Illustration: ITF Grafikdesign
Ich fürchte mich vor Krebs, Sie fürchten sich vor der Klimaerwärmung. Ich fürchte mich vor Zigarettenqualm, Sie fürchten sich vor genveränderten Produkten. Zunächst jedoch fürchte ich mich vor Terrorismus. Es ist Spätsommer in London, und zugegeben, ich bin etwas nervös, als ich die UBahn- Haltestelle betrete. Hunderte Menschen steigen hinab zu den Zügen, bepackt mit Tüten und Koffern. Kein Polizist ist zu sehen. Bin ich der Einzige, der sich fragt, ob in jenem großem Rucksack eine Bombe steckt? Ein paar Wochen nach den U-Bahn-Attentaten vom Juli wirkt London trotzig: Auf Spruchbändern prangt "Sieben Millionen Londoner -- ein London". Und ich dazwischen fühle mich als ängstlicher Amerikaner.
Oft wird der Gegensatz zwischen vermeintlich typisch europäischer Übervorsicht und typisch amerikanischer Freude zum Risiko konstruiert. Aber wenn ich eines aus meiner Zeit in Europa gelernt habe, dann dies: Solche Pauschalisierungen sind sinnlos. Sicherlich ist Risikowahrnehmung kulturabhängig. Aber Kulturen sind komplex und wandeln sich ständig. Immerhin kann ich mich neuerdings auf wissenschaftlichen Beistand stützen. Eine Studie im Fachmagazin "Risk Analysis" vergleicht, wie der Umgang mit hundert Risiken in Europa und den USA geregelt ist. Das Ergebnis: Insgesamt ist keine Seite vorsichtiger als die andere. Wir fürchten uns alle gleich viel -- wenn auch vor unterschiedlichen Dingen.
Bevor wir den transatlantischen Vergleich weitertreiben, einige grundsätzliche Fakten: Menschen bewerten Risiken hoffnungslos irrational. Zum Beispiel laufen die meisten von uns mehr Gefahr, bei einem Autounfall zu sterben, als bei einem Flugzeugabsturz, dennoch hilft dieses Wissen wenig gegen das mulmige Gefühl beim Abheben. Das liegt daran, erklärt Julie Downs von der Carnegie Mellon University, dass wir uns mit Risiken wohler fühlen, die wir unter Kontrolle zu haben glauben. Die Direktorin des Center for Risk Perception and Communication hat ein weiteres Beispiel für diesen "Kontrolleffekt": Frauen und soziale Minderheiten sind risikoscheuer als reiche, weiße Männer, weil diese meinen, ihr Leben besser im Griff zu haben.
Daneben prägt auch der "Horrorfaktor" die Risikowahrnehmung, sagt Downs. Haiattacken und Milzbrand wirken gefährlicher, weil die Betroffenen durch sie auf grauenhafte Art und in größerer Zahl auf einmal sterben. Ein dritter Faktor unserer Risikowahrnehmung ist, ob wir einen Nutzen erkennen, sagt George Gray, früherer Direktor des Center for Risk Analysis der Universität Harvard. Ein Beispiel ist der Umgang mit Strahlung. Sonnenstrahlen wärmen und bräunen, da vergisst man gern die Sorge vor Hautkrebs. Von der Strahlung eines Kernreaktors fühlen wir uns eher bedroht, weil wir nicht ohne weiteres den Zusammenhang zum Strom aus der Steckdose herstellen.
Für den wichtigsten Faktor der Risikowahrnehmung halte ich jedoch die Zeit. Neue Risiken machen mehr Angst als alte. Ich kenne viele Menschen mit Flugangst, aber sie alle sind über 30 - alt genug, um Fliegen als etwas erlebt zu haben, das einer Anpassungsleistung bedarf. Der Zeitfaktor kann auch das Laisserfaire in der Londoner Underground im Vergleich zur New Yorker Subway erklären. Terrorismus ist altbekannt in Europa -- man denke an Nordirland und Israel. In den USA beginnt man erst, sich mit ihm zu arrangieren. Wie die Zeit die Wahrnehmung eines Risikos mildert, konnte ich auf einer Studienreise im niederländischen Middelburg beobachten. Das Städtchen wäre 1953 fast zerstört worden, als eine Sturmflut große Teile der Niederlande unter Wasser setzte. Danach verstärkte man die Deiche, sodass sie Flutereignissen standhalten, die statistisch nur alle zehntausend Jahre auftreten. Wir befragten die Einheimischen danach, wie sie die Risiken der Dammsicherheit wahrnehmen. Einige Ältere erinnerten sich an die alten Schrecken. Aber die meisten Middelburger dachten überhaupt nicht an die Risiken.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 12/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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