web Services erforscht. IBM zum Beispiel hat seine Webserver-Software Websphere für freie Entwickler geöffnet und will in diesem Jahr eine Milliarde Dollar in Web Services für Geschäftskunden stecken. Eines der IBM-Projekte: ein System, das XML und andere Standards nutzt, um die disparaten Datenbanken von Händlern, Banken und Kreditkartenfirmen zu vereinigen; es soll helfen, Streitigkeiten um Kreditkartenzahlungen schneller zu lösen.
Tatsächlich könnte die größte Auswirkung von Web Services nicht wie bei Amazon in der Verbreitung von Informationen eines Einzelunternehmens liegen, sondern in der Standardisierung von Geschäftsprozessen ganzer Branchen, sagt Michael Liebow von der IBM-Beratungssparte Global Services. "Amazon ist ein Einzelfall", sagt er, "es ist eine Art geschlossenes System, und es gibt noch eine gewisse Kontrolle darüber."
Das stimmt: Amazon behält sich das Recht vor, seine Web Services jederzeit zu schließen. Aber das würde die seltene Symbiose auf einen Schlag zerstören. "Entwickler sind einfach eine andere Art von Kunden für uns", sagt Manager Barr, "und ihre Arbeit wird uns immer weitere unterschiedliche Kundengruppen erschließen." So hat es Amazon geschafft, von der normalerweise eher unternehmensfeindlichen Hacker-Subkultur neue Käufer quasi frei Haus geliefert zu bekommen.
(entnommen aus Technology Review Nr. 2/2005; das komplette Heft können Sie hier bestellen)
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 02/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
Permalink: http://heise.de/-277147