Lebensmittelanbieter testen neue Technologien, um den Energieverbrauch und damit die Unterhaltskosten ihrer Supermärkte zu senken.
Um Einkäufern im Supermarkt kalte Schauer über den Rücken zu jagen, braucht es keine Skandale um Gammelfleisch oder Dioxin im Ei. Allein schon der Gang zum Milch- und Joghurtregal kann für eine Gänsehaut sorgen: Damit die gut gekühlten Produkte leicht zugänglich sind, werden sie in offenen Regalreihen angeboten. Ein Großteil der kalten Luft entweicht dabei in den Verkaufsraum – und kühlt die Kunden gleich mit. Energieeffizienz sieht anders aus. Zu Hause käme wohl niemand auf die Idee, die Kühlschranktür offen stehen zu lassen, damit man schneller an die Milch kommt.
Das ist nun auch den großen Lebensmitteldiscountern auf-gefallen. Denn der Primärenergieverbrauch ist bei Supermärkten generell sehr hoch: Rund zehnmal so viel Strom wie ein gleich großes Bürogebäude verbraucht ein durchschnittlicher Supermarkt in Europa, schätzt das Energy Research Centre of the Netherlands. Hauptstromfresser mit einem Bedarf von rund zwei Dritteln der Gesamtmenge ist die Kühlung. Nahezu alle namhaften Lebensmittelanbieter, von Rewe und Edeka über Tengelmann bis zu Lidl und Aldi, setzen deshalb inzwischen auf energieeffizientes Bauen. "Vor allem ressourcenschonende Technologien wie Photovoltaik, Geothermie oder energiesparendere Klima- und Kühltechnik stehen dabei im Fokus", sagt Norbert Fisch, Leiter des Instituts für Gebäude- und Solartechnik an der Technischen Universität Braunschweig. Auch wenn es den Unternehmen vermutlich in erster Linie um ihr Image gehe – schlecht seien diese Maßnahmen trotzdem nicht, so der Experte. Inwieweit sich die Investitionen in "grüne Läden" langfristig auszahlen, müsse allerdings noch wissenschaftlich untersucht werden.
So zum Beispiel in der Ende Oktober neu eröffneten Forschungsfiliale von Aldi Süd in Rastatt bei Karlsruhe. Der von außen eher unscheinbare Neubau ist geradezu verwanzt mit Sensortechnik: Temperatur- und Druckfühler, Stromzähler, Beleuchtungsstärkemesser sowie Feuchtigkeits- und Kohlendioxidsensoren überwachen die technischen Systeme. Am Ende laufen rund 150 unterschiedliche Signale bei Nicolas Réhault vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg zusammen. Der Experte für Betriebsführung und Optimierung von haustechnischen Anlagen untersucht im Auftrag von Aldi und dem Bundeswirtschaftsministerium, ob das Zusammenspiel der neuen Technologien auch so funktioniert, wie es soll. Besonders im Blick haben muss der Forscher das Herz seines neuen Untersuchungsobjektes, den geothermisch gestützten Kohlendioxid-Kälteverbund.
Die Kombi-Anlage liefert die gesamte erforderliche thermische Energie, um Kühl- und Tiefkühlmöbel zu betreiben und den Markt zu heizen oder zu kühlen. Das durch die Erdwärme konstant auf 10 bis 16 Grad Celsius temperierte Wasser aus den acht etwa 100 Meter tiefen Bohrungen unterhalb des Parkplatzes werde dabei im Winter mithilfe einer Wärmepumpe "auf wohlige Raumtemperaturen gebracht", erklärt Réhault. Im Sommer wird das Tiefenwasser über einen in die Anlage integrierten Wärmetauscher genutzt, um bei der Klimatisierung des Marktes zu helfen.
Auch beim Tiefkühlen der Ware setzt man in Rastatt auf einen neuen Ansatz: Erstmals wurde dort ein Gesamtkühlkreislauf entwickelt, in den auch die Abwärme aus den Gefriermöbeln einfließt. Gewöhnlich umfasst der Kühlkreislauf nur die sogenannte Frischekühlung bei Temperaturen leicht über null Grad Celsius. Tiefkühltruhen werden bei Discountern bisher unabhängig vom Rest des Systems mit Strom aus der Steckdose betrieben. Das Problem dabei: Sie geben ihre Abwärme unkontrolliert in den Raum ab. Das heize den Markt auch im Sommer, wenn es unnötig ist, sagt Réhault. Mit der Erweiterung des Kühlkreislaufs lassen sich 80 Prozent der Energie für Heizung und Klimatisierung aus der Abwärme der Kälteproduktion gewinnen.
Das habe gleich mehrere Vorteile, sagt der ISE-Forscher: Zum einen brauche man im Sommer keine zusätzliche Klimaanlage mehr, zum anderen sei die Abwärmeausbeute jetzt so hoch, dass auch der sonst übliche Gaskessel als Unterstützung für besonders kalte Wintermonate verzichtbar sei. Verglichen mit einem üblichen Aldi-Markt soll die Neuerung den Primärenergiebedarf halbieren. Zusätzliche Einsparungen in diesem Bereich soll Aldi ein besonders dicht abschließendes Rollo für die Frischeregale bringen, das nach Ladenschluss heruntergefahren wird. Wie profitabel der Energiesparmarkt in Rastatt mit all seinen technischen Finessen künftig sein wird, weiß Réhault jedoch noch nicht.
Dirk Reimann ist da bei seinem Vorzeigeprojekt, dem 2009 eröffneten Rewe Green Building in Berlin-Rudow, schon etwas weiter. "Wenn man es geschickt anpackt, dann kann man den Markt sehr wirtschaftlich betreiben", sagt der Leiter Bauwesen der Rewe-Gruppe. Auch Rewe setzt auf die Nutzung der verschiedenen Abwärmeströme, eine CO2-Kühlanlage, über Nacht verschließbare Frischeregale und Erdwärme. Die Geothermieanlage rechne sich nach derzeitigem Stand erst nach mehreren Jahrzehnten, sagt Reimann. Mit den 2000 Quadratmeter Solarzellen auf dem Flachdach des Green Buildings könne man da schon kurzfristiger kalkulieren. Insgesamt 40 Prozent des Energiebedarfs produziere der Supermarkt auf diese Weise selbst, bilanziert Reimann. Was das Green Building zusätzlich auszeichne, sei der konsequente Einsatz von nachhaltigen Baumaterialien, etwa Stahl – und vor allem Holz, fügt er hinzu: "Als einziger Supermarkt in Deutschland haben wir daher das Gold-Prädikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen erhalten."
Neu bei allen grünen Supermärkten ist auch das Beleuchtungskonzept: Tageslicht liegt im Trend. In Berlin-Rudow lassen 18 Lichtkuppeln im Dach und ein 280 Meter langes Fensterband in der Fassade sprichwörtlich die Sonne rein. Am Tag können die elektrischen Lampen deshalb mittels Helligkeitssensoren heruntergeregelt werden. "Was zwar im Vergleich zu den anderen Maßnahmen nicht viel, aber etwas Strom spart", sagt Reimann. Hauptmotivation der Supermärkte, vermehrt Tageslicht zu nutzen, dürfte jedoch die Hoffung auf einen gesteigerten Umsatz sein: 1995 baute die Wal-Mart-Kette eher zufällig Oberlichter in eine Dachhälfte eines ihrer Märkte in Kansas ein. Überraschend stellte die Wal-Mart-Leitung danach fest, dass die Umsätze in dem Ladenteil mit Tageslicht signifikant höher waren als in den vergleichbaren Abteilungen ihrer anderen Geschäfte.
Johannes Lang, Sprecher des Wirtschaftsministerium-Förderkonzepts "EnOB – Forschung für Energieoptimiertes Bauen", hält das Interesse der Supermarktketten an nachhaltigem Bauen für ein wichtiges Signal: "Wenn erkennbar ist, dass Energieeffizienz hochprofessionell umgesetzt wird, kann sich das Thema auch in der Wirtschaft und in den Haushalten besser durchsetzen." Norbert Fisch sieht das ähnlich, fordert aber noch mehr Engagement: "Nicht Energie sparen – Energie erzeugen, das müssen Gebäude in Zukunft", sagt er. "Ich wohne in so einem Plusenergiehaus – mal schauen, wann die anderen nachziehen."
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 02/2011 von Technology Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.
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