Apple umarmt die Podcaster
01.06.05 – Eric Hellweg; Übersetzung: Ben Schwan
Als Apple-Boss Steve Jobs am 22. Mai ankündigte, dass die nächste Version der Apple-Jukebox-Software iTunes, die auch den Online-Musikladen iTunes Music Store enthält, eine Podcasting-Unterstützung mitbringen werde, ging es hoch her in der aufstrebenden Internet-Audio-Szene. Und das mit gutem Grund: iTunes 4.9, das in den nächsten 60 Tagen verfügbar sein soll, ist ein wichtiges Signal für die wachsende Podcasting-Bewegung, deren Hobby damit auch endlich weniger technisch bewanderten Usern zugänglich gemacht werden könnte.
Podcasting ist ein relativ neues Phänomen. Dabei gestalten die User kurze bis mittellange Audio-Programme, die sich dann per RSS auf einen iPod oder einen anderen digitalen Musikspieler herunterladen lassen. Podcasts beschäftigen sich normalerweise jeweils mit einem bestimmten Thema - beispielsweise Kochen oder Sport. Andere Angebote enthalten herunterladbare Versionen traditioneller terrestrischer Radiosendungen. Inzwischen gibt es diverse Podcasting-Verzeichnisse, über die man recht einfach an interessante Sendungen gelangt.
Podcasting-Start-ups wie Odeo, in den USA groß in den Medien, fürchten nun ähnlich wie andere bereits bestehende Angebote, dass Apples iTunes zum dominierenden Ort werden könnte, an dem die Leute neue Podcasts entdecken -- ähnliche wie dies im Bereich legaler Online-Musik der Fall ist, in dem Apple der marktführende Player ist.
"Als ich die Ankündigung zum ersten Mal sah, hielt ich sie für eine ziemliche Überraschung. Das könnte uns tatsächlich schaden", sagt Evan Williams, einer der Gründer von Odeo, einer jungen Firma, die den Usern helfen will, Podcasts zu erstellen und Podcasts online zu finden. "Später dachte ich mir, dass es vielleicht doch ganz gut für uns sein könnte. Schließlich lernen dadurch mehr Leute Podcasting kennen und das hilft dem gesamten Sektor." Williams meint auch, dass der Apple-Eintritt in den Markt ein Zeichen für die aktuelle Verrücktheit im Podcasting-Markt sei. "Ich habe noch nichts gesehen, dass so schnell abgehoben ist."
Williams' letztere Bemerkung ist ziemlich bemerkenswert: Schließlich war der Mann vor seinen Odeo-Aktivitäten Gründer von Blogger.com, dem Unternehmen, dass zu den Geburtshelfern des inzwischen riesigen Weblog-Phänomens zählte und nun eine Google-Tochter ist.
Auch bei anderen Podcasting-Anbietern ist der "Apple-Effekt" bereits spürbar. "Seit Sonntag ist unser Traffic deutlich angestiegen", sagt Dannie Gregoire, Präsident und CEO von Podcast.net, einem großen Podcasting-Verzeichnis-Anbieter. Apple bringe viel Aufmerksamkeit und mehr Glaubwürdigkeit in den Sektor.
Die Podcasting-Bewegung ist trotz der vielen Schlagzeilen, die sie in letzter Zeit macht, dringend auf einen Helfer wie Apple angewiesen. Der Computerhersteller schaffte es in den letzten zehn Jahren schließlich wie kein zweiter, Technologie auch für Normalbürger leicht verständlich nutzbar zu machen und eigentlich ordinären Hardware-Produkten mit seinem Designansatz Stil zu verleihen. Apples berühmter iPod ist der führende MP3-Spieler auf dem Markt -- er soll 80 Prozent Marktanteil haben. Und der iTunes Music Store liegt bei mindestens 70 Prozent im legalen Online-Musikmarkt.
Viele Beobachter meinen, dass vor allem eine leichtere Bedienbarkeit helfen würde, die Podcasting-Gemeinde voranzubringen. "Podcasts sind heute noch viel zu schwierig auf Musikspieler zu übertragen", meint etwa Tim Bajarin, Präsident der IT-Consulting- und Analysefirma Creative Strategies. "Apple bringt nun den Point-and-Click-Ansatz in den Podcasting-Sektor."
Bajarin hatte die Chance, Apple-Chef Jobs zu treffen und sich eine Demonstration der iTunes-Podcast-Seite anzusehen. Die sei beeindruckend, sagt er. Ein neuer "Podcast"-Reiter erscheine auf der iTunes-Homepage. Wer den klickt, bekommt die Podcasting-Hauptseite angezeigt, kann sich dort ausgewählte Sendungen ansehen, die ähnlich wie die "Featured Artists"-Seiten im Musikbereich präsentiert werden.
Teile der Podcasting-Gemeinde hoffen außerdem, dass Apples Eintritt in den Sektor hilft, rechtliche Grauzonen im Bereich der Verwendung kommerzieller Musik in Podcasts aufzulösen. Derzeit sind die meisten Podcasts Talk-Radio-ähnliche Formate, die von Amateuren produziert werden. Andere enthalten aber auch Musik -- und genau hier fehlen genaue Lizensierungsbedingungen. Die Gefahr besteht, dass überzogene Forderungen seitens der Musikindustrie den Sektor ähnlich wie den Streaming-Radio-Bereich ausbremsen könnten.
Wegen fehlender Lizenzen spielen viele Podcaster nur Indie-Musik, die nicht von den Majorlabels stammt -- oder aber Stücke, für die sie eine spezifische Genehmigung seitens der Künstler haben.
Chris MacDonald, Gründungsmitglied und Direktor für rechtliche Angelegenheiten bei der noch jungen Vereinigung "Association of Music Podcasting", die Musik-Podcasting befördern will, kennt die Grauzonen: "Ich sage den Leuten ständig, dass sie vorsichtig sein sollen."
Die Thematik ist komplex. Brauchen die Podcaster eine der vielen Lizenzen, die man zum Spielen von Musik im Radio benötigt? Sind Podcasts überhaupt Radiosendungen? Sind sie eher ein Download? Bislang existieren noch keine entsprechenden Urteile oder Klagen seitens der Musikindustrie. Das liegt wohl auch daran, dass die wenigsten Podcaster Geld für ihre Sendungen verlangen.
"Es wäre keine schlechte Idee, wenn Apple seine Beziehungen zu den Lizenzinhabern (den Plattenlabels) nutzt, um Verträge für Musik-basierte Podcasts auszuhandeln", sagt Whitney Broussard, Anwalt bei der Kanzlei Selverne, Mandelbaum & Mintz.
Egal wie die Lizenz-Geschichte ausgeht: Klar ist, dass Apples Podcasting-Ankündigung den aktuell heißen Trend noch ein gutes Stück populärer gemacht hat. Jeder interessiere sich für eine solche Ankündigung seitens Apple, meint Benjamen Walker, der Mann hinter dem populären Podcast "Theory of Everything Radio". Walker hält die Unterstützung durch den Computerkonzern für großartig, sieht aber auch die Ängste einiger Podcaster, die meinen, Apple versuche nun, den "kleinen Mann" auszuschalten. "Wenn jemand damit aufhört, seinen Podcast zu produzieren, weil er nicht in iTunes auftaucht, sollte er es aber sowieso am besten lassen", so Walker.
Von Eric Hellweg; Übersetzung: Ben Schwan
