Sprung in eine andere Küstenstadt: New Orleans. Seine Dämme waren für Einmal-in- 200-Jahren-Stürme ausgelegt. Nach Hurrikan Katrina werden die Dämme haltbarer gebaut werden. Aber ich frage mich, wie sich die Wahrnehmung des Risikos mit der Zeit wandeln wird. In ein paar Jahrzehnten ist die Hurrikangefahr vielleicht nur noch eine Geschichte, die grauhaarige Veteranen erzählen. Risikoforscher halten solche Abläufe für den Hauptfaktor beim Umgang mit Risiken. Wenn sich also die Neigung zur Risikovorsorge zyklisch ändert, nicht kulturabhängig: Warum wird die amerikanische Kultur dennoch als wagemutiger gesehen, die europäische als vorsichtiger?
Der Politologe Brendon Swedlow von der Universität Nord- Illinois erklärt es damit, dass "Risikofreude in den USA in Verbindung mit wirtschaftlichem Erfolg gebracht wird". Gibt es einen besseren Ort, um etwas zu riskieren, als ein Land, in dem die ersten Siedler in der Wildnis ihr Leben aufs Spiel setzten? Dagegen habe Europa eine längere Geschichte, eine kollektivistische Tradition und starke soziale Netze, gespannt vom Staat. Man könnte folgern, dass dort mehr auf dem Spiel steht. Dies könnte der Hintergrund des Vorsorgeprinzips sein.
Im deutschen Gesetz taucht das Vorsorgeprinzip seit den 70er Jahren auf. Inzwischen gewann es globale Bedeutung: Die Rio-Deklaration, die Klima-Rahmenkonvention und das Cartagena-Protokoll zur Biosicherheit erwähnen es. Es ist offizielle Grundlage der EU-Umweltpolitik. Eine übliche Formulierung geht so: Wenn zu wenig über das Ausmaß eines Risikos bekannt ist, dann sind alle möglichen Maßnahmen zu ergreifen, um dieses Risiko gering zu halten.
Risikoforscher wie Gary Marchant von der Universität von Arizona meinen, dass Europa im Namen der Vorsorge zu weit gegangen sei. Norwegen verbot Cornflakes, weil Kellogg's ihnen Vitamine zusetzte. Dänemark verbot Cranberrysaft wegen beigemischtem Vitamin C. Frankreich verbot koffeinierte Energiedrinks aufgrund der Gesundheitsgefahr für Schwangere. Die Verbote wurden später von EU-Gerichten aufgehoben, dennoch sieht Marchant in ihnen einen bedenklich wissenschaftsfeindlichen Trend: "Der Abstand zu Amerika wird größer und größer."
Es ist noch selten, dass Risikoforscher langfristige Trends quantitativ untersuchen. Gray verglich die Grenzwerte für Pestizide in Lebensmitteln, wie die US-Umweltbehörde und die Welt-Gesundheitsorganisation sie festsetzen. Er stellte fest, dass die Amerikaner weitaus vorsichtiger waren, mit strengeren Grenzwerten in 32 von 38 Fällen. Die erwähnte Studie in "Risk Analysis" zog den europäisch-amerikanischen Vergleich für 100 zufällig aus 3000 ausgewählten Risiken, die zwischen 1974 und 2004 staatlich geregelt wurden. Es war kein wesentlicher Unterschied zwischen den Kontinenten erkennbar. Aber Zahlen sagen wenig über Risiken. Auf die Wahrnehmung kommt es an. Für mich ist Europa der riskantere Ort. Hier bin ich auf Entdeckungsreise gegangen. Ich habe bewusst Risiken gesucht. "Wir müssen etwas riskieren, um voranzukommen", sagt Downs. "Sonst würden wir noch in Höhlen leben."
In Europa fühle ich mich als Cowboy. In den engen Gassen von Cambridge schließe ich mich den Scharen unbehelmter Radler an. In Pubs atme ich bereitwillig den Zigarettenqualm ein. Als ich an einer Londoner Schule als Lehrer arbeitete, baute ich eine Kartoffelkanone. Zum Entzücken meiner Schüler schoss ich Knollen über die Themse. In Amerika hätte ich dafür die schriftliche Genehmigung der Eltern einholen müssen. Mein liebstes Risiko in Europa ist Rohmilchkäse. In den USA ist er verboten, weil jedes Jahr ein paar Europäer an den Bakterien sterben, überwiegend Alte mit schwachem Immunsystem. Aber so ein zäher, gut gereifter Camembert? Dieses Wagnis gehe ich ein.
(Text entnommen aus Technology Review Nr. 12/2005; das Heft können Sie hier bestellen.)
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 12/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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