Chinas Internet-Dilemma
02.07.10 – David Talbot
Für Guobin Yang, Soziologe und Experte für das chinesische Netz an der US-amerikanischen Columbia University, ist der Fall Guo exemplarisch. "Verglichen mit der Studentenbewegung von 1989 beschäftigen sich die heutigen Aktivisten mit Sonderthemen, etwa der Freilassung einer bestimmten Person, dem Umgang mit Korruption oder Umweltverschmutzung. Ein Großteil davon findet im Internet statt, mit weitreichenden Auswirkungen."
Selbst Anwälte und Richter testen die Grenzen der Zensur aus. Anne Cheung, eine Juraprofessorin und Internetforscherin an der Universität Hongkong, berichtet, dass Kollegen immer öfter bislang unbekannte Formen der Regimekritik entdecken. Der Rechtsanwalt Xu Zhiyong beispielsweise bloggt oft über das Schicksal von Bürgern, die in Peking versuchen, Strafanträge zu stellen, und dafür in Geheimgefängnissen landen. "Wer den Mut hat, die Stimme zu erheben, für den ist sehr viel aus Internet und Web 2.0 zu gewinnen", glaubt Cheung. Dennoch ist sie überzeugt, dass die beiden Trends – zunehmende Staatskontrolle einerseits, Wachstum, Kreativität und Aktivismus im Netz andererseits – noch eine Weile aneinander zerren werden. Fortschritte in Richtung eines offenen Netzes erfolgen ihrer Meinung nach in kleinen Stufen, nicht als lineare Bewegung: "Das ist mit dem chinesischen Stil vereinbar – manchmal locker lassen, manchmal fester anziehen, das lässt sich kaum vorhersagen."
MIT-Professor Huang sieht die Entwicklung zuversichtlicher. "Wir sollten Fortschritt in China nicht an Straßenprotesten und an der Verfügbarkeit von Nachrichten über die Proteste bemessen, sondern an der Teilhabe der chinesischen Bürger an politischen Debatten", sagt er. "Im Sinne dieser zweiten Messlatte hat es dank des Internets erstaunliche Fortschritte gegeben. Das Netz ist heute schon dabei, das Land zu wandeln, und in Zukunft wird es China zum Besseren verändern." Selbst Xiaomi, die täglich gegen die "Große Firewall" anrennt, glaubt: "Am Ende könnte sie vielleicht nachgeben."
