Bausatz für Organe
24.10.12 – Sascha Karberg
Erst ausziehen, dann neu einkleiden – so behandelt, werden transplantierte Organe vom Körper akzeptiert.
Täglich sterben in Deutschland etwa drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan bekommen. Aber einige der glücklichen Organempfänger kämpfen auch nach der Transplantation mit dem Tod, weil ihr Immunsystem das fremde Organ nicht akzeptiert. Zumindest aber müssen sie – meist lebenslang – Medikamente mit starken Nebenwirkungen einnehmen, um die Abwehr zu unterdrücken.
Der Mediziner Philipp Jungebluth bastelt deshalb an künstlichen Gerüsten für menschliche Organe als Teil eines europäischen Forscherteams unter der Leitung von Paolo Macchiarini am Karolinska-Institut im schwedischen Stockholm. Wenn die Wissenschaftler diese Kunstgebilde mit einer Hülle von Zellen des jeweiligen Patienten umgeben, können sie die sonst unvermeidbare Abstoßungsreaktion umgehen.
Mit diesem Trick machen die Forscher derzeit entscheidende Fortschritte in der Transplantationsmedizin. Allerdings wäre die Erfolgsstory beinahe gescheitert, bevor das erste Kapitel überhaupt geschrieben war – an der Sturheit eines Piloten der Billig-Airline easyJet: 2008 soll Jungebluth, damals noch an der medizinischen Hochschule Hannover, aus dem englischen Bristol ganz besondere Zellen abholen. An der dortigen Universität sind sie in mühsamer, wochenlanger Arbeit aus den Knochenmarkstammzellen einer Tuberkulose-Patientin gezüchtet worden. Die Zellen werden dringend gebraucht, um daraus ein Stück Luftröhre heranzuziehen, sonst verliert die Frau einen ganzen Lungenflügel.
In den Wochen zuvor haben die Forscher die Luftröhre eines Organspenders sozusagen einer „Striptease-Methode“ unterzogen: Jegliche Zellen werden so lange aus dem Organ gewaschen, bis nur noch ein weißliches Gerüst übrig bleibt – bestehend aus der knorpelartigen Substanz zwischen den Zellen, der sogenannten extrazellulären Matrix. Dieses Gerippe sollen die Zellen aus Bristol jetzt neu besiedeln. Funktioniert das Experiment, wird die Luftröhre vom Immunsystem der Patientin nicht mehr als fremdes Gewebe erkannt und toleriert. So der Plan.
Doch Jungebluth darf die Zellsuppe nicht mit an Bord des Fliegers nehmen. Sie überschreitet die zulässige Flüssigkeitsmenge im Handgepäck von 100 Millilitern. „Wir hatten vorher alles mit der Fluggesellschaft abgesprochen“, erzählt Jungebluth, doch der Pilot habe sich geweigert. Geistesgegenwärtig alarmiert der Mediziner einen Freund bei einem deutschen Unternehmen für Privatflüge. Der schickt sofort eine Maschine nach Bristol, die Jungebluth mit seinem wertvollen Gepäck noch am selben Tag nach Hannover bringt. Die Patientin kann rechtzeitig behandelt werden und muss bis heute keine Medikamente nehmen. Ihr Körper akzeptiert die fremde Luftröhre. Seitdem haben Jungebluth und Macchiarini bereits Dutzenden von Patienten mit dem Verfahren helfen können.
(vsz)
