Nanotech-Materialien besitzen zahlreiche neuartige Eigenschaften, die sie für ganz besondere Einsatzformen nützlich machen. Allerdings ist nach wie vor unklar, wie sich diese Materialien ganz genau im Körper und in der Umwelt verhalten. Die viel gelobten Nanotech-Eigenschaften könnten dort potenziell gefährlich wirken.
Eine unabhängige nordamerikanische Studie kommt nun zu dem Schluss, dass die bestehenden US-Gesetze nicht ausreichen, Konsumenten vor potenziellen Nano-Gefahren zu schützen. Das Papier des Woodrow Wilson International Center for Scholars, das von J. Clarence Davies verantwortet wurde, schlägt neue gesetzliche Regelungen vor, die die Nano-Unternehmen dazu zwingen würden, nachzuweisen, dass ihre Produkte ungefährlich sind.
Der direkte Ruf nach dem neuen Nano-Gesetz ist nur der jüngste Schlagabtausch in einer bereits länger andauernden Debatte um die Sicherheit der Nanotechnologie in den USA. So wird einerseits von Marktliberalen argumentiert, dass ein solches Gesetz kleine Unternehmen schädigen und Innovation behindern könnte. Moderate Diskussionsteilnehmer räumen wiederum die aktuellen Probleme der Nano- Regulierung (etwa ihre deutliche Unterfinanzierung) in den USA zwar ein, meinen aber, dass eine freiwillige Selbstregulierung durch die Industrie (oder mehrere derartige Gesetze) mehr Sinn macht. Schließlich wären da noch die Nano-Kritiker, die gleich einen Stopp der Nano-Entwicklung fordern, solange die möglichen Gefahren nicht genau untersucht sind.
Das Wilson-Papier macht nun klar, dass die bestehenden Gesetze und Regulierungsansätze in den USA nicht für die Nanotechnologie entworfen wurden. Zudem würden ganze Produktkategorien ausgelassen, beispielsweise Kosmetikartikel, in denen Nanotechnologie in Zukunft eine bedeutende Rolle spielen wird. Ebenfalls unreguliert sind bestimmte Chemikalien, weil sie bislang in sehr geringen Mengen hergestellt werden. Das passt nun gar nicht zur Nanotechnologie, in der auch geringste Mengen eines Stoffes eine enorme Wirkung haben.
Derzeit würden neue Chemikalien in den USA je nach Ähnlichkeit zu bestehenden chemischen Zusammensetzungen in Toxizitätskategorien eingeteilt, wie Richard Denison, Chefwissenschaftler bei der Umweltorganisation Environmental Defense in Washington, erklärt. Für eine ähnliche Einteilung existieren bei Nanomaterialien jedoch zu wenige Erfahrungen. Sie können zwar die gleiche chemische Zusammensetzung besitzen, aber andere Formen und Größen. Und genau das unterscheidet sie womöglich dramatisch von Vergleichsmaterialien.
Ohne eine Kategorisierung müsste jedes Nano-Produkt aber einzeln beleuchtet werden – ein bürokratischer Albtraum. Was fehlt, so die Wilson-Studie, sei Grundlagenforschung, die sowohl den Behörden als auch der Industrie begreiflich macht, welche Partikel potenziell gefährlich sind. Und dazu braucht es deutlich mehr Investitionen – eine Tatsache, die von nahezu allen Diskussionsteilnehmern so gesehen wird.
Die Wilson-Studie untersucht auch die negativen Auswirkungen, die ein neues Nano-Gesetz auf kleine Unternehmen haben könnte. Um diese auszugleichen, könnte die Regierung Unterstützungsprogramme auflegen, die Start-ups durch den Zulassungsprozess begleiten. Studienautor Davies meint zudem, dass die meisten kleinen Nanotech-Firmen sowieso später mit größeren Unternehmen zusammenarbeiten, um Produkte auf den Markt zu bringen – dann könnte ein Konzern das Regulierungsrisiko tragen.
Greg Schmergel, Chef des Nano-Start-ups Nantero aus Massachusetts, ist davon allerdings nicht überzeugt. Er glaubt, dass neue Regulierungsansätze und Vorschriften die Macht in Richtung Großkonzerne verschieben und das Fortkommen der Branche insgesamt verlangsamen könnten.
Trotz dieser Risiken für die Innovation sind sich viele Diskussionsteilnehmer einig, dass die Risiken der Nicht-Regulierung größer wären – sowohl für den Menschen und die Umwelt als auch für die Nanotech-Industrie selbst. Will die Branche auf lange Sicht erfolgreich sein, kann sie sich keine Gesundheits- und Umweltskandale leisten.
Trotzdem dürfte die Diskussion um ein neues US-Nano-Gesetz vorerst rein akademisch bleiben. Neue Regulierungsansätze dürften weder vom konservativen Kongress noch von der Bush-Regierung verabschiedet werden. Historisch gesehen braucht es in den USA wohl erst eine Katastrophe, um genügend Konsens zu erzielen, ein entsprechendes Gesetz auf den Weg zu bringen. Die Nano-Branche will nun aber versuchen, von vorne herein auszuschließen, dass es Probleme gibt. Ob das klappt, bleibt abzuwarten. Unterdessen bleibt es Aufgabe der Grundlagenforschung, ein solides Fundament zu liefern, damit die Politik überhaupt korrekt regulieren könnte – wenn sie denn wollte.
Von Kevin Bullis; Übersetzung: Ben Schwan.
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