Plastic Logic präsentierte auf der Elektronik-Messe CES seinen QUE-Reader. In dem Schwarzweiß-Gerät im A4-Format stecken ein in Deutschland gebautes E Ink-Display auf Plastiksubstrat samt WLAN und 3G-Anbindung. Der Preis von 649 bzw. 799 Dollar dürfte allerdings nur an Geschäftsleute appellieren. CEO Richard Archuleta im Interview mit Technology Review zur Zukunft von e-Readern, dem Dilemma bei Farb-Displays und zur großen Unbekannten namens Apple.
Technology Review: Herr Archuleta, Technikfirmen schwärmen uns seit Jahrzehnten vom “papierlosen Büro” vor. Plastic Logic hat nun seinen Reader vorgestellt, mit dem sie die “papierlose Aktentasche” schaffen wollen. Warum sollen wir diesmal an das elektronische Märchen glauben?
Richard Archuleta: Wir zielen mit dem QUE spezifisch auf Geschäftsleute ab. Die bevorzugen, das zeigt unsere Marktforschung, Dokumente im elektronischen Format anstatt alles auszudrucken. Wenn man dazu noch ein paar Zeitungen und Zeitschriften lesen will, ist der Laptop eine schlechte Lösung. Jeder Geschäftsmann, der viel unterwegs ist, druckt sich deswegen eine ganze Menge aus: Präsentationen, Pläne, Diskussionspapiere. Genau da setzen wir an. Wir wollen weder den Laptop noch das Smartphone ersetzen, sondern die Lücke schließen, die beide Geräte offen lassen: stundenlanges Lesen, das die Augen nicht ermüdet. Dabei ist auch das Format wichtig. Wer sitzt schon gerne um einen Tisch herum, an dem jeder auf seinen Laptop starrt? Wenn eine Präsentation aber auf einem Gerät wie dem QUE ist, kann man ihn wie früher einen Block herumreichen, ohne zu stören. Dieses Argument für mehr Produktivität ist keine Fantasie, sondern für jeden Geschäftsmann nachvollziehbar.
TR: Bislang ist Amazons Kindle die Messlatte. Er hat wie der QUE einen Schwarzweiß-Bildschirm und lässt sich drahtlos mit Inhalten füllen. War der Kindle für Plastic Logic ein Vorbild?
Archuleta: Sony hatte schon vorher elektronische Lesegeräte auf dem Markt, und selbst davor gab es verschiedene erfolglose Versuche. Amazons Kindle hat Verlagen und Verbrauchern die Augen geöffnet, wie viel Mehrwert in elektronischen Büchern steckt. Die Lektüre auf einem e-Reader kann durchaus angenehm sein, und Impulskäufe von Büchern steigern den Umsatz. Der Schlüssel zum Erfolg ist die enge Verzahnung mit den Inhalten und deren Auslieferung. Das hat uns und andere Firmen angespornt – auch wenn wir streng genommen an unserem Gerät arbeiteten, bevor der Kindle überhaupt erhältlich war.
TR: Amazon hat eine andere Zielgruppe im Auge als Plastic Logic. Sie richten sich an eine mobile Elite, die sich ein verhältnismäßig teures Gerät in die Aktentasche steckt. Oder gibt es da Überschneidungen?
Archuleta: Wir haben zwei interessante Dinge heraus gefunden. Testnutzer konsumieren mehr Zeitungen und Bücher, unabhängig davon, wie viele eigene Dokumente sich jemand auf den QUE lädt. Wenn man ein Gerät ständig dabei hat, guckt man schnell mal in eine Zeitung, wenn ein paar Minuten übrig sind. Zweitens setzt die Sammelwut ein. Je einfacher es ist, seine Dokumente stapelweise auf einen Reader zu schieben, desto mehr tragen die Leute mit sich herum. Früher habe ich vielleicht nur ein Papier zu einer Besprechung mitgebracht, jetzt kann ich mir leisten, zwei oder drei Aktenordner Hintergrund mitzunehmen.
TR: Wenn der Kindle bereits die Wende für einen jungen Markt brachte, was ist das Besondere an Ihrem Reader, der erst im April 2010 am Markt sein wird?
Archuleta: Der QUE ist der dritte und vierte Meilenstein bei der Entwicklung von e-Readern. Sony hat dem Konzept Glaubwürdigkeit verliehen, indem sie einer relativ unbekannten Produktkategorie ihre bekannte Marke aufdrückten, auch wenn es nie ein Verkaufsschlager wurde. Amazons Verdienst ist, e-Reader zu einem echten Markt auszubauen. Die nächsten zwei Meilensteine stammen von uns: ein e-Reader, der über die reine Buchlektüre hinaus geht. Unser Display erlaubt die zudem Darstellung von traditionellen Print-Inhalten in einer Form, die das Beste aus der Druckwelt bewahrt und elektronisch erweitert.
TR: Was fehlt noch, bevor Ihre Industrie die Massen für sich gewinnen kann?
Archuleta: In den nächsten paar Jahren wird es Durchbrüche bei den Displays geben: sie müssen dünner, biegsamer und farbig werden. Unser Display ist eines der ersten, das auf Plastiktransistoren und nicht auf einer Glasplatte beruht, aber da hat die Entwicklung erst begonnen. Farbdisplays sind technisch machbar, wir forschen seit ein paar Jahren daran. Unsere Zielgruppe lebt von Text und Grafiken, und da ist Schwarzweiß gut genug.
TR: Reden Sie sich da nicht ein Nischenprodukt schön? Streng genommen ist der QUE kein revolutionäres Produkt, wenn ich Zeitschriften, deren Layout vorher satt farbig war, plötzlich grau in grau lesen soll.
Archuleta: Das kommt drauf an, wie man Fortschritt definiert. Der QUE ist sicherlich ein Schritt nach vorn im Vergleich zu jedem anderen eReader, aber er ist ein Schritt zurück im Vergleich zu aufwändigen Druckerzeugnissen. Deswegen sind Farbdisplays so wichtig, und der Markt bewegt sich bereits. Wir hatten vergangenes Jahr mit Partnern einen funktionsfähigen Farb-Prototypen gebaut, mit derselben Bildschirmdiagonale von rund 27 Zentimetern. Aber mit heute erhältlicher Technologie lassen sich ohne Hintergrundbeleuchtung keine akzeptablen Farben darstellen. Hintergrundbeleuchtung wie bei Laptops oder Smartphones sieht zwar gut aus, aber der ständige Photonenbeschuss ermüdet die Augen. Also steht man vor einem Dilemma.
TR: Das Sie mit dem Verzicht auf Farbe gelöst haben?
Archuleta: Was wir entwickelt hatten, kam zwar ohne Hintergrundbeleuchtung aus, aber die Qualität entsprach Cartoons in der Tageszeitung. Der Farbdruck vieler Zeitungen, von Zeitschriften einmal ganz zu schweigen, sieht besser aus. Das Display war einfach nicht gut genug für den Markt, und gleichzeitig nahm die Schärfe des schwarzweißen Textes ab. Da Lesbarkeit für uns das wichtigste Verkaufsargument ist, bleib es bei einem Prototypen.
TR: Sie müssen dennoch zugeben: An Farbe führt über kurz oder lang aber kein Weg vorbei...
Archuleta: Das ist richtig, deswegen haben wir auch drei Entwicklungsprojekte in England, die mit unterschiedlichen Zielvorgaben an Farbdisplays arbeiten. Ein Team versucht die schwarzweißen Texte so gut zu machen wie sie heute auf den Monochrom-Bildschirmen sind. Das wird ungefähr 18 bis 24 Monate dauern. In einem Jahr werden einige Firmen bereits dünne Farb-Reader auf den Markt bringen. Wir könnten das bereits tun, aber wir wollen bei der Textqualität keine Abstriche machen.
Ein zweiter wichtiger Faktor für den Siegeszug von e-Readern ist der Preis. Da steht der QUE mit bis zu 800 Dollar für acht Gigabyte Speicher an der Spitze. Warum so viel Geld für ein Schwarzweiß-Gerät ausgeben, wenn ich für denselben Betrag ein Netbook oder Laptop kaufen kann?
Wir haben eine Menge Marktforschung betrieben, um festzustellen, was Geschäftsleute für ein solches Produktivitätswerkzeug zu zahlen bereit sind. Unsere Preise liegen bequem im akzeptablen Bereich. Wenn jemand allerdings nur Bücher lesen will, ist der Preis ohne Frage zu hoch. Der Kindle, Sonys Reader und andere Geräte sind für den Massenmarkt.
TR: Zum Anschaffungspreis gesellen sich dann schnell andere Gebühren, für einen Datenplan oder für die unterschiedlichen Inhalte, die man herunter lädt.
Archuleta: In den USA haben wir mit AT&T vereinbart, dass die Gebühren für den UMTS-Dienst im Preis für Bücher und Periodika inbegriffen sind, der Kunde also nichts drauflegt. Mit der Zeit wird es sicher andere, neue Geschäftsmodelle für Reader geben, etwa einen von Verlagen oder Netzbetreibern subventioniertes Gerät, wenn man bestimmte Bündel an Dienstleistungen kauft.
TR: Die Displays für den QUE werden bei Dresden gefertigt, aber europäische Kunden müssen wieder einmal länger warten. Woran liegt das?
Archuleta: Es gibt eine ganze Reihe Gründe. In Europa sind die Tarifmodelle beim Mobilfunk völlig anders. Wir müssen Vereinbarungen mit Netzbetreibern in den verschiedenen Ländern treffen, und die Diskussionen laufen noch.
TR: Wird der QUE zumindest noch in diesem Jahr in Deutschland erhältlich sein?
Archuleta: Dazu kann ich leider nichts sagen. Nur so viel: Wir sind eine kleine Firma, die ihr Geschäft erst noch aufbauen muss. Wenn man zu schnell expandiert, enttäuscht man schnell seine Kunden. Deswegen wollen wir mit Bedacht wachsen und unsere Beziehungen mit Verlagen und Einzelhändlern gründlich aufbauen. Das tut man am besten in einem großen, homogenen Markt wie den USA. Wenn es läuft, können wir das Modell in anderen Ländern kopieren.
TR: Können Sie mit Ihrem deutschen Werk die Nachfrage bedienen, oder haben Sie bereits Expansionspläne?
Archuleta: Für dieses Jahr sind wir mit unserer bestehenden Fabrik sehr zufrieden und die Kapazitäten sollten ausreichen. Wenn wir bei unserer Produktpalette und international expandieren, stellt sich die Frage nach neuen Werken, und da ist Dresden unsere erste Wahl.
TR: Das große Fragezeichen, das über dem gesamten Reader-Markt hängt, heißt Apple. Freuen Sie sich auf die große Show mit Steve Jobs, der Ende Januar in San Francisco ein iTablet vorstellen soll?
Archuleta: Natürlich schaut jeder auf Apple. Was sie mit dem iPhone innovativ geleistet haben, hat alle Hersteller gezwungen, neu an das Konzept Smartphone heranzugehen. Wenn jetzt neue Slates oder Tablets auf den Markt kommen, werden sie unter anderem Software beinhalten, um Bücher und andere Dokumente zu lesen. Aber auch für sie stellt sich die Grundfrage nach der Lesbarkeit. Kann man das Gerät stundenlang halten, ohne Augen und Hände zu belasten? Traditionelle Displays wie Laptop-LCDs bringen das nicht. Das wird eines der großen Unterscheidungsmerkmale sein. Dann stellt sich die Frage nach der Nutzung. Wir kümmern uns nicht um den Massenmarkt und um Unterhaltung, sondern um eine Nische. Aber ich denke, dass sich Apple genau ansieht, was wir mit dem QUE geleistet haben.
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